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Pelz-Debatte : Das Schweigen der Lämmer

  • -Aktualisiert am

Echt oder synthetisch? Bild: plainpicture/Laure Ledoux

Kein Tier muss für einen Mantel aus Kunstpelz sein Leben lassen. Ist das nicht toll? Über einen Bewusstseinswandel, der wenig Raum für Gegenargumente lässt.

          Nur mal angenommen, an einem der Cafeteria-Tische, an denen Studenten nach dem Mittagessen für gewöhnlich einen Kaffee trinken, säßen plötzlich zwei Füchse, ein Leopard und zwei Schäfchen und unterhielten sich gutgelaunt über Mode. Über Kunstpelz im Speziellen. Die Veganer am Nebentisch würden ihren Ohren nicht trauen. Hätten sie ihren Lieblingen diese Oberflächlichkeit doch niemals zugetraut. Die Veganer würden in so einer Situation natürlich moralischen Ernst verlangen: Die Tiere sollten dankbar sein und sich tunlichst nicht darüber amüsieren, dass eine „Fake Fur“-Jacke zum Beispiel auch in hellblauem Teddyplüsch daherkommen kann. So ein Kunstpelz-Teil wird im Regen leicht klamm, ja – doch wurde dafür wenigstens kein wildes, freiheitsliebendes Tier gezüchtet, in Käfigen gequält und grausam geschlachtet. Kein Blut klebt an den Fasern. Wie kann jemand zögern, da den richtigen Schluss zu ziehen? Wie kann er eine Sekunde anders sein als des Lobes voll?

          Unter anderem der Veganer Tom Ford hat sich diese Freiheit herausgenommen. Er wisse nicht, ob Fake Fur die Antwort auf das moralische Dilemma sei, in das sich die Menschen durch die massenhafte Produktion von Pelzen verstricken, sagte er dem Branchenblatt „Women’s Wear Daily“. Der Kunstpelz bringe ja gleichfalls Probleme mit sich.

          Der bissige Mode-Club der Tiere

          Ein Satz der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann könnte einem einfallen. Er besagt, dass „die Konsequenz, das Konsequente in fast allen Fällen etwas Furchtbares“ sei. Das „Erleichternde, das Lösen, Lebbare, das kommt inkonsequent einher“. So auch hier.

          Die Unterzeichnende beispielsweise, die niemals Lammfleisch essen würde, ist seit dreizehn Jahren glücklich über die Wärme eines Lammfellmantels, den sie sich einst, in einer Phase persönlicher Unsicherheit und vom wiederholten Wohnen zur Untermiete ein bisschen durchgefroren, in einem alten Berliner Pelzgeschäft gekauft hat. Sie trägt ihn seitdem jeden Winter, und das, obwohl Wohlmeinende sie darauf hingewiesen haben, dass der Mantel inzwischen ziemlich ramponiert und mitgenommen wirke, um nicht zu sagen, dass er jeden Chic verloren habe. Doch was soll man machen?

          Der amerikanische Modedesigner Tom Ford

          Der Mantel ist ein Freund, und einen Freund wechselt man nicht aus, wenn er nicht mehr so schön ist wie früher. Der Gedanke an Untreue taucht trotzdem auf. Eifersüchtig blickt man auf das, was dort draußen an Vielfalt und Untreue geboten wird.

          Menschen laufen in goldenen Oversize-Nerz-Adaptionen herum, in elegant geschnittenen Leopardenprints und farbig abgesetzten Faux-Fur-Bomberjacken, gänzlich unbelastet von dem Gedanken an geschlachtete Lämmer. Wie es wohl wäre, in einem kragenlosen und farblich an Löwen und Tigerstreifen erinnernden Givenchy-Mantel der Herbst-Kollektion 2018 durch den Winter zu schlendern und auszusehen, als hätte man den lieben langen Tag nichts anderes zu tun, als in Cafés Zeitung zu lesen und Champagner zu trinken? Selbst der bissige Mode-Club der Tiere würde vermutlich applaudieren. Dieser Mantel ist ja aus Kunstpelz, ein Fake, der nichts mit Täuschung und Lüge zu tun hat.

          Gesten der Macht und Verführung

          Der Kunstpelz sei gekommen, um zu bleiben, heißt es. Der Trend wäre demnach im Grunde kein Trend. Verschiedene Kommentatoren sind sich sicher: Ein unaufhaltsamer Bewusstseinswandel habe eingesetzt, echtes Tierfell sei völlig kompromittiert, ein Relikt der Grausamkeit, von dem sich auch die Politik nach und nach distanziert. So beschloss die Stadt San Francisco im März vergangenen Jahres das Verbot des Pelzhandels, in Los Angeles folgte man dem Beispiel, und in Großbritannien hat man bereits intensiv diskutiert. Berühmte Modehäuser haben dem echten Pelz abgeschworen. Versace, Gucci, Maison Margiela, Jean Paul Gaultier und Burberry. Sie alle wollen fortan verzichten, und auch Clare Waight Keller von Givenchy und Diane von Fürstenberg werden mit der Einschätzung zitiert, dass es gar keinen Sinn mache, überhaupt noch jemandem die Verarbeitung von Tierfellen vermitteln zu wollen. Eine junge Generation akzeptiere das nicht und setze stattdessen auf die Chancen der Zukunft. Frauen könnten heute schon dem Glam des Faux Fur ebenso vertrauen wie dem des Originals.

          Man ahnt es: Das eine oder andere Argument fehlt. Abgesehen davon, dass von der Geschichte des Pelzes, seiner Zeichensprache noch gar nicht die Rede war. Dabei könnte der schlichteste Kunstfell-Kragen von Charlotte Simone oder eine Faux-Fur-Pantolette aus dem Lookbook der Designerin Parme Marin willkommener Anlass sein, um über die Gesten der Macht und Verführung zu sprechen. Über Kleiderordnungen und die Privilegien einer ständischen Gesellschaft und darüber, was es über das Selbstbild des Malers Albrecht Dürer aussagt, wenn er sich um 1500 in einem Mantel mit einem Marderpelzkragen, einem den hohen Ständen vorbehaltenen Kleidungsstück, porträtiert. Oder was das bodenlange Rainbow-Faux-Fur-Cape aus dem Hause Burberry bedeutet, das dem barocken Krönungsmantel zuzwinkert. Queer und herrschaftlich wie es ist, lässt es keinen Zweifel am Stolz seiner Trägerin.

          Tierfreundin und Designerin Stella McCartney

          All das kommt, wie gesagt, in der aktuellen Debatte kaum vor. Der Zeitgeist fordert Bekenntnis und verschließt den Raum für Ironie, