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Keine Steuern für Second Hand? : Mode statt Müll

Am 1. März feierten diese Menschen in Kolumbien den Welt-Recycling-Tag. Bild: AFP

Getragene Kleidung weiterzuverkaufen ist nicht nur als Umweltschutzmaßnahme eine gute Idee. Doch es gibt Hürden für Second Hand. Eine Petition fordert deshalb, die Steuern auf gebrauchte Mode abzuschaffen.

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          Mode ist eine ziemliche Sünde. Nach einer vor ein paar Jahren erschienenen Studie der „Ellen McArthur Foundation“ war die Industrie für den Verbrauch von 93 Milliarden Kubikmeter Wasser und 1,2 Milliarden Tonnen Kohlendioxid-Ausstoß verantwortlich. Zum Vergleich: Der Luftverkehr erzeugt rund 918 Millionen Tonnen CO2. Im Report „Towards the circular economy“ geben die Autoren an, dass wir derzeit 20 Kilogramm neue Kleidung und Schuhe im Jahr kaufen. Jeder. Und doch nutzen wir vieles davon nicht. Das britische Reclycingprojekt Wrap hat erhoben, dass in den Schränken im Vereinigten Königreich Kleidung im Wert von 50 Milliarden Dollar vergessen vor sich hindümpelt und seit mindestens einem Jahr nicht getragen wurde.

          Theresa Weiß

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Hierzulande sieht es nicht anders aus. In Deutschland fallen jedes Jahr etwa 1,35 Millionen Tonnen Alttextilien an. Davon würden etwa eine halbe Million Tonnen aufbereitet und wiederverkauft, sagt Philipp Sommer, der bei der Deutschen Umwelthilfe für Kreislaufwirtschaft zuständig ist. Eine weitere halbe Million Tonnen wird als Dämmmaterial, Putzlappen oder Malervlies genutzt. „Der restliche Anteil wird nicht getrennt erfasst und vor allem über die Restmülltonne einer Verbrennung zugeführt“, sagt Philipp Sommer, der bei der Deutschen Umwelthilfe für das Thema Kreislaufwirtschaft zuständig ist.

          Das verschwendet Ressourcen, denn bevor aus Baumwolle ein Shirt wurde, sind viel Wasser, Arbeit und Chemikalien eingesetzt worden. Das aufwendig produzierte Shirt einfach zu verbrennen, ist darum keine nachhaltige Lösung. Auch die EU hat das Problem erkannt. In den nächsten Tagen wird die Kommission eine Strategie vorstellen, um die Textilwirtschaft nachhaltiger und umweltfreundlicher zu machen.

          Kosten und Nutzen kaum im Verhältnis

          Sommer, der beim Thema Second Hand vor allem die Umwelt im Blick hat, kennt noch weitere Probleme von „Fast Fashion“: Die verwendeten Materialien sind oft minderwertig und keine Naturprodukte. „So werden in Deutschland jedes Jahr etwa 6336 Tonnen Mikroplastik bei der Textilwäsche freigesetzt.“ Damit Mode kein Wegwerfartikel mehr ist, fordert sein Verband darum, Produzenten in die Verantwortung zu nehmen, was die Entsorgung und Sammlung betrifft, und außerdem ein verpflichtendes Ökodesign für neu produzierte Ware festzulegen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist aber die Wiederverwendung.

          Selbst, wenn sich jemand entschließt, getragene Kleidung in die Altkleidersammlung zu geben, ist damit noch nicht garantiert, dass sie wirklich an jemanden weitergeben wird. Philipp Sommer von der Deutschen Umwelthilfe sagt: „Wir haben in Deutschland hohe Sammelquoten, aber durch den Trend zur Billigmode finden sich kaum mehr Abnehmer für die Ware.“ Kosten und Nutzen stehen kaum im Verhältnis. Denn es ist zeit- und kostenintensiv, Kleidung aufzubereiten. Jedes Stück muss in die Hand genommen, sortiert, gegebenenfalls weiter transportiert werden. Am besten für die Umwelt ist es, wenn Kleidung, die jemandem nicht mehr gefällt oder zu klein geworden ist, ohne viel Aufarbeitung und Transport weiterverkauft wird. Sie wird gewaschen und in einem Laden für einen niedrigeren Preis angeboten. So werden kaum neue Ressourcen eingesetzt. Doch Sommer sagt: „Second Hand ist bisher vor allem ein Segment für coole Hipster, die 80er-Jahre-Mode tragen wollen.“

          Zum Globalen Klima-Aktionstag demonstrierte im November eine Frau vor der Frankfurter Filiale des Discounters Primark.

          Dass Second-Hand-Ware kein Selbstläufer ist, hat auch der Verband Vernetzt e.V. gemerkt. Er setzt sich für die Belange von Second-Hand-Betrieben ein, also nicht nur für getragene Kleidung, sondern auch für Läden, die gebrauchte Elektrogeräte oder Möbel anbieten. Daniela Kaminski ist im Vorstand des Vereins und hat eine Petition gestartet: Sie und ihr Verband fordern, beim Verkauf von Second-Hand-Produkten null Prozent Mehrwertsteuer anzusetzen. Das würde die Geschäfte, die Gebrauchtes verkaufen, stark entlasten. Das sei nötig, weil viele Läden schließen müssten: Die Gewinnspanne sei zu niedrig, der Arbeitsaufwand hoch.

          Wird Second Hand cooler?

          Kaminski meint, dass es nur gerecht wäre, die Second-Hand-Läden steuerlich zu begünstigen: „Die Second-Hand-Betriebe sind gesellschaftlich wichtig, sie wirtschaften ökologisch verträglich und schaffen Arbeitsplätze für Menschen, die es sonst vielleicht schwerer hätten, eine Stelle zu finden.“ Und es gebe noch so viele weitere Vorteile: Zum Beispiel mache der Verkauf von Ware aus zweiter Hand die Produkte sozialen Schichten zugänglich, die sich sonst weder Handy noch Waschmaschine oder Designer-Pulli leisten könnten. Oder: Je mehr Waren im Kreislauf bleiben, desto geringer sind die Entsorgungskosten für die Gesellschaft.

          Kaminski glaubt, dass sich das Klima gerade wandelt: Second Hand steht nicht mehr in einer Öko-Ecke, für viele werde es normaler, nachhaltige Materialien zu kaufen. 2018 wurden laut einer Erhebung des Bundesverband des Deutschen Textileinzelhandels zuletzt knapp 14 Millionen Fairtrade-Kleidungsstücke in Deutschland verkauft. Das ist immer noch wenig im Vergleich zur Menge an Mode, die First Hand bei den großen Bekleidungsketten verkauft wird: pro Person etwa 60 Teile im Jahr.

          Doch der Erfolg ihrer Petition scheint Kaminski Recht zu geben: Derzeit haben schon mehr als 49.000 Menschen unterschrieben. Sie wollen, dass die Second-Hand-Läden erhalten bleiben und sogar gefördert werden. Bei 50.000 Unterschriften wird die Petition dem Wirtschaftsministerium übergeben.

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