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Künstler Massimiliano Pironti : „Sie ist noch da, sie ist noch stark“

Vom Musical-Star zum Künstler: Massimiliano Pironti wurde1981 in Colleferro südöstlich von Rom geboren und lebt aktuell in Sindelfingen. Bild: Verena Müller

Massimiliano Pironti war Musical-Star, jetzt ist er Künstler. Am hyperrealistischen Bild seiner Großmutter hat er lange gearbeitet. „Tu es nicht ins Internet“, hat sie ihn gebeten. Er hat es trotzdem gemacht – und viele Menschen berührt.

          3 Min.

          Er hätte einfach nur unterschreiben müssen. Der Vertrag lag vor ihm, gut dotiert. Im „Tarzan“ in Oberhausen spielte Massimiliano Pironti den Terk, den besten Freund von Tarzan, und es hätte so weitergehen können, jeden Abend im Rampenlicht, jeden Abend Applaus. Aber er unterschrieb nicht. „Ich war müde. Körperlich und mental.“ Massimiliano Pironti wollte etwas anderes machen, endlich seinen Kindheitstraum verwirklichen: Maler sein.

          Susanne Preuß
          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Das war vor einem Jahr. Heute zeigt er ein paar Pinselstriche auf Instagram, und innerhalb einer Stunde haben 2500 Menschen das Video angesehen. Schneller als erhofft bitten auch zahlungsbereite Kunden um neue Werke. Ein kunstsammelnder Milliardär hat gerade die Maße durchgegeben für das Bild einer Prinzessin, das er bei Pironti bestellt hat, eine schwäbische Unternehmerin denkt an ein Bild von der Familie, und sogar der Ordensgeneral der Dominikaner hat angefragt.

          „London hat alles verändert“, sagt Pironti, der es noch immer nicht fassen kann. In der National Portrait Gallery ist seit Mitte Juni das erste Bild aus seinem neuen Leben ausgestellt. Fast täglich erreichen ihn seither Kommentare von Besuchern oder Selfies mit dem Bild. „A Throne in the West“ ist eine hyperrealistische Darstellung der Tänzerin Bathoni Puplampu, seiner Kollegin in Oberhausen. Sie lacht gern und viel, aber in ihren Augen ist auch Melancholie zu erkennen. Entspannt sitzt sie auf dem Stuhl, in einer Bluse mit afrikanischen Mustern, vor bunt geblümter Tapete aus dem Baumarkt.

          „Ich wollte ihre Welt malen und auch eine Geschichte über mich und was ich denke über diese Welt“, sagt Massimiliano Pironti. Dabei fällt er ins Englische, die Sprache seiner Musical-Welt: „Too many colors, too much chaos, too glossy, too fake.“

          Bleibt seiner Heimat Italien treu: Jetzt hat Massimiliano Pironti seine Großmutter porträtiert.
          Bleibt seiner Heimat Italien treu: Jetzt hat Massimiliano Pironti seine Großmutter porträtiert. : Bild: Frank Kleinbach

          Noch als er jeden Abend den Tarzan-Freund gab, begann er, Bathoni Puplampu zu malen. Das war ein Vorteil, denn jeden Tag konnte er sich aufs Neue einen Eindruck von ihr machen, von den schwarzen Haaren, die so widerborstig sind, von ihrer dunklen Haut, die so schwierig zu malen ist, weil sie nicht so leicht durch Schatten Konturen bekommt. Im November war Pironti fertig. Er bewarb sich für den BP Portrait Award, wie 2667 weitere Künstler auch. Und es geschah, was er sich zuvor nicht ausgemalt hatte: Er wurde in die Runde der 48 Maler gewählt, deren Bilder die National Portrait Gallery ausstellt, zuerst drei Monate in London, dann in weiteren Orten in ganz Großbritannien, bis zum Juni nächsten Jahres.

