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Porträt von Roksanda Ilincic : Sie bleibt

Nach dem Studium half ihr die Lehrerin trotzdem - indem sie der Absolventin den Rat gab, erst einmal auf freier Basis zu arbeiten und zu modeln. „Sie sagte, damit könne ich in kurzer Zeit viel Geld verdienen. Dafür bin ich sehr dankbar.“ Im Jahr 2005, als sie genug gespart hatte, zeigte Roksanda Ilincic ihre erste Kollektion unter eigenem Namen bei der Londoner Modewoche. Es waren nur zwölf Kleider. Die Luxusboutique Browns bestellte anschließend trotzdem. Dann kam Harvey Nichols.

Zuhause im Kleid

Damals war London modisch noch nicht richtig da. Es gab zwar gute Absolventen und wichtige Läden. Aber die Designer gingen fort, sobald sie einigermaßen bekannt und erfolgreich waren. Alexander McQueen, Stella McCartney, Vivienne Westwood, John Galliano zeigten ihre Kollektionen in Paris, Burberry in Mailand. London drohte zum weißen Fleck auf der Modelandkarte zu werden. Dann kam die Finanzkrise, und siehe da: Kleine Labels wie Roksanda Ilincic, Christopher Kane oder Erdem verschwanden nicht. Sie waren wendig genug, sich auf die neuen Verhältnisse einzustellen, und konnten sich etablieren. „Die Umstände veränderten sich damals schnell. Man konnte von einem Tag auf den anderen sehen, wie der Wunsch zu experimentieren zurückgestellt wurde und stattdessen moderate Entwürfe wichtiger wurden: statt Cocktailkleidern mehr Tagesgarderobe.“

Dass sie zuvor Architektur studiert hatte, sollte ihr jetzt gerade recht kommen. Man sieht es bis heute an ihren Kleidern. Für die Frauen, die sie tragen, sind sie fast schon eine Art Zuhause. „Ich denke, dass wir über Kleidung kommunizieren, aber zugleich soll sie uns auch beschützen. Es geht darum, mit Mode selbst entscheiden zu können, was man der Außenwelt über sich preisgibt und was nicht.“

Nicht nur die Frau soll das Kleid tragen, sonder auch das Kleid die Frau.
Nicht nur die Frau soll das Kleid tragen, sonder auch das Kleid die Frau. : Bild: AFP

Das ist auch aktuell von Bedeutung. Ilincic bekam früher Probleme mit Händlern, wenn der Saum bis knapp über die Fußknöchel reichte. Jetzt ziehen sich viele Frauen moderater an. Das Kleid dieses Sommers war eher ein Gewand, wie auch Ilincic es heute trägt, mit langen Ärmeln und tief sitzendem Saum, ein Kleid, das zwischen Stoff und Körper immer noch ein bisschen Luft lässt. „Handel und Shopping verändern sich jetzt - leider zum Schlechteren. Die Menschen sind sehr vorsichtig, darauf muss ich mich einstellen. Dabei hat der Brexit eigentlich noch nicht mal richtig begonnen.“

Londoner Labels unter Brexit-Schock

Es ist das große Thema der Londoner Designer. Das schwache Pfund gibt ihnen schon jetzt einen Eindruck davon, wie es hier bald zugehen könnte. Für die Fertigung ihrer Entwürfe sind sie stark vom Ausland abhängig, vor allem vom EU-Ausland. Die Stoffe kommen aus Italien, die Näherinnen sitzen in Portugal und Osteuropa oder sind von dort aus gleich nach London übergesiedelt.

Roksanda Ilincic ist jetzt noch öfter in ihrem eigenen Flagship-Store an der Mount Street und in den Läden in London, die ihre Marke führen, um sich direkt mit den Kunden zu unterhalten. „In meiner Jugend habe ich erfahren, wie sich die Zustände über Nacht verändern können, wie Menschen, die nebeneinander wohnen, plötzlich von schlechter Politik beeinflusst werden, was nicht das Beste in ihnen hervorbringt. Und es tut mir sehr leid, dass wir das jetzt auch hier sehen.“

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