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Brennende Leidenschaft

Von JASMIN JOUHAR (Text)
FRANK RÖTH (Fotos)

22. Januar 2023 · Designerin, Handwerkerin, Unternehmerin, Gastgeberin: Seit 30 Jahren macht Stefanie Hering Porzellan. Ein Besuch in der Manufaktur von Hering Berlin in Thüringen.

Um zum Allerheiligsten von Hering Berlin zu gelangen, muss man die Werkshalle einmal ganz durchqueren. Vorbei an der Gießerei, vorbei an den Öfen, vorbei an den Tauchbecken mit den Glasuren und vorbei an zahlreichen Wagen voller Schalen, Teller, Tassen, Becher. Hinter einer schweren Tür betritt man einen kleinen Raum mit großem Fenster, vollgestellt mit Regalen bis unter die Decke, darauf noch mehr Schalen, Teller, Tassen, Becher. Der Tisch, der Bürostuhl, die Leuchte, alles ist überzogen mit feinem weißen Staub.

Hier arbeitet Doreen Klemm, die sicherste Hand der ganzen Porzellanmanufaktur. Hier hat sie ihre Ruhe, abgeschirmt vom Lärm der Maschinen in der Werkshalle. Hier kann sie sich auf die Aufgaben konzentrieren, die keiner so beherrscht wie sie. Porzellanobjekte versieht sie mit feinen Ringen aus orangefarbenem Schellack. Mit der linken Hand bringt sie dabei einen Teller auf einer drehbaren Platte in Schwung. Mit der rechten Hand hält sie den Pinsel auf den Teller, malt unfassbar präzise Ringe, ohne ein Hilfsmittel. Schellack ist wasserfest, wenn er getrocknet ist. Wischt Klemm mit einem feuchten Schwamm die noch ungebrannte Porzellanmasse aus den Zwischenräumen der Ringe, ergibt sich ein Relief aus Rillen – erhaben, wo sie den Schellack aufgetragen hat, vertieft, wo sie das unbehandelte Porzellan ausgewaschen hat. Handwerk, ausgeführt mit kaum fassbarer Perfektion. Danach wandern die Stücke in den Ofen zum ersten Brand, dem Glühbrand, bei rund 1000 Grad. Der Schellack verbrennt, und die weiße Oberfläche mit dem feinen Streifenrelief tritt hervor.

Ruhige Hand: Doreen Klemm malt in der Manufaktur Reichenbach präzise Ringe auf die Porzellanobjekte.
Ruhige Hand: Doreen Klemm malt in der Manufaktur Reichenbach präzise Ringe auf die Porzellanobjekte.

„Doreen ist meine rechte Hand“, sagt Stefanie Hering. „Sie setzt um, was ich mir ausdenke.“ Schon seit 21 Jahren arbeitet die ausgebildete Porzellanmalerin Doreen Klemm für Stefanie Herings Marke Hering Berlin. Klemms Arbeitsplatz hinter der schweren Tür ist allerdings gut zwei Autostunden entfernt von der Hauptstadt. Denn produzieren lässt die Berlinerin Hering ihr Porzellan in Thüringen, im kleinen Ort Reichenbach direkt an der Autobahn 9.


„Doreen ist meine rechte Hand. Sie setzt um, was ich mir ausdenke.“
Stefanie Hering, Designerin und Unternehmerin

