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Prêt-à-porter-Woche : Unter dem Himmel von Paris

Große Bühne im Grand Palais: Karl Lagerfeld lässt die Models über den „Boulevard Chanel“ laufen Bild: Fricke, Helmut

Klotzen gegen die Krise: Das Prêt-à-porter setzt in einer flauen Saison auf Demonstrationen seiner Macht. Große Mode ist in Paris aber auch zu entdecken – wieder einmal gerade dort, wo man sie nicht vermutet.

          Fast im Laufschritt verfolgt er die Designerin, als sie den Laufsteg verlassen hat. Schnell durch die Reihen in Richtung Backstage, an allen Gratulanten vorbei, dann die Modemacherin herzen, küssen, loben. François-Henri Pinault, mit Salma Hayek verheiratet, ist nicht auf Freiersfüßen unterwegs. Der Chef der Luxusgruppe Kering, der von Gucci bis Yves Saint Laurent ein Dutzend der wichtigsten Modemarken der Welt besitzt, ist vielmehr dauernd auf der Suche nach neuen Talenten, neuen Marken, neuen Geldquellen.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Und da wäre Iris van Herpen eine gute Wahl. Die 30 Jahre alte niederländische Modemacherin, die gerade auf dem Dach des Centre Pompidou unter freiem Herbsthimmel ihre Prêt-à-porter-Entwürfe für Frühjahr und Sommer 2015 präsentiert hat, ist eines der größten Talente der Mode. Die Kollektion, für die sie vorab auch den Teilchenbeschleuniger des Cern bei Genf besucht hat, um mehr über magnetische Abstoßungseffekte zu erfahren, experimentiert dank naturwissenschaftlich-technischer Erkenntnisse mit den bizarrsten Formen – von wulstigen Hüften über komplizierte Geflechte bis zu stacheligen Panzern.

          „Sie hat eine unglaubliche Vorstellungskraft“, sagt Saskia de Brauw, niederländisches Model und Fan der Designerin, Backstage. „Und sie bringt die visuelle Stärke in ihrer Mode toll rüber.“

          China und Russland bereiten dem Luxusmarkt Sorgen

          Nicht viel Vorstellungskraft braucht die Designerin, um zu ermessen, wie sehr ein Investor ihr dabei helfen könnte, ihr Geschäft auf lukrative Produkte wie Taschen, Schuhe oder Parfums auszuweiten, Läden zu eröffnen, in die großen Kaufhäuser zu gelangen und beim Einkauf der teuren Materialien dank Mengenvorteilen Geld zu sparen.

          Im Auge der Konzerne: Iris van Herpen experimentiert zukunftstauglich

          François-Henri Pinault, beim schnellen Hinausgehen aufgehalten, will sich jedoch zu Spekulationen über eine Übernahme der Marke nicht äußern. „Wir haben ja gerade erst junge Designer wie Christopher Kane übernommen. Aber klar ist, dass sie eine tolle Modemacherin ist, die mit ihren Materialexperimenten vielen anderen voraus ist.“

          Die Kauflaune der Luxuskonzerne LVMH und Kering ist längst nicht gestillt. Wenn diese Prêt-à-porter-Woche, die am Donnerstag zu Ende ging, für irgendetwas im Gedächtnis bleibt – dann sicher nicht für eine Saison der modischen Sensationen, sondern für die lauernde Erwartung der nächsten Krise, die in Teilen schon zuschlägt. Das Russland-Geschäft wird nicht einfacher, China könnte mir unsicheren Wachstumsaussichten den boomenden Luxusmarkt aufhalten, in Frankreich selbst droht wieder der nächste Volksaufstand, und die Euro-Krise wird so sicher kommen wie das Amen in der Kirche, für die sich die Mode hält. Da kann es für die Luxusgruppen nicht falsch sein, auch das künftige Wachstum mit strategischen Investitionen in Start-Ups zu sichern.

          In der Katakomben-Disco die Brille verloren

          Außerdem wird die Saison wieder einmal für die Maxime „Größer ist schöner“ stehen. Mit spektakulären Inszenierungen bannt man vielleicht auch die Angst vor der Ungewissheit. Größe schützt vor dem Verdacht, bedeutungslos zu sein. Und sie befriedigt die Erwartungen der Asiaten, denen in Europa alles so klein vorkommt. Sogar die Schriftzüge auf Luxusläden sind ja in China weit größer als in Europa. Da erwarten die Einkäufer und die Journalisten aus dem Reich der Marktmitte, dass man in Paris mehr bietet als nur einen Showroom, in dem teure Fummel an der Stange hängen.

          Ein Segelschiff im Bois de Boulogne: Die Fondation Louis Vuitton von Frank Gehry

          Also wieder die große Bühne. LVMH-Chef Bernard Arnault, mit Pinault in herzlicher Rivalität verbunden, hat schon vorgesorgt für die Ewigkeit. Sein steinernes Vermächtnis ist die Fondation Louis Vuitton, von Frank O. Gehry in den Bois de Boulogne gesetzt wie ein Segelschiff auf eine Werft. Die Louis-Vuitton-Schau findet hier gewissermaßen als Appetitanreger statt, denn das Museum wird erst in zwei Wochen eröffnet. In seiner zweiten Kollektion für Louis Vuitton macht Chefdesigner Nicolas Ghesquière dort weiter, wo er aufgehört hat – mit kurzen Kleidern, modernen Silhouetten, aufwendiger Lederarbeit. Sogar ein paar Grüße an den Rivalen Hedi Slimane von Saint Laurent Paris sind darin zu finden. Kurze Lederjacken, bunte Blusen und Jeans wollen sagen: Ich weiß, was Du machst, aber ich mache es besser.

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