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Punkmode : „Ich war klein und naiv, aber ich wollte dabei sein“

Der Zopf als Markenzeichen: Ines Ortner, genannt Rapunzel, 1983; das Foto stammt aus einem Fotoautomaten. Bild: privat

Im Alter von zehn Jahren stieg Ines Ortner in die Hamburger Punkszene ein und wurde zu einer ihrer Schlüsselfiguren. Heute hängt ihre Mode im Museum. Wie schaut sie auf den Stil dieser vergangenen Zeit zurück? Und was ist daraus entstanden?

          5 Min.

          Frau Ortner, Anfang der Achtzigerjahre waren Sie ein Teenager. Wie würden Sie heutigen Jugendlichen Ihren Einstieg in die Punkszene erklären?

          Jennifer Wiebking
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das fing eigentlich viel eher an. Die ersten Punks habe ich im Alter von zehn Jahren kennengelernt. Das war 1978. Schon zwei Jahre zuvor, mit acht, erinnere ich mich, bin ich mit meiner Mama am Mönckebergbrunnen in Hamburg vorbeigefahren und fand das Bild, das sich da bot, so faszinierend. Diese Szene war bunt, groß, einzigartig. Für mich war das eine Kunst, die mich auf Anhieb neugierig gemacht hat.

          Und dann mit zehn Jahren?

          Da bin ich mit der Kirchengemeinde und anderen Kindern auf einen Freizeithof gefahren. Irgendwann hörte ich Musik aus einem Zimmer über dem Schuppen. Die Band nannte sich Traum­schiss, und das sind bis heute Freunde von mir. Das war’s dann für mich. Bei den Proben habe ich zugehört und die Kreise dieser Menschen von da an gesucht. Mit zwölf habe ich meine Haare abgeschnitten und einen Zopf wachsen lassen.

          „Kleider waren mein wichtigster Ausdruck“: Ines Ortner im Jahr 1986, das Foto stammt aus einem Fotoautomaten.
          „Kleider waren mein wichtigster Ausdruck“: Ines Ortner im Jahr 1986, das Foto stammt aus einem Fotoautomaten. : Bild: privat

          Der Zopf wurde zu ihrem Markenzeichen: Rapunzel.

          Die Presse war schuld, dass ich diesen Namen bekommen habe. Irgendjemand hat mich so vorgestellt. Im Nachhinein ist es erschreckend zu sehen, wie klein und naiv ich damals war, aber ich wollte dabei sein.

          Und allein über die Jugendfreizeit sind Sie Teil dieser Szene geworden?

          Ja, das war ausschlaggebend. Über die Jungs habe ich viele Bands kennengelernt, und wir haben zusammen Musik gehört. Damals gab es Punk hauptsächlich auf Singles. Genau kann ich mich nicht mehr erinnern, aber ich bin dann einfach am Mönckebergbrunnen aufgetaucht, sehr wahrscheinlich allein. Dort habe ich schnell Freundschaften ge­schlossen, und von dort aus ging es dann auch zu den Konzerten. Irgendjemand wusste immer, wo eins war. Wir sind viel Bahn gefahren, weil die meisten Konzerte in den Randgebieten stattfanden, dort wo sich die Jugendzentren befanden, die unsere Musik aktiv unterstützt haben.

          Ortner bei einem Auftritt in den Neunzigerjahren
          Ortner bei einem Auftritt in den Neunzigerjahren : Bild: Alfred Zimmel

          Wann haben Sie selbst angefangen, Musik zu machen?

          Ich bin mit Musik aufgewachsen. Als kleines Mädchen habe ich zu Hause Flöte und Orgel gelernt, ein bisschen Klavier und Geige kamen später hinzu. Von beiden Elternseiten kam viel Musik. Mit 17 bin ich dann von meinen Eltern geflüchtet und für ein Jahr in eine Jugend-WG gezogen. Dann habe ich mir meine eigene Wohnung genommen. Erstmals aufgetreten bin ich im Dezember 1988 in Flensburg. Mein damaliger Freund war gerade ge­storben. Wir waren eigentlich auseinander, hatten uns aber trotzdem immer wieder gesehen, und es war klar, dass wir wieder zusammenkommen. Und dann war auf einmal alles vorbei. Trotzdem bin ich aufgetreten.

          Über die Musik haben Sie zum Punk gefunden. Welche Rolle haben Kleider dabei für Sie gespielt?

          Die Bekleidung war eine Möglichkeit, die mich zu etwas zugehören ließ, aber das habe ich auch wieder abgelehnt. Die Kleider waren wirklich mein wichtigster Ausdruck, meine Sprache. Bis ich zehn Jahre alt war, habe ich keinen Pieps rausgebracht, ich war so schüchtern, dass ich bloß nicht sichtbar sein wollte. Und über das Spiel mit Klamotten und diesen andersartigen Materialien habe ich meine Sprache gefunden. Angefangen habe ich mit einer Domestos-Hose. Eine Jeans hatte ich, Domestos konnte man überall bekommen. Man konnte dann gleich erkennen, dass da jemand mit seinen Klamotten spielt und dass das in die Punkrichtung geht. Damals war ich zehn.

          Was haben Ihre Eltern dazu gesagt?

          Ich hatte recht akzeptable Eltern, meine Mutter hat bei Klamotten vieles toleriert. Als es dann später Richtung Al­koholexzesse ging, sah das allerdings anders aus. Mit meinem Vater hatte ich schon mehr Konflikte.

          Wie sahen die Kleider noch aus?

          Ich habe mir Sachen schenken lassen, Leute haben Sachen bei mir vergessen, ich habe das ein oder andere auch mal mitgehen lassen, obwohl das eigentlich nicht mein Stil war. Und ich habe he­rumprobiert, Stücke zerschnitten und neu zusammengesetzt. Ich habe praktisch nie etwas im Originalzustand gelassen. Ich war auch immer auf der Suche nach Spitze und Netzstoffen, wobei das schwierig war, denn das kam erst später in Mode. Und Leder, ich habe Leder geliebt, das war für mich Gold. Ich habe dann später mit Gummi experimentiert und daraus Entwürfe umgesetzt. Irgendjemand hat mal eine Lederjacke bei mir vergessen, aus den Ärmeln habe ich einen Minirock ge­baut, den ich lange getragen habe. Der gehört mittlerweile auch in die Sammlung des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe. Aus dem Jackenteil selbst habe ich mir eine Weste gebaut, die ich zu allen Jahreszeiten getragen habe.

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