Dort existiert seit dem Jahr 1900 die Porzellanmanufaktur Reichenbach: ein Familienbetrieb, ein paar alte Fabrikgebäude aus Backstein und zwei moderne Industriehallen am Rand des Orts, fast schon im Grünen. Vor dem Fenster der Gießerei weiden Schafe. Thüringen ist eine traditionsreiche Keramikregion, Kahla mit der gleichnamigen Manufaktur ist nicht weit entfernt. Etwa einmal im Monat setzt sich Stefanie Hering ins Auto und fährt nach Reichenbach. Telefoniert wird aber täglich, wie sie sagt. Beim Rundgang durch die Produktion bleibt Hering, hellblonde kurze Haare, blaue Bluse, schwarze Hose, weiße Turnschuhe, überall mal stehen, spricht mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Irgendetwas zu klären gibt es immer. Unter dem Arm hat sie ein schwarzes Objekt aus Plastik, einen 3D-gedruckten Prototyp für ein neues Produkt. Zwischendurch verschwindet sie damit in der Werkstatt des Modelleurs. Lässt sich der neue Entwurf so umsetzen? Oder muss das Stück noch einmal überarbeitet werden? Als Stefanie Hering zurückkommt, lächelt sie: Er hat sein Okay gegeben. Weiter geht es in die Versandabteilung, auch hier gibt es einiges zu besprechen, auch hier reiht sich Regal an Regal voll mit Porzellanobjekten. Manche sind rein weiß, haben Löcher oder eben Rillen, andere sind mit goldenen Dekoren versehen. Daneben Stücke mit blauen oder schwarzen Tierzeichnungen, ausladende Schalen und schlank aufragende Karaffen. Zwei Mitarbeiterinnen falten Versandkartons und verpacken die Teile, auf dem großen Arbeitstisch liegen ausgedruckt die Bestellungen. Hering Porzellan geht in die ganze Welt, nach Kroatien genauso wie nach Taiwan, in die USA wie in die Schweiz.

Die Berlinerin Stefanie Hering lässt ihr Geschirr seit vielen Jahren in der Werkstatt in Thüringen produzieren.
Die Berlinerin Stefanie Hering lässt ihr Geschirr seit vielen Jahren in der Werkstatt in Thüringen produzieren.

Angefangen hat alles vor 30 Jahren, in einer Werkstatt in Prenzlauer Berg. Die Keramikmeisterin und studierte Porzellangestalterin Stefanie Hering machte sich 1992 selbständig – und gleich mit großen Ambitionen: „Mir war klar, ich will meine Produkte nicht auf einem Töpfermarkt verkaufen.“ Statt auf dem Markt zeigte sie ihre Entwürfe auf internationalen Messen in New York, Tokio, Frankfurt. „Ich wollte sehen, was die Welt davon hält.“ Und die Welt war begeistert: Unternehmen aus der Porzellanindustrie luden sie zur Zusammenarbeit ein, das Deutsche Historische Museum in Berlin kaufte die Abschlussarbeit ihres Designstudiums an. 


„Mir war klar, ich will meine Produkte nicht auf einem Töpfermarkt verkaufen.“

Von Anfang an setzte sie auf eine persönliche Sprache. „Ich wollte Formen entwickeln, die für sich stehen können und eine Beständigkeit haben“, sagt Hering. Ebenso wichtig: die Eigenschaften des Materials. „Porzellan heißt ja auch das weiße Gold, das wollte ich zeigen.“ Deshalb arbeitet sie mit sogenanntem Biskuitporzellan, dessen besonders feine und matte Oberfläche nicht unter einer Glasur verschwindet. Stefanie Hering lässt es in der Produktion aufwendig von Hand schleifen, um die Textur noch zu verfeinern. Eine der Hering-Kollektionen heißt Velvet, und tatsächlich fühlen sich Teller und Schälchen samtig-weich an. Die Innenseiten der Schälchen und die Anrichteflächen der Teller werden allerdings weiß glasiert. Das ergibt einen schönen Kontrast zwischen matt und glänzend und ist zudem praktischer im Alltag: Auf einer unglasierten Biskuitoberfläche würden Messer und Gabel ziemlich unangenehme Geräusche verursachen. Aber auch wenn sie mit ihren ersten Entwürfen schnell Erfolg hatte – das Geschäft mit dem Porzellan ist nicht einfach. Die Globalisierung erfasste die Keramikindustrie in den Neunzigerjahren, billige Ware aus Fernost brachte viele europäische Unternehmen in Schwierigkeiten. Alte Manufakturen mussten schließen. Doch Hering bleibt ihrem Weg treu, macht „kompromisslos nur das, was ich für richtig halte“. Teils alleine, teils mit Ko-Geschäftsführern. Sie hatte durchaus zu kämpfen, denn Hering Berlin musste sich rechnen, von Anfang an. „Ich habe keine vermögenden Eltern, die gesagt hätten, wir finanzieren den Spaß.“

