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Bio-Beautyprodukte : Nur schön oder schon Bio?

  • -Aktualisiert am

Millennial-Pink auf Glasflakon: Es kommt nicht nur auf den Inhalt an – auch die Verpackung ist bei Marken wie Merme (links) und Girl Smells (unten) wichtig. Bild: Frank Röth

Quereinsteiger setzen bei ihren Bio-Kosmetikprodukten auf dezente Farben, pflanzliche Inhaltsstoffe und den Online-Verkauf. Aber welche Standards müssen die jungen Labels erfüllen?

          6 Min.

          Alles begann mit dem Auftrag für Claire Ralston, bei der Pariser Modewoche zu laufen. Die Australierin modelte schon, seit sie 15 Jahre alt war. Bevor sie nun in Paris ankam, sollte es nach Berlin gehen, wo sie sich auf Europa einstimmen wollte. Sie knabberte nur Karotten, um sich auf Pariser Modelmaße herunterzuhungern. Dennoch forderte ihre Modelagentur, sie solle weitere vier Kilogramm abnehmen. Das war zu viel für Claire Ralston. Die Australierin verabschiedete sich kurzerhand von ihrer Agentur und ihrer Modelkarriere – und blieb in Berlin.

          Ihre neuen Mitbewohner, zwei Gründer von Start-ups, regten sie zu dem Gedanken an, sich selbständig zu machen. So tauschte Claire Ralston im Jahr 2014 das Modeln gegen ein Beauty-Start-up ein. Sie wollte Kosmetik produzieren, auch wenn sie keine Berufserfahrung als Dermatologin hatte. Mehr als zehn Jahre lang hatte Ralston Haut und Haare, die vom vielen Schminken und Frisieren geschädigt waren, mit organischen Ölen gepflegt. Daran wollte sie anknüpfen.

          Wie aber macht man aus dem persönlichen Schönheitsrezept ein Beauty-Produkt für den Massenmarkt? Claire Ralston hatte keine Ahnung. Noch weniger wusste sie, wie deutsche und europäische Behörden arbeiten. Nicht jeder, der sich im Zuge von Do-it-yourself-Experimenten eine eigene Lotion aus Pflanzenöl, Emulgator und ätherischem Öl zusammen-mischt, darf damit auch handeln – das gibt Konsumenten eine gewisse Sicherheit.

          Biokosmetik boomt

          Claire Ralston stellte also einen Business-Plan auf, suchte sich einen Notar und gründete unter dem Namen Merme eine Unternehmensgesellschaft (UG). „Der Eintrag ins Handelsregister ermöglichte es mir, die richtig guten Öle einzukaufen“, sagt sie. Als Motto für Merme formulierte sie: one ingredient. Soll heißen: In die apothekerglasbraunen Flaschen und Ampullen mit dem rosafarbenen Etikett kommen nur reines Hagebuttenöl (als Pflege gegen Hautalterung), Süßmandelöl (für den Körper) oder Kaktusfeigenöl (für die Augenpartie) – und keine weiteren Konservierungsstoffe.

          Merme: Claire Ralston.
          Merme: Claire Ralston. : Bild: HERSTELLER

          Der Duft ist im Vergleich zu den Ölen, die man sonst kennt, dezent - Mandel riecht nicht nach Marzipan oder Amaretto. Dafür ist der Preis deutlich höher: Es geht bei 29 Euro los. Zu Beginn füllte Ralston die aus Südamerika oder Spanien importierten Öle noch selbst ab. Diese Tätigkeit machte sie zum Kosmetikhersteller, und als solcher braucht es ein Gesundheitszeugnis und ein Labor mit abwaschbaren Tischen, Wänden, Böden – und mit Fliegengittern vor dem Fenster. „Das wurde alles vom Gesundheitsamt kontrolliert“, sagt die Gründerin.

          Ein unabhängiges Forschungslabor testete anschließend, ob die Öle auch strengen Sicherheitsauflagen standhalten. Das europäische Cosmetic Products Notification Portal (CPNP) prüfte dann die Verträglichkeit anhand der Inhaltsstoffe und gab sie letztlich zum Verkauf frei. 2015 ging Merme an den Markt. Inzwischen ist die Nachfrage so groß geworden, dass Ralston von einem kommerziellen Labor abfüllen lässt und sich nur noch um Marketing und Vertrieb kümmert.

