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Abschied von Dior : Raf geht rasch

Abschied aus Paris: Raf Simons Bild: AFP

Überraschend tritt Dior-Chefdesigner Raf Simons ab, nach nur dreieinhalb Jahren. Vielleicht wollte er die neuen Zeiten in der Mode nicht mehr verstehen.

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          Hätte man etwas ahnen können, als er uns vor wenigen Monaten zu einem seiner seltenen Interviews empfing? Der Tag nach einer Schau, in der Dior-Firmenzentrale im achten Pariser Stadtbezirk. Noch 24 Stunden zuvor hatte Raf Simons Animal-Prints über den Laufsteg geschickt, ganz wie damals, als Christian Dior, der Gründer des legendären Modehauses, das Simons als Chefdesigner in die Zukunft führen sollte, den Leo-Look in die Mode brachte. Raf Simons machte das gerne: supermoderne Mode auf den Laufsteg bringen, die noch einmal brav der Vergangenheit zunickt.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Machte – denn nun ist Schluss. Überraschend teilte Dior am Donnerstagabend mit, dass der 47 Jahre alte belgische Designer das Modehaus verlässt. Die letzte Kollektion des Chefdesigners, die er am 2. Oktober in Paris zeigte, war wirklich die letzte. Er habe sich das lange überlegt, ließ Raf Simons mitteilen, und habe sich so entschieden wegen seines Wunschs, „mich auf andere Interessen in meinem Leben zu konzentrieren“. Das schließe seine eigene Modemarke ein und die Privatinteressen, die ihn außerhalb der Arbeit umtreiben. Der LVMH-Vorstandsvorsitzende Bernard Arnault und der Dior-Geschäftsführer Sidney Toledano danken ihm in der Mitteilung für seinen „außergewöhnlichen Beitrag“ zu der Marke.

          Raf Simons hatte erst vor dreieinhalb Jahren den Posten des Chefdesigners übernommen, als Nachfolger des wegen antisemitischer Äußerungen entlassenen John Galliano („I love Hitler“). Und somit, wenn man es historisch genau herleitet, auch als Nachfolger von Christian Dior, Yves Saint Laurent, Marc Bohan und Gianfranco Ferrè. Anders als sein direkter Vorgänger Galliano ging Raf Simons mit großem Respekt an den großen Namen heran. Symbol dafür war die Bar-Jacke, die klassische taillierte Dior-Jacke, die er gleich in seiner ersten Couture-Kollektion und dann immer wieder über den Laufsteg schickte, in leichter Variation von längst Vergangenem.

          In seiner ersten Couture-Schau im Jahr 2012 holt Raf Simons die Bar-Jacke aus dem Archiv und passt sie an die Gegenwart an.

          Unter ihm fand Dior zu sich zurück

          „Die Dior-Codes der Jahre 1947 bis 1957 konnte ich in der Zeit, bevor ich anfing, nicht mehr erkennen“, sagte Simons uns in der Dior-Zentrale. So stark hatte er zuvor noch nie über Galliano geurteilt, der sich mit seinen barocken Orgien vor allem selbst gefallen wollte und sicherlich nicht in erster Linie die Tradition des Firmengründers Christian Dior (1905-1957) hochhielt. „Ich habe mir das über eine lange Zeit angeschaut“, sagte Simons, der zuvor sieben Jahre lang in Mailand bei Jil Sander gearbeitet und sich offenbar gut auf einen der Top-Jobs von Paris vorbereitet hatte. „Was die Dior-Frau ausmacht, wofür sie steht“, so sagte er, „habe ich nicht mehr erkennen können.“

          Als die Frau Jil Sander im Jahr 2012 für drei Saisons ins Haus Jil Sander zurückkehrte, ging Raf Simons auf natürliche und doch abrupte Art – ein bisschen so wie jetzt. In seiner Ära bei Dior von 2012 bis 2015 konnte man nun gut erkennen, was die Dior-Frau ausmacht. Diese Marke hat binnen drei Jahren zu sich zurückgefunden. Die Animal-Prints, die Overknee-Stiefel, die nunmehr leichter geschnittene Bar-Jacke oder die wippenden Maiglöckchen-Röcke – das sind Kleidungsstücke, die Frauen länger als nur ein paar Monate tragen wollen.

          Raf Simons passte den Dior-Look auf erstaunliche Weise seinen eigenen Design-Codes an – und umgekehrt. Die perlenbestickten Sneaker, die Catsuits und Jumpsuits mit psychedelischen Mustern, die schon bei Jil Sander getesteten starken Farbkontraste, die asymmetrisch geschnittenen Mäntel und kurzen Röcke gaben der Marke trotz aller Traditionsverliebtheit einen supermodernen Touch. Doppel-Perlen-Ohrstecker entwarf er gleich mehrere Saisons vor allen anderen Designern.

          Ein Designer, der nicht gern im Mittelpunkt steht

          Raf Simons nimmt die Dinge genau. Er ist kein Designer, der gerne im Mittelpunkt steht oder sich im Interview in PR-Phrasen verliert. Dazu arbeitet er auch zu gern. „Die Tage hier sind sehr strukturiert“, erzählte er uns. Seine Designer hatte er geteilt – in Teams für die zwei Haute-Couture-Kollektionen pro Jahr, für die zwei Prêt-à-porter-Kollektionen und für die immer wichtiger werdenden Zwischenkollektionen.

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