Als Stefanie Hering Ende der Neunziger überlegte, das Unternehmen zu verkleinern, sich ganz aufs Entwerfen zu konzentrieren, bekam sie prompt mehrere größere Aufträge. Die Werkstatt in Prenzlauer Berg mit den sieben, acht Mitarbeitern war dafür zu klein, die Brennkapazitäten reichten nicht aus. Über eine Ausschreibung kam sie 1999 mit der Manufaktur Reichenbach ins Gespräch, die neben eigenen Kollektionen in Lohnfertigung auch für andere Auftraggeber produzierte. Man verstand sich gleich, die Verantwortlichen nahmen die Herausforderung an, die komplizierten Hering-Produkte in größerer Zahl herzustellen. „Bei uns dauert die Vorbereitung eines Stücks für den Ofen dreimal so lange wie normalerweise“, sagt Hering. Weil man für Biskuitporzellan zudem eine sehr reine Masse braucht – so heißt der Grundstoff aus Kaolin, Feldspat und Quarz –, stellte Reichenbach sogar die Produktion um. Die Rohmasse wird seitdem besonders gründlich gefiltert, damit keine Verunreinigung das weiße, unglasierte Biskuit trübt. Auch die Abfolge der Arbeitsschritte in der Manufaktur musste für Hering verändert werden: Eigentlich wird erst das zweimal gebrannte glasierte Porzellan weiter dekoriert, etwa bemalt. Bei Hering Berlin jedoch gibt es Dekore auf unglasiertem Biskuit.

In der Werkstatt: Doreen Klemm beim Perforieren des Porzellans
In der Werkstatt: Doreen Klemm beim Perforieren des Porzellans
Das fertige Kunstwerk
Das fertige Kunstwerk
Eine gefüllte Schatzkammer
Eine gefüllte Schatzkammer

Die Zusammenarbeit hat sich über die Jahre bewährt, auf dem Firmengelände in Reichenbach gibt es mittlerweile einen eigenen Werksverkauf und ein Lager für den Onlineshop. Neben Doreen Klemm beschäftigt Hering zwei weitere Angestellte in der Manufaktur in Thüringen. Der Rest des Hering-Teams arbeitet in Berlin, insgesamt sind es 15 Personen, vier von ihnen in der Designabteilung. „Keine Gestaltung wäre Stillstand“, antwortet Hering auf die Frage, wie viel Zeit ihr selbst überhaupt noch zum Entwerfen bleibe. Neben Porzellanobjekten und -geschirr entwickelt Stefanie Hering mit ihren Mitarbeitern auch Glasobjekte und Leuchten. Nach verschiedenen Stationen in der Stadt, von Prenzlauer Berg über Wannsee und Tiergarten, ist Hering Berlin seit dem vergangenen Jahr in Zehlendorf zu finden, in einer denkmalgeschützten Villa im englischen Landhausstil von 1906. In der Beletage residiert das Unternehmen, darüber wohnt Hering mit ihrer Familie. Das Haus mit Garten war ein Corona-Projekt: Stefanie Hering hat sich selbst um Renovierung und Umbau gekümmert, die beeindruckende Originalsubstanz mit Holzvertäfelungen, alten Fliesen, Beschlägen, Fenstern und Türen blieb erhalten. Neben Büros und Besprechungsraum gibt es auch eine große Küche, denn die Unternehmerin ist begeisterte Gastgeberin. Wenn sie ihre Kundinnen und Kunden bewirtet, können sie Porzellan und Gläser gleich selbst ausprobieren und ordern umso lieber. Sie lädt auch regelmäßig Köche zum Gastkochen ein.


