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Porträt von Roksanda Ilincic : Sie bleibt

In ihrer Jugend wurde sie für solche Momente sensibilisiert. „Dinge, von denen alle sagen, sie könnten nicht passieren, die dann doch passieren.“ Siehe den Ausgang des Brexit-Referendums oder die Wahl von Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten. „Natürlich ist der Brexit nicht vergleichbar mit Krieg. Aber zu beobachten, wie es so weit kommt, war für mich kein großer Schock.“ In dieser Hinsicht seien sich Mode und Politik sehr ähnlich. „Es ist vielleicht komisch, das zu vergleichen, aber in beiden Fällen wiederholt sich Geschichte.“

„London ist bislang so gut zu mir gewesen“

Die britische Hauptstadt ist trotzdem längst Zuhause. Roksanda Ilincic wohnt im Norden der Stadt, wo man besonders viele Corbynistas trifft, Anhänger des Labour-Chefs Jeremy Corbyn. „London ist bislang so gut zu mir gewesen. Das genieße ich an der Stadt: Wer Qualität bringt, hat auch eine reelle Chance.“ Dass die Stadt zugleich zahlreiche Parallelgesellschaften hervorbringt, ohne Chance auf gegenseitige Annäherung, tut sie ab. Die council estates, die Sozialwohnungen selbst in gutbürgerlichen Stadtteilen, seien noch immer Orte, an denen sich Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen träfen. „Schauen Sie sich an, wie es in anderen Metropolen zugeht, wo ethnische Minderheiten einfach in großen Komplexen an den Stadträndern untergebracht werden. Ich finde das System hier in jedem Fall besser.“

Auch gegenüber von ihrem Atelier steht so ein council estate, daneben große alte Fabrikhallen, der Kanal, auf dem Menschen in Hausbooten wohnen. „Einer unserer Mitarbeiter macht das auch. Und gleich um die Ecke ist ein sehr gutes japanisches Restaurant.“ Ilincic wohnt in der Nähe, mit ihrem Mann, Philip Bueno de Mesquita, der vor seiner Zeit als Modeunternehmer einer Schuhmarke in der Punkszene war, sowie ihrer gemeinsamen Tochter Efimija. Die Sechsjährige ist benannt nach der ersten serbischen Dichterin, Jefimija, die im 14. und 15. Jahrhundert gelebt hat. „Den Namen fand ich wunderschön, aber das J mochte ich nicht. Ich wollte nicht, dass die Leute es abkürzen und meine Tochter Jeffi nennen.“ Also Efimija. Ilincic spricht serbisch mit ihr, das kyrillische Alphabet wird sie allerdings erst mal nicht lernen.

Nachdem sie ihre Tochter zur Schule gebracht hat, ist sie innerhalb von 20 Minuten im Büro. Wenn das Wetter nicht allzu mies ist, geht sie zu Fuß. „Zu Beginn hatte ich natürlich das Gefühl, ich säße in einer niemals endenden Achterbahn. Aber irgendwann findet man wieder Halt und kommt mit der Doppelbelastung besser klar.“ Ilincic sagt, sie treffe Entscheidungen jetzt schneller und konzentrierter. „Die Natur hat uns diese Fähigkeit doch gegeben. Wir denken voraus und planen mehr als Männer. Sie sind da anders. Ihnen ist das einfach nicht gegeben, also kann man es auch nicht von ihnen erwarten.“

Roksanda Ilincic ist nicht nur unerschrocken, sie ist tatsächlich auch eine Kümmerin. Zu Beginn des Gesprächs hat sie gefragt, ob man überhaupt Zeit gehabt habe zu frühstücken. Jetzt, beim Rausgehen, vorbei an ihrer umfangreichen Kollektion und an dem Reichstagsbild, erzählt sie noch immer von der Balance, die in ihr Leben eingekehrt ist, seit sie ihre Tochter hat. „Moment, wissen Sie eigentlich, welchen Bus Sie zurück in die Stadt nehmen?“ Die Aufzugtüren schließen sich schon, aber sie ruft noch hinterher, welche Nummer der Bus hat und von wo genau er abfährt.

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