          Biokosmetik boomt. Das sieht man schon am Platz, den die Produkte mit ökologischem Anspruch neuerdings im Drogeriemarkt einnehmen. Sie passen zum nachhaltigen Zeitgeist und sehen zudem so gut aus, dass man sie gerne ins Bad stellt oder sogar auf Instagram präsentiert. Die minimalistisch gehaltene, ökologisch korrekte Creme als Symbol eines kuratierten Lebensstils passt in das Bild einer anspruchsvollen urbanen Elite, die zum Beispiel auch ihre Matratze nicht beim Discounter an der Ecke kauft.

          Daniela Mellis lernte Claire Ralston bei der Eröffnung ihres „Treat Collection Beauty-Lofts“ in Prenzlauer Berg kennen. Zuerst verkaufte sie die Produkte der Australierin, dann schmiedeten die beiden gemeinsam Ideen für neue Kosmetikprodukte. In dem Berliner Hinterhof-Loft fehlt der klinische Eindruck, den man gemeinhin von Kosmetikstudios kennt, und es fehlt auch der beißende Geruch von Nagellack - denn Daniela Mellis befasste sich 2012 mit schadstofffreien Produkten.

          Treat Collection: Daniela Mellis.
          Treat Collection: Daniela Mellis. : Bild: HERSTELLER

          „Ich habe mich nach zwei Fehlgeburten intensiv mit den Schadstoffen im Nagellack beschäftigt“, sagt Mellis, die heute Mutter von Zwillingen ist. „Danach war mir klar, dass ich für den deutschen Markt einen Lack ohne giftige Inhaltsstoffe entwickeln wollte.“ Das Prenzlauer-Berg-Publikum schätzt den Öko-Ansatz. Zusammen mit Claire Ralston schuf sie die Girl-Smells-Kollektion, aluminium- und alkoholfreies Deodorant in trendigem Millennial-Pink, das es seit einigen Monaten zu kaufen gibt. Auf die Verpackung mit rosafarbener Luftpolsterfolie und Glitzerkuvert wird dabei genauso viel Wert gelegt wie auf den Inhalt. Produziert wird in externen Manufakturen. „Nach fünf Jahren bin ich Profi, was Briefings mit Produzenten angeht“, sagt Daniela Mellis. „Wenn beim zweiten Sample nicht alles passt, wird das auch nichts mehr.“

          Heute dauert es bei ihr nicht länger als ein Jahr, ein Produkt zu lancieren. Ein halbes Jahr davon verschlingen die Tests, um ein Produkt auf den Markt bringen zu können. Allerdings sind Bio-Siegel für Daniela Mellis nicht so wichtig. Sie werde zwar von Organisationen angeschrieben, die ihr Siegel für eine Gebühr von 2000 Euro anbieten, doch die Berlinerin sagt: „Ein Ecocert-Label würde mich einschränken, da ich dann nur Rohstoffe von gelisteten Zulieferern einkaufen dürfte.“

          Es geht um Verträglichkeit

          Alexander Scholz sieht es ähnlich. Sein Münchner Unisex-Label Muti hat er fast zur selben Zeit gegründet wie Merme. Auch er ist ein Quereinsteiger. In seinem ersten Berufsleben kümmerte sich Scholz vor allem um Bilanzen. Im zweiten sitzt er mit sieben Angestellten mitten in der Münchner Innenstadt. „Meine Marke sollte leicht verständlich sein und sich des Designthemas annehmen“, sagt Scholz. Die Tiegel sind weiß, die Schrift und die Aussage minimalistisch. Auf dem Deckel markieren zarte Pastellfarben den Anwendungsbereich. Der Geruch: ein Hauch von Nichts.

          Die Cremes von Muti stehen auch in Concept-Stores wie dem von Andreas Murkudis in Berlin. Mit Preisen von 39,50 Euro für eine Tagescreme liegen die Produkte auf dem Niveau einer internationalen Marke wie Kiehl's. Nur steht hinter Muti eben kein Großkonzern wie L'Oréal. „Man darf nicht unterschätzen, wie lange es dauert, ein Kosmetikprodukt marktreif zu machen“, sagt Alexander Scholz. „Für einen Laien sind die Regularien in der Kosmetikbranche nicht ganz einfach zu verstehen.“

          Frühzeitig hatte er sich deshalb mit einer Beraterin aus der Kosmetikbranche sowie einem Lohnhersteller zusammengetan, der ihm die Rezepturen entwickelte. Dann ging auch seine finale Inhaltsliste ans CPNP. Im Anschluss überprüfte das Kreisverwaltungsreferat München die konkreten Muster. Die Zertifizierung als Naturkosmetik ließ Scholz bewusst aus. „Mir geht es um Verträglichkeit“, sagt er, „und dafür ist Naturkosmetik nicht zwingend ein Garant.“