„Keine Gestaltung wäre Stillstand.“

Gastronomie und Hotellerie zählen zu ihren wichtigsten Kunden – und Impulsgebern. Die Gäste in einigen der bekanntesten und nobelsten Restaurants und Herbergen speisen von Hering Porzellan. Beispielsweise in Massimo Botturas Drei-Sterne-Restaurant „Osteria Francescana“ in Modena, in Gordon Ramsays „Pétrus“ in London und im „Tantris“ in München. Auch in Schloss Elmau, im Hamburger Luxushotel The Fontenay oder im Hilton auf Bora Bora wird auf dem Geschirr mit dem blauen „h“ serviert. Stefanie Hering gerät ins Schwärmen, wenn sie von der Zusammenarbeit mit Köchen erzählt. Der Austausch ist idealerweise auf Augenhöhe, die Küchenchefs inspirieren sie mit ihren Wünschen zu neuen Produkten. Umgekehrt teilt sie gern ihr Wissen über den gedeckten Tisch, über die Möglichkeiten, mit Tellern, Platten und Schalen ein Essen zu präsentieren, ja zu choreografieren.

Im Glattbrandofen gestapelte Objekte
Im Glattbrandofen gestapelte Objekte
Zur Auslieferung bereite Produkte
Zur Auslieferung bereite Produkte

Die Pandemie ließ diesen Teil des Geschäfts allerdings vorübergehend zusammenbrechen. Ein geschlossenes Restaurant braucht keinen neuen Platzteller, Hering Berlin erlebte einen Umsatzeinbruch von 44 Prozent. „Da atmet man schwer und tief durch“, sagt Hering. „Man rechnet und erstellt Businesspläne.“ Geholfen hätten auch staatliche Instrumente wie die Kurzarbeit. Während die Gastronomie vor der Krise rund 50 Prozent des Umsatzes ausgemacht habe, hat sich der Wert jetzt bei 30 Prozent eingependelt. Die restlichen 70 Prozent verteilen sich auf Interiorprojekte und Privatkunden. Im Moment geht es der Porzellanbranche aber gut. Auch die zeitweise arg gebeutelten großen Marken hätten volle Auftragsbücher, sagt Hering. Allerdings haben sich die durch die Pandemie gestörten Abläufe noch nicht wieder richtig eingespielt. „Wir könnten alle noch effektiver produzieren.“ Und mit Materialmangel und Preiserhöhungen hat sie natürlich zu kämpfen. Die Preise für die mit Gold dekorierten Stücke etwa legen sie jede Woche neu fest, weil der Goldpreis so stark schwankt.

Eine Palette mit Poliergold
Eine Palette mit Poliergold

Krisen ist die resolute Stefanie Hering aber durchaus gewohnt – so fielen in der Folge der Finanzkrise 2008 mehrere umsatzstarke Länder komplett aus. Nach dem 11. September 2001 brach einst der gesamte USA Umsatz weg. Angesichts der drohenden Gasknappheit bleibt sie optimistisch. „Irgendeine Lösung wird es schon geben.“ Dabei ist die Keramikindustrie ähnlich wie die Glasbranche sehr energieintensiv und auf Gas angewiesen. Noch gebe es keine Öfen, die mit Wasserstoff befeuert werden könnten, sagt Hering. Sollte Gas tatsächlich rationiert werden, müssten sie zusammen mit Reichenbach überlegen, welche Stücke noch in den Ofen gingen. Am Ende wäre das wohl undekoriertes weißes Porzellan – denn jeder Dekor erfordert einen weiteren Brand. „Und wenn sie uns das Gas ganz abdrehen, sterben wir mit vollen Auftragsbüchern“, sagt sie. „Kein schöner Tod!“ Man merkt, sie glaubt nicht recht an dieses schlimmste Szenario. Was vielleicht auch daran liegt, dass sie einen langen Weg hinter sich hat. „Wir machen das seit 30 Jahren. Jetzt begreifen die Menschen wirklich, welchen Wert ein eigentlich so banales Objekt wie ein Teller darstellen kann. Welche Emotionen er auslösen kann.“ Und mit einigem Stolz fügt Stefanie Hering an: „Wir haben uns behauptet.“


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Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin

Veröffentlicht: 22.01.2023 18:10 Uhr