          „Ich vermisse meine Heimat“

          „Durch die Ausstellung in London bin ich mir sicherer geworden. Mir ist klarer geworden, wie mein Weg verlaufen wird“, sagt Massimiliano Pironti, der mit Mitte 30 von Musical-Star auf Maler umsattelt. Dabei war ihm eigentlich schon als Kind klar, was seine Welt ist. Das erste Religionsbuch war ihm eine Offenbarung: „Diese Bilder von Michelangelo!“ In Colleferro bei Rom, wo er aufwuchs, gab es keine Kunst zu besichtigen, nicht einmal in der Kirche. Massimiliano bettelte seine Eltern um Bücher an. „Als ich die Werke von Botticelli sah, war das unglaublich für mich. Ich dachte, es ist unmöglich, dass ein Mensch so etwas malen kann.“

          Er begann, Bilder zu kopieren, malte bei jeder Gelegenheit und lernte in vier Jahren Kunstgymnasium das Zeichnen, bevor er fünf Semester Architektur studierte, um später von irgendetwas leben zu können. Mittlerweile aber hatte er, inspiriert durch den älteren Bruder, seine Lust am Tanzen entdeckt, nahm Gesangsunterricht und kam ins Show- und Musical-Geschäft. Er übernahm Hauptrollen, spielte den Peter Pan, heuerte bei „Tarzan“ an und kam nach Stuttgart – in der Gegend lebt er auch jetzt wieder, der Liebe wegen.

          „Mir gefällt die deutsche Mentalität. Aber ich vermisse meine Heimat“: Das erkannte er, als das Bathoni-Porträt nach fünf Monaten fertig war. Also holte er sich seine Heimat in das Mini-Atelier in seiner Wohnung – indem er seine Großmutter malte: Vincenza Pesoli, 94 Jahre alt. Sie sitzt, fotorealistisch festgehalten, auf einem Stuhl in ihrer Küche, eine Wärmflasche mit der Aufschrift „Made in China“ in ihren faltigen Händen, die Augen ins Unendliche gerichtet, während sich im Schwarz der Pupillen die Küche spiegelt.

          Pironti denkt zu viel nach

          „Sie ist noch da, sie ist noch stark“, sagt Pironti. Und doch hat er die Großmutter für das Bild vor ein Fenster gesetzt, dessen Vorhang ein bisschen in Bewegung zu sein scheint, als wäre der Geist der alten Dame schon auf dem Weg in die Ewigkeit. Das Haus in Colleferro verlässt sie nicht mehr, weil sie nicht möchte, dass die Leute im Ort sich über ihre Falten auslassen. Dass einer ihrer zwei Dutzend Enkel sie malt, schmeichelt zwar ihrer Eitelkeit, aber sie ahnt wohl, dass Massimiliano die runzlige Haut in einer Schärfe abbilden wird, die ihr gar nicht behagt. „Tu es nicht ins Internet“, hat sie ihn gebeten.

          Intuitiv hat sie wohl geahnt, dass das Folgen haben könnte. Ein Video auf Instagram, auf dem gerade erst das Gesicht der Nonna plastisch zu sehen war, führte jedenfalls zur Ausstellung des Bildes in Italien. Für das Festival di Filosofia ist das Bild nach Modena gebracht worden. Vincenza Pesoli selbst wird es nicht sehen. So weit weg von Colleferro war sie noch nie.

          Das nächste Kunstwerk wird wohl dreidimensional sein. Noch denkt Pironti viel darüber nach. Ohnehin denkt er viel zu viel, stellt er fest, gerade beim Malen. Er hat Zeit dafür: Mehrere Monate arbeitet er an einem einzigen Bild, täglich einige Stunden, ganz allein in der Wohnung. Hyperrealistische Bilder erfordern Können, Fleiß und Disziplin. Meist hört er beim Malen Musik: Soul, R&B oder Black Music. Ist er einsam? Fehlt ihm der Musical-Betrieb, das Publikum? Das schon, Pironti gibt es zu. Aber er weiß auch: „Ich bin zuallererst ein Maler, und erst dann kommen Tanz, Gesang und Show.“

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