          Mit ihrer Zurückhaltung im Hinblick auf Biosiegel sind Mellis und Scholz nicht allein. Für Christina Kraus, die Betreiberin des Naturkosmetik-Shops „Green Glam“ aus Augsburg mit dem entsprechenden Online-Angebot, ist ein Siegel nicht ausschlaggebend, um ein Produkt ins Sortiment aufzunehmen. Nach ihren Erfahrungen können sich das gerade junge Kosmetiklabels oft nicht leisten. Für Kraus, die eigentlich Apothekerin ist, hat in solchen Fällen Transparenz bei den Inhaltsstoffen Priorität. Aber es geht auch darum, dass die Produkte innovativ sind und so gut aussehen, dass sich Christina Kraus sie selbst gerne ins Bad stellen würde. Sie sagt aber auch: „Wenn die Inhaltsstoffe nicht passen, hilft die schönste Verpackung nichts.“

          Muti: Alexander Scholz.
          Muti: Alexander Scholz. : Bild: HERSTELLER

          Was genau versprechen die Siegel für Naturkosmetik überhaupt? Ecocert etwa wurde als Kontroll- und Zertfizierungsverband für ökologische Produkte 1991 in Frankreich gegründet. Das Label wird an Kosmetikprodukte vergeben, die nur höchstens fünf Prozent synthetische Inhaltsstoffe verwenden und auf erneuerbare Ressourcen und Inhaltsstoffe aus ökologischem Anbau setzen. Es sind Produkte, die nur dann tierische Inhaltsstoffe einsetzen, wenn es keine gleichwertigen pflanzlichen Alternativen gibt. Die Interessengemeinschaft Natrue hingegen, die sich aus führenden deutschen Naturkosmetikfirmen wie Dr. Hauschka, Lavera und Weleda formiert, gilt als weniger streng und hat drei Qualitätsstufen festgeschrieben: für Naturkosmetik, Naturkosmetik mit Bioanteil und Biokosmetik.

          Der moderne Mann

          Außerdem gibt es das BDIH-Emblem des Bundesverbands Deutscher Industrie-und Handelsunternehmen für Arzneimittel, Reformwaren, Nahrungsergänzung und Körperpflege. Cremes, Lotionen und Shampoos im Naturkostladen haben in der Regel ein solches Siegel. Davon abgesehen sind die Begriffe „Naturkosmetik“ und „Bio“ in der Branche bislang gesetzlich nicht geschützt.

          Friedman Berlin: Friedemann Seith
          Friedman Berlin: Friedemann Seith : Bild: HERSTELLER

          Friedemann Seith von der Männermarke Friedman Berlin hat sich von Anfang an um ein Bio-Etikett gekümmert. „Dass ich kein Dermatologe oder Chemiker bin, sieht man mir wahrscheinlich schon an“, sagt er zur Begrüßung. Seith ist Betriebswirt und hat vor der Gründung seiner Firma zweieinhalb Jahre lang gelernt, wie man Start-ups aus der Taufe hebt. Eine App oder Software erschien ihm wenig reizvoll – Seith wollte ein richtiges Produkt lancieren.

          Wenn er von seiner Zielgruppe spricht, erwähnt er oft den modernen Mann. Wie sich Friedemann Seith moderne Männer genau vorstellt, war in Berlin zuletzt bei der Modewoche im Januar zu sehen, als seine Plakate an prominenten Stellen hingen. Man konnte die reduzierten Schwarz-Weiß-Porträts von Berlinern jeglichen Alters leicht für die neue Werbung der Schaubühne halten, des renommierten Theaters am Kurfürstendamm. Als Absender zeichnete aber einfach nur: Friedman Berlin. Statt auf Wirkversprechen setzte Seith auf Branding.

          Kommt man auf die Produktentwicklung zu sprechen, verweist Friedemann Seith ebenfalls auf die Zusammenarbeit mit einem Labor. Für ihn stand jedoch fest, dass sein Produkt auch 100 Prozent Bio sein müsse. „Ohne braucht man heutzutage ja gar nicht mehr anzutreten“, sagt er. Seine Produkte haben also das Natrue-Siegel. Die nächsten Neueinführungen sind schon geplant. In Berlin riecht es mal wieder nach mehr.

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