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Ritz versteigert Mobiliar : Legenden zu verkaufen

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Die Aura des Hauses an der Place Vendôme wurde seit den Fünfzigern auch in Hollywood-Filmen eingefangen, zum Beispiel in „Ein süßer Fratz“ und „Wie klaut man eine Million“ mit Audrey Hepburn. Bild: ARTCURIAL

Wie wäre es mit einem Barhocker, auf dem schon Hemingway saß? Das Luxushotel Ritz in Paris versteigert Einrichtungsgegenstände aus fast 120 Jahren Hotelgeschichte.

          „Überfluss? Das ist im Ritz wie eine Bibel.“ Wer hätte das besser gewusst als der amerikanische Schriftsteller-Dandy Francis Scott Fitzgerald. Mit seiner Frau Zelda gehörte er in den zwanziger Jahren zu den Stammgästen und trug dazu bei, den Ruf dieses Hotels als Luxus-Ort zu festigen. Mit seinem Kollegen und Freund Ernest Hemingway hatte er einen eigenen Tisch in der Hotelbar. Später wurde eine Suite nach Fitzgerald benannt und eine der drei Ritz-Bars nach Hemingway.

          Überfluss als Glaubensgrundsatz wird auch in der kommenden Woche zu erleben sein. Vom 17. bis 21. April werden insgesamt 3500 Lose mit 10.000 ausrangierten Einrichtungsgegenständen bei Artcurial zur Versteigerung aufgerufen. Dann kommen nicht nur edel bezogene Sessel und Sofas aus der Zeit Ludwigs des XV. oder XVI., Schreibtische im Empire-Stil, prächtige Taftvorhänge, Kronleuchter und samtgepolsterte Barhocker unter den Hammer, sondern auch der Mythos des Ritz. Jeder Gegenstand ist mit einem Siegel des Hotels gekennzeichnet, das den Mehrwert eines kostbaren Souvenirs bescheinigt. Die Devise der Auktion: „Es war einmal … das Ritz Paris“.

          Aus der „Suite Scott Fitzgerald“ etwa lässt sich bei einer Taxe zwischen 600 und 800 Euro ein mit lachs- und champagnerfarbenem Taft bezogener Lehnsessel im Stil Ludwigs XV. ersteigern. Ein Schild mit der goldenen Aufschrift „Bar Hemingway“ geht mit einem Schätzpreis von 300 bis 400 Euro ins Bietergefecht und erinnert an den trinkfesten Schriftsteller, um den sich so manche Legende rankt. So ließ der Stammgast 1956 einen Vuitton-Koffer aus dem Keller des Ritz heraufholen, den er 1928 dort deponiert und dann vergessen hatte. Aus den Notizen darin entstand das Buch „Paris, ein Fest fürs Leben“.

          Ein Familienpalast bis ins kleinste Detail

          Als César Ritz Ende des 19. Jahrhunderts das Hotel an der Place Vendôme gründete, stand ihm der Inbegriff französischen Geschmacks und aristokratischen Stils vor Augen. Die Einrichtung sollte wirken, als wäre sie über Generationen angesammelt worden. Ritz wollte den Gast in einen Familienpalast eintreten lassen, in dem er sich heimisch fühlt und diskret und vorzüglich bedient wird. Die besten Kunsthandwerker verwirklichten diesen Stil bis ins kleinste Dekorations-Detail. Das Ritz wurde zu einem Ort, an dem sich alte Aristokratie, die Vermögenden des Industriekapitalismus und die Kulturelite trafen.

          Marcel Proust besuchte die Eröffnungsfeier im Juni 1898 und gehörte mit dem Kronprinzen Eduard VII., den Rockefellers und Rothschilds zu den ersten Stammgästen. Der Autor beobachtete die mondäne Gesellschaft und empfing seine Freunde in einem kleinen Salon in der ersten Etage. Hier entstanden einige Kapitel seines Romans „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Aus dieser Zeit ist noch eine Badewanne mit umständlichem Duschaufsatz geblieben, die nun mit einer Taxe zwischen 1500 und 2500 Euro zur Auktion steht. Aus dem „Salon Proust“ stammen Sofas, mit ockerfarbenem Samt und gemustertem Damast bezogen (Taxe 3000/4000 Euro), und ein Tisch im Régence-Stil mit Marmorplatte und vergoldetem Holz (Taxe 3000/4000 Euro).

