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Erich Ohsers „Vater und Sohn“ : Plauener Ampelmännchen

Der echte Vater: Erich Ohser im Jahr 1943 Bild: Sueddeutsche Zeitung Photo/SZ Ph

In Plauen, der Geburtsstadt des Zeichners Erich Ohser, werden schon bald Ampeln mit Motiven von „Vater und Sohn“ den Fußgängerverkehr regeln.

          Wahrscheinlich hätte sich Erich Ohser über die ganze Sache erst einmal lustig gemacht, vielleicht auch gleich eine Karikatur gezeichnet. Wie sich Beamte über Pläne beugen, die Stirn runzeln, tief einatmen und ausatmen, um dann noch einmal ganz genau in den Vorschriften für Lichtzeichenanlagen zu blättern. So heißen Ampeln ja auf Amtsdeutsch. Als sich dann aber auch nach nochmaliger Prüfung nichts finden ließ, um eine Genehmigung zu versagen, setzte der Vorgesetzte auf das Papier einen grünen Haken und erteilte eine Ausnahmegenehmigung. Damit fuhr neulich der sächsische Verkehrsminister Martin Dulig (SPD) von Dresden nach Plauen, um der Stadt im Vogtland persönlich die frohe Botschaft zu überbringen: Plauen darf an ausgewählten Fußgängerampeln die herkömmlichen Ampelmännchen durch Vater-und-Sohn-Figuren Erich Ohsers ersetzen.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Die kleinen Zeichnungen ohne Text, die meist wenige Bilder umfassen, waren bei einem Millionenpublikum beliebt und sind weit über Deutschland hinaus bekannt. Ein untersetzter, kahlköpfiger Vater, der stets liebevoll besorgt ist, meistert gemeinsam mit seinem Sohn Alltagsabenteuer und findet oft komische Lösungen. Gut 160 Mal durfte Ohser in den dreißiger Jahren seine beiden Helden in der auflagenstarken „Berliner Illustrirten“ auftreten lassen, allerdings nur unter Pseudonym.

          In der Weimarer Republik hatte er politische Karikaturen unter anderem im SPD-Organ „Vorwärts“ publiziert und häufig auch noch Hitler und Goebbels karikiert. Das bot sich damals an, hatte jedoch zur Folge, dass Erich Ohser 1933 die Aufnahme in die Reichskulturkammer verwehrt wurde, was einem Berufsverbot gleichkam. Zum Arbeiten brauchte er fortan Ausnahmegenehmigungen, und er zeichnete als „e.o.plauen“ weiter. Der erzwungene Künstlername setzte sich aus seinen Initialen und seiner Heimatstadt Plauen zusammen – und wurde fortan zu seinem Markenzeichen.

          Die Entwürfe für die Ampelmännchen zeigen den Sohn als Fußgänger und den Vater als Radfahrer.

          In Plauen wird Erich Ohser schon lange verehrt: Eine Straße, eine Berufsschule und ein Karikaturistenpreis sind nach dem wohl bekanntesten Sohn der Stadt benannt. Die Idee mit der Ampel entstand nach einem Bericht in der Lokalzeitung, erzählt Ralf Oberdorfer, der Oberbürgermeister. Geschenkt, dass dafür so viel Papierkram nötig war. „Vater und Sohn und e.o.plauen stehen für Plauen wie die Mainzelmännchen für Mainz. Ich freue mich, dass die beiden künftig an Plauener Ampeln leuchten werden“, sagt der FDP-Politiker. Für den eigens aus Dresden angereisten Minister sind „Vater und Sohn“ zusammen „einfach unschlagbar“. Dulig, Vater von sechs Kindern, weiß, wovon er spricht. Die Vorlagen für Ampelväterchen und Ampelsöhnchen gestaltete der Maler André Bretschneider, der im Auftrag der Stadt auch schon Stadtmöbel wie Stromkästen mit „Vater und Sohn“-Motiven schmückte.

          Ohser, der mit Erich Kästner befreundet war und für dessen Gedichtbände Illustrationen anfertigte, wurde 1944 als Regimegegner denunziert. Wenig später nahm er sich mit 41 Jahren in Gestapo-Haft das Leben. Seine Frau und sein Sohn überlebten den Krieg in England. Der Sohn kam nach dem Mauerfall nach Plauen und vermachte der Stadt 1400 Zeichnungen seines Vaters. Sie sind die Grundlage der e.o.plauen-Stiftung und eines Museums.

          Selbstverständlich hatte auch der Sohn wieder einen Sohn, und dieser hat sogar zwei Söhne. Opas Zeichnungen sind bei Familie Ohser in jeder Hinsicht Programm. Der Enkel und die Urenkel leben in den Vereinigten Staaten, sind aber der Stadt Plauen eng verbunden. Ob der Vater und seine Söhne zur Einweihung der gleichnamigen Ampeln ins Vogtland reisen werden, steht noch nicht fest. Im Fall des Falles aber gilt dann auch für sie: Bei Rot bleibe steh'n, bei Grün kannst du geh'n. Ausnahmegenehmigungen für Prominente sieht die deutsche Straßenverkehrsordnung jedenfalls nicht vor.

          Bei Rot bleibe steh’n: Auch in Rot ist der Vater mit dem Fahrrad unterwegs.

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