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Pelzverbot in Clubs : Fuchs, Nerz - ihr kommt hier nicht rein!

  • -Aktualisiert am

So unerwünscht wie ein Paar Badeschlappen: In einigen Clubs bekäme man mit dieser Pelzjacke keinen Einlass. Bild: plainpicture/Laure Ledoux

Aus Pelzteilen sind in den vergangen Jahren fragwürdige Massenprodukte geworden. Die ersten Club-Betreiber wollen das haarige Material nicht mehr in ihren Etablissements sehen - und gehen mit harter Tür dagegen vor.

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          Tut mir leid“, sagt Rapha Ripke der Security-Chef, „der Pelzkragen an deiner Jacke ist Echtpelz, damit kannst du unseren Club leider nicht besuchen. Wir sind pelzfrei!“ Der junge Mann, der schon eine Weile in der Schlange am Eingang des Hiltl Clubs in Zürich gestanden hat, schaut ungläubig. Ruhig erklärt Rapha, was es mit dem „Fur-Free-Dresscode“ auf sich hat. Und als sich ein kurzes und sachliches Gespräch entwickelt, in dem bald klar wird, dass sich der junge Club-Besucher über das Echtpelzproblem gar nicht bewusst war, ist jede befürchtete Peinlichkeit des Augenblicks dahin.

          Rapha kennt auch andere Reaktionen auf diese - zugegeben - ungewöhnliche Einlassregel. Eine, die dem Hiltl gute Chancen auf einen zweiten Rekordeintrag im „Guinness Buch“ einräumt, nämlich als erster pelzfreier Club auf dem europäischen Festland. Den Eintrag als ältestes vegetarisches Restaurant - seit 118 Jahren kocht man dort vegetarisch - hat das Hiltl in Zürich schon.

          Häufig kommen Pelze aus Ländern ohne Tierschutz

          Ist man an Rapha erst mal vorbei, wird gefeiert wie in jedem Club. „Smooth & Sexy“ ist das Motto an diesem Abend, es geht einen Gang ruhiger zu, und bis auf das Fur-Free-Logo, das ab und zu auf einem Bildschirm leuchtet, erinnert einen nichts an Tierschutz. Das Publikum ist jung, eine Dame im 50.000-Euro-Pelzmantel würde hier ohnehin kaum über das Parkett rauschen. Trotzdem zeigt schon ein Blick in die Garderobe, wie aktuell das Thema auch für Leute ist, die unter der Woche auf „Smooth & Sexy“-Abenden feiern.

          Die internationale Messe für Pelz und Mode in Hong Kong

          Viele Jacken, Mäntel und Mützen sind mit Fellapplikationen versehen, Kunstpelz versteht sich. Das erkennen Rapha und sein Team mit einem Blick. Sie wurden vom Schweizer Tierschutz geschult und prüfen die Pelzteile am Eingang anhand ein paar einfacher Kriterien. Sie streichen sanft über das Fell oder pusten leicht darüber. Oder sie schauen sich das Untergewebe genauer an. Wer dann immer noch Zweifel hat, der kann ein oder zwei Haare auszupfen und verbrennen. Kunstpelz riecht immer nach verschmortem Plastik und verklumpt. Echtpelz hingegen zerfällt und erinnert an verbrannte Haare.

          Seit etwas über einem Jahr ist der Club nun pelzfrei. Der Schweizer Tierschutz kam ursprünglich auf den Besitzer Rolf Hiltl zu. Den überraschte anschließend, dass vor allem Männer die Idee gut fanden. Damit hatte er nicht gerechnet. Einwände von Kritikern wie dem Geschäftsführer eines Kürschnerladens kann Rolf Hiltl aus beruflicher Sicht verstehen. „Ich fände es auch nicht gut, wenn jemand etwas gegen Karotten schreiben würde, wenn es um meine geschäftliche Existenz geht“, sagt Hiltl, der eben neben dem Club das vegetarische Restaurant unterhält. „Aber das Problem ist doch, dass das Geschäft mit Echtpelz heute in Länder geht, in denen es keinen Tierschutz gibt, wie wir uns das nach unseren Standards vorstellen. Und ich glaube, darüber sind sich viele junge Leute nicht bewusst.“

          Für Hersteller ist Pelz oft billiger als Polyester

          Tatsächlich sind viele Kunden überrascht, wenn sie erfahren, dass ihre Winterjacke im Trapper-Stil für 99,95 Euro eine Kapuze mit Echtpelz-Applikation hat. Das zeigen Umfragen. Für Hersteller ist es heute oft billiger, Jacken und Accessoires mit Pelz - zum Beispiel von Marderhunden - zu produzieren, als aus Polyester und Wolle Kunstfell herzustellen. So gab es in den vergangenen Jahren schon einige Fälle von umgekehrtem Etikettenschwindel. Das als Kunstpelz deklarierte Fell war eigentlich echt.

          In politisch korrekten Zeiten wie diesen sieht in solchen Produkten wohl kaum jemand einen Gefallen vom Hersteller, sondern stattdessen eine Mogelpackung. Schließlich verkünden nun immer mehr Menschen stolz, dass sie sich vegan ernähren. Und laut Schätzungen des Vegetarierbund Deutschland verzichten rund 7,8 Millionen Menschen auf Fleisch. Statt einer Winterjacke mit Marderhund-Kragen wird denen schon eher ein Abend im „Fur-Free-Club“ ins Konzept passen.

          Rotfüchse werden in Europa geschossen, um den Artbestand zu regulieren. Würde ihr Fell nicht verarbeitet werden, käme es in den Müll.

          Neben dem Hiltl in Zürich hat sich auch das Mahiki in London diesem Konzept verschrieben. Zur Klientel gehören Royals, Schauspieler und Stars. Seit Anfang 2014 ist der Club pelzfrei, ein großes Schild am Eingang weist darauf hin. Bei Bedarf verteilen die Türsteher auch gerne Anstecknadeln mit entsprechenden Logos. „Wir wollen niemandem vorschreiben, wie er sich zu kleiden hat“, sagt Michael Evans vom Mahiki. „Aber wenn wir in unserem Rahmen jemandem klarmachen können, dass Pelz für ein glamouröses Outfit unnötig ist, und was dahinter steckt, dann ist das unser Beitrag.“

          Pelz teils so unerwünscht im Club wie Badelatschen

          Bei diesem neuen Club-Konzept wird der Besucher mit einer völlig unerwarteten Aufforderung konfrontiert. Seine Reaktion ist auch für den Club-Betreiber erst einmal nicht vorhersehbar. Keiner würde sich wundern, wenn er mit Adiletten an den Füßen am Eingang eines eleganten Clubs abgewiesen werden würde. Aber mit Pelz? Ausgerechnet dem Material, das früher mal so rar und aufwendig in der Fertigung war, dass es zugleich für Wohlstand stehen musste? Dass für einige Clubs Pelz nun so unerwünscht ist wie ein Paar Badeschlappen, zeigt einmal mehr, wie sehr sich das Image der Pelzmode in den vergangenen Jahren verändert hat.

          Auch Rolf Hiltl erinnert sich an den sehr teuren Nerzmantel seiner Großmutter. Der gehörte zum Lifestyle der gehobenen Gesellschaftsschicht wie das Silberbesteck. Jedenfalls so lange, bis in Ländern wie China, ohne Tierschutzgesetze, die Produktion angekurbelt wurde und sich das einst seltene Material zu einem fragwürdigen Massenphänomen entwickelte. So erzielte der Handel mit Pelzfellen weltweit 2011 einen Umsatz von 15,6 Milliarden Dollar, 44 Prozent mehr als noch zehn Jahre zuvor.

          Nicht jeder Echtpelz ist gleich ein schlechter Pelz

          Gut möglich, dass die Trendwende, hin zu bewussterem Umgang mit Pelz, kurz bevorsteht. Auch Markus Papai vom vegetarischen Restaurant Tian in Wien, das mit drei Hauben und einem Michelin-Stern ausgezeichnet ist, könnte sich gut vorstellen, dass immer mehr Etablissements die Pelzfreiheit für sich entdecken. Auch wenn sich die Frage nach einem Pelzverbot in seinem Restaurant aktuell nicht stellt, strebten die Gäste nach Balance zwischen „ethisch-moralischen Prinzipien und dem eigenen Handeln“. Politisch korrekte Zeiten eben.

          Dabei ist nicht jeder Echtpelz gleich ein schlechter Pelz. Selbst kritische Konsumenten - zumindest jene, die noch Fleisch essen - dürften ins Grübeln kommen, wenn sie vor einem wunderschönen Rotfuchsmantel stehen. Der ist gefertigt aus dem Fell von Tieren, die in Deutschland, Österreich und der Schweiz geschossen wurden, um den Artbestand zu regulieren, nicht um daraus Mäntel zu fertigen. Würde ihr Fell nicht weiterverarbeitet werden, käme es in den Müll.

          Das große Schweizer Modehaus Modissa führt das Produkt nun seit drei Jahren. Was damals mit einem kleinen Anteil an der Winterware begann, ist in dieser Saison explodiert. Der Großteil aller dort verkauften Mäntel und Jacken mit Pelz seien nun aus dem Fell von Rotfüchsen gefertigt. Nur einen Nachteil haben diese korrekten Pelzmäntel doch: Im Hiltl wird man damit trotzdem abgewiesen.

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