          Heimat illustrer Gäste

          Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Ritz auch zum Treffpunkt von Stars aus Film und Mode wie Sarah Bernhardt, Marlene Dietrich und Charlie Chaplin. Coco Chanel hatte schon in den Zwanzigern zeitweilig im Ritz gewohnt und mietete 1937 dauerhaft eine Suite, in der sie bis zu ihrem Tod 1971 lebte; der Hinterausgang an der Rue Cambon lag gegenüber ihres Couture-Ateliers. Mit der Besetzung Frankreichs wurde das Ritz 1940 als Hauptquartier für die deutsche Luftwaffe beschlagnahmt. Damit arrangierte sich Coco Chanel problemlos. Sie hatte ein langjähriges Verhältnis mit Baron Hans Günther von Dincklage, einem Sonderbeauftragten des Propagandaministeriums, und führte sogar heimliche Aufträge für die deutsche Abwehr aus.

          Das Ritz benennt seine 15 Luxussuiten auch heute noch nach den illustren Gästen der Vergangenheit. Das Mobiliar der ehemaligen Einrichtung der „Suite de Mademoiselle Chanel“ hat eine asiatische Note. Ein in goldgelbem Taft bezogenes Betthaupt mit einem Paar schwarzgelackter Nachttischchen und zwei dekorative chinesische Dschunken sind jeweils mit einer Schätzung von 2000 bis 3000 Euro versehen.

          Aus der „Suite Scott Fitzgerald“ lässt sich bei einer Taxe zwischen 600 und 800 Euro dieser mit lachs- und champagnerfarbenem Taft bezogener Lehnsessel im Stil Ludwigs XV. ersteigern. Bilderstrecke

          Die Aura des Hauses an der Place Vendôme wurde seit den Fünfzigern auch in Hollywood-Filmen eingefangen, zum Beispiel in „Ein süßer Fratz“ und „Wie klaut man eine Million“ mit Audrey Hepburn oder zuletzt in Woody Allens „Midnight in Paris“. In „Ariane – Liebe am Nachmittag“ liefern sich Audrey Hepburn und Gary Cooper in einem Ritz-Zimmer ein verbales Gefecht. Die gleichen Betten mit Verstrebungen in vergoldetem Metall wie in dieser Filmszene kommen nun ebenfalls zur Versteigerung (Taxen zwischen 400/600 Euro und 800/1000 Euro).

          Vor dem traditionellen Hintergrund wirken auch neue Trends. Daher zeigte hier das Modehaus Schiaparelli 1977 das teuerste Abendkleid der Welt, mit 512 Diamanten bestickt. Mario Testino, Ellen von Unwerth und Dominique Issermann fotografierten Modestrecken im Ritz. Und namhafte Mode- und Schmuckdesigner stellen noch heute in der Eingangshalle aus. Bei Artcurial werden alte Ausstellungsvitrinen einzeln oder paarweise aufgerufen, mit Schätzpreisen zwischen 300/400 Euro und 600/800 Euro.

          Die Taxen wirken teils bescheiden – die Auktion wird am Telefon, via Internet und im Saal ein großes Publikum anziehen. Die Schätzpreise fangen bei 60 bis 80 Euro für eine kleine Goethe-Büste aus Porzellan an. Zu den teuersten Losen gehört ein Ledersofa, in dem einst die Besucher der Ritz-Bar versanken (4000/6000 Euro). Die Garnituren mit Frotteehandtüchern, Schlappen und Bademänteln in einer Pfirsichfarbe (eigens von César Ritz ausgesucht, soll den Teint weicher erscheinen lassen) wirken mit golden aufgesticktem Emblem unwiderstehlich (300/500 Euro). Und die beiden Hundekörbchen im Stil Ludwigs XVI. werden mit Sicherheit in einem Bietergefecht über die Taxe von 600 bis 800 Euro getrieben.

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