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Renaissance in der Mode : Sind Hüte wieder im Kommen?

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Ein Hutgesicht? Schauspieler John C. Reilly bei den Filmfestspielen in Venedig Bild: dpa

Seit den sechziger Jahren haben wir entschieden: Hüte passen nicht mehr in die Zeit. Welche Chancen haben sie heute, in einer individualisierten Gesellschaft?

          Wer Hut trägt, fällt auf. Wer keinen Hut trägt, hat dafür ebenfalls eine Erklärung: Man könne Hüte heutzutage nicht mehr tragen, weil man derart angeschaut werde; man habe kein Hutgesicht. Dass die Mode das Verhältnis zwischen Individuum und Kollektiv verhandelt, dass sich Gesellschaften über Identifikation und Distinktion definieren, zeichnet sich an kaum einem Accessoire besser ab als am Hut – und an dessen Gebrauch oder Nichtgebrauch.

          In der Frage, was man sich erlauben kann und will, kommt die Scheu vor dem Tragen des Hutes ins Spiel. Aus der Selbstverständlichkeit einstiger Tage, als es ungehörig gewesen wäre, insbesondere bei speziellen Anlässen wie dem Kirchgang keinen Hut zu tragen, ist eine zu begründende Ausnahme geworden. Was vom Mainstream akzeptiert wurde, bedarf keiner weiteren Legitimation. Soziologisch spannend wird diese Konstellation in einer wohlgemerkt individualisierten Gesellschaft, die scheinbar paradox davor zurückschreckt, sich herausragend zu exponieren.

          Auch die These, man habe kein Hutgesicht, sagt einiges über das Selbstbild des Individuums aus. Selbst-adskribierte körperliche Merkmale werden als scheinrationales Ausschlusskriterium bemüht, um auf physischer Ebene auszutragen, was letztlich eine Frage der Identität und deren Verkörperung ist. Wenn das Gesicht nicht zum Hut passt, liegt dies weniger am Objekt selbst denn an all jenen Bedeutungen, die mit dem einen wie dem anderen verbunden werden.

          Der Schuh drückt, wenn er nicht zum Selbtbild passt

          Hinzu kommt die Haltung. Ähnlich zum Tragen kommt sie am anderen Körperende: mit den Schuhen. Ob Sneakers und Trekking-Sandalen oder High Heels und Budapester, das ist nicht nur eine Frage des Praktischen: Der Schuh drückt, wenn er nicht zum Selbstbild passt. Einstellung, Lebensumfeld, Prioritäten und Werte entscheiden über den Auftritt. Im Fall der Hüte bedeutet das: Selbstbewusst will eine Kreation getragen werden, denn sie überzeugt erst, wenn dies auch selbstverständlich geschieht. Andernfalls gerät der Hut zur unglaubwürdigen Verkleidung.

          Erleben die Hüte eine Renaissance?

          Ein Hutgesicht vollzieht nichts anderes, als die Symbolik der Kopfbedeckung mit der eigenen Identität übereinzubringen. Während Heinz Rühmann als tollpatschiger „Hauptmann von Köpenick“ bezeichnenderweise am Helm und den mit Sporen bewehrten Schuhen aufzeigt, dass ihm die Rolle über den Kopf zu wachsen droht, beweist Audrey Hepburn als „Sabrina“ das Gegenteil: Ein eng anliegendes Käppchen setzt ihrem Look die Krone auf, als sie von einem Aufenthalt in Paris zwecks Liebeskummer-Entwöhnung als elegante Schönheit zurückkehrt. Die Bekleidung erhält ihre Wirkung freilich erst durch die Bewusstseinsschule, die Sabrina bei einem alten Herrn Baron durchlaufen hatte.

          Heute stellt das Tragen eines Hutes vor kulturelle Herausforderungen. Weitgehend einfach gestaltete sich die Fragestellung in starr definierten Gesellschaften, in denen Kopfbedeckungen Hüter von Konventionen waren. Nur freie Personen durften ihr Haupt bedecken; entlassene Sklaven schmückten sich stolz mit dem Pileus, welcher zu Zeiten der Französischen Revolution mit der phrygischen Mütze verwechselt wurde. Diese in der Antike aus gegerbten Stierhoden gefertigte hornartige Kappe avancierte zum Freiheitssymbol der Jakobiner.

          Historische Umbrüche förderten neue Kopfbedeckungen

          Damit werden die Funktionen der Mode deutlich: Während Kleidung die physische Hülle bezeichnet, beschreibt die Mode deren Bedeutung. Modische Ausprägungen fangen da an, wo Individuen die Freiheit zur Selbststilisierung haben. Kaum ein Kleidungsstück könnte derart mit Bedeutungen aufgeladen werden wie der Hut, welcher beim Tragen skulptural seine Eigenständigkeit bewahrt. Wer sein Gesicht zeigt, der zeigt es geprägt durch die Erscheinung des Hutes. Der Hut ist ein Identitäts-Signet.

          In den Sechzigern musste er noch vor den abgeschnittenen Zöpfen Federn lassen. Als Standes- und Herrschaftssymbol passten Hüte nicht mehr in eine Zeit, die sich von festgeschriebenen sozialen Unterschieden distanzierte. Während bislang jeder historische Umbruch neue Kopfbedeckungen entwickelte oder alte symbolisch neu besetzte, fehlte nun die Form, welche der neuen Situation Ausdruck verlieh. Lediglich zu besonderen Gelegenheiten wird heute noch Hut getragen, sei es als Verkleidung im Fasching, wenn gezielt Rollen übernommen und überkarikiert werden, oder bei Festen. Im Alltag hingegen fehlen längst Regeln zu Formen und Trageweisen.

          Dies ist wenig verwunderlich, zeichnet sich die gegenwärtige Gesellschaft doch aus durch das Auf-sich-selbst-verwiesen-Sein des Individuums, losgelöst von seiner einst stabilisierenden gesellschaftlichen Position. Individualisierung im soziologischen Sinne attestiert allerdings nicht jeden Menschen zum Parade-Individualisten, sondern beschreibt die Herausforderung, sich selbst zu definieren. Orientierung wird gesucht und vielleicht sogar ein Stück weit gefunden, indem auf Individualität und das damit verbundene Wagnis, sich zu weit aus dem Fenster zu lehnen, verzichtet wird, auch aus Sorge, mangels Dekodierbarkeit der eigenen Signale nicht mehr dazuzugehören.

          Hüte der Konvention: Amerikanische Rekruten stehen in einer New Yorker Straße nach der Kriegserklärung Präsident Wilsons 1917 Schlange.

          Interessanterweise hat gerade das Attribut der Zugehörigkeit umso mehr an zumindest kommunikativer Bedeutung gewonnen, je stärker einst obligatorische Vergemeinschaftungen über Verwandtschaft, Landes- oder Religionszugehörigkeit ihre Verbindlichkeit verloren haben. So bestünde zwar die Freiheit, Hut zu tragen; es fehlt aber die Kulturfertigkeit, sich einer Kopfbedeckung zu bedienen, die nicht mehr Bestandteil aktueller Bekleidungspraktiken ist. Einen zaghaften Gegentrend markieren die Modelle auf dem Laufsteg, zum Beispiel jene mit sonnenschirmgroßen Krempen bei der Schau von Jacquemus für diesen Herbst oder die Filzhüte von Dior.

          Die Aussage, es käme alles wieder in Mode, wird trotz fortlaufender Wiederholung nicht zutreffender. Selbst ein identisches Stück erlangt Jahrzehnte später eine andere Bedeutung durch neue Trageformen. Komplett-Looks haben ausgedient, und Bricolage, wie sie sich in ähnlicher Weise in Lebensläufen wiederfindet, ist die Zeitzeugin einer neuen Form patchworkartiger Identitätsbildung. Freilich bedeutet das Huttragen Aufwand, sich mit sich selbst und seiner modischen Identität auseinanderzusetzen. Ein Aufwand, der sich lohnt: Mit kaum einem Stück Mode lassen sich Veränderungen so chamäleongleich vollziehen.

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