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Produktpiraterie : Die Lust auf die Fälschung

Original – und Fälschung. Bild: Caro / Kruppa

Ob Sonnenbrille, Parfüm oder Handtasche: Viele Menschen kaufen Billigkopien von Luxusware. Warum? Entscheidend ist nicht nur der Preis.

          Eine Tasche ist eine Tasche. Erst der Name macht sie zum Statussymbol. Wenn der Firmenname „Gucci“ dezent, aber gut lesbar die Frontseite ziert, kann der Kunde für dieses exklusive Fashion-Statement schnell einen vierstelligen Betrag hinlegen. Muss er aber nicht. Denn Gucci-Fälschungen sind auf den einschlägigen Marktplätzen schon für einen Bruchteil zu haben. Gleiches gilt für Jeans, Sonnenbrillen oder Parfüms: Nicht überall, wo Chanel draufsteht, ist auch Chanel drin. Meist wissen die Kunden das. Und kaufen es trotzdem - oder gerade deshalb.

          Helene Bubrowski

          Politische Korrespondentin in Berlin.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Jeder vierte Deutsche hat schon einmal gefälschte Produkte gekauft, wie eine Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC für den Markenverband ergab. Besonders auf Auslandsreisen entwickeln die Menschen eine Schwäche für solche Mitbringsel. Im Urlaub, fernab jeglicher Kontrolle, fällt schnelle jede Hemmung. Aber auch das Internet verführt dazu, billige Kopien zu bestellen. Zumindest auf den ersten Blick ist eine falsche Pilotenbrille von Ray Ban kaum von der echten zu unterscheiden. Und selbst wenn: Negative Konsequenzen scheint kaum jemand zu fürchten, schon gar keinen Imageverlust bei Freunden und Bekannten - auch wenn die meisten wissen, dass kriminelle Banden dabei kräftig mitverdienen und auch die Arbeitsbedingungen auf dem Schwarzmarkt miserabel sind. Von der schlechten Qualität der Ware gar nicht erst zu reden.

          Warum kaufen Kunden verbotene Fälschungen?

          Das florierende Geschäft mit den Billigkopien lässt sich auch beim Frankfurter Hauptzollamt besichtigen, das praktischerweise gleich am Frankfurter Flughafen angesiedelt ist. Schließlich kommen hier jeden Tag Unmengen von Waren an, darunter auch viele gefälschte. In der Asservatenkammer unter Terminal 2 türmen sich Haufen von Parfümfläschchen, Uhren und Sonnenbrillen. „Davidoff“, „Rolex“ und „Rayban“ steht zwar drauf, doch die Waren stammen von chinesischen, amerikanischen und osteuropäischen Produzenten.

          Werden die Waren im Zoll konfisziert, gehören sie dem Staat. Doch der hat herzlich wenig davon: Meist vernichtet er die Kopien. Produktpiraterie ist verboten. Zum Schutz des deutschen Marktes vor gefälschter Ware haben Zollbeamten im vergangenen Jahr insgesamt 333.138 Fälschungen an der Grenze einkassiert. Darunter sind allein 55 239 gefälschte Tabletten, vor allem Potenzmittel. Damit haben die Zöllner im vergangenen Jahr einen Schaden von 26,2 Millionen Euro abgewendet.

          Doch warum kaufen so viele Kunden Produkte, von denen sie genau wissen, dass sie verboten sind? Das Max-Planck-Institut für Gesellschafsforschung hat das in einer Studie untersucht und kam zu einem verblüffenden Ergebnis: Es gibt zwar viele Menschen, die nur deshalb zur Billigkopien greifen, weil die Gucci-Tasche für sie unerschwinglich ist. Sie wollen schlicht haben, was sich eigentlich nur die anderen leisten können.

          Allerdings haben die Kopien auch häufig eine Art Brückenfunktion: „Kopien sind vorweggenommener Konsum der Originale und können den Wunsch nach ihnen sogar verstärken“, schreibt der Wissenschaftler Frank Wehinger in seinem Diskussionspapier „Falsche Werte - Nachfrage nach Modeplagiaten“. Sie können die günstigere Variante also erst einmal eine Zeitlang Probe tragen, bevor sie sich für das horrende Investment in das Original entscheiden. Die mangelnde Qualität ist dabei kein Hindernis, schließlich wissen die Menschen sehr gut, was sie von einem Schnäppchen zu erwarten haben. Kein Wunder also, dass hauptsächlich jüngere Leute zu den Fälschungen greifen. Ältere kaufen dagegen lieber die echte Ray-Ban-Brille oder ein namenloses Fabrikat, das sie sich leisten können.

          Zoll konzentriert sich auf gewerbliche Lieferungen

          Das Kuriose: In der Freizeit tragen die Befragten häufig lieber etwas Authentisches, also etwas, das zu ihnen passt, schreibt Wehinger. Gucci und Prada erscheinen dann oft unangebracht. Dagegen haben die Menschen weniger Skrupel, mit ihren falschen Schuhen zum Bewerbungsgespräch oder auf die Arbeit zu gehen - weil man dort ohnehin eine Rolle übernimmt und sich als mehr ausgeben muss, als man ist. Da kann man sich dann auch mal mit einem Statussymbol behelfen, das eigentlich nicht in die eigene Gehaltsklasse passt. Auch dies ist ein Zeichen dafür, wie gesellschaftlich anerkannt solche Fälschungen inzwischen sind.

          Durch den Zoll können die Kunden ihre Fälschungen oft unbehelligt tragen. Die Beamten am Frankfurter Flughafen gehen längst nicht gegen jeden Touristen vor, der sich aus der Türkei ein günstiges Portemonnaie von Luis Vuitton mitbringt. Das können sie gar nicht, denn dann hätten sie für nichts anderes mehr Zeit. „Wir konzentrieren uns meist auf die großen, gewerblichen Lieferungen“, sagt Zöllnerin Christine Straß.

          Und selbst wenn die Paletten von Fälschungen auffliegen, heißt es noch lange nicht, dass der Hersteller belangt wird. Denn Produktpiraterie ist kein Offizialdelikt. Es kommt also darauf an, ob Ray Ban will, dass die gefälschte Ware eingezogen wird. Und das ist längst nicht immer der Fall. Denn die Rechtsverfolgung macht Arbeit und kostet Geld. Und eine gefälschte Sonnenbrille ist eben manchmal die beste Werbung für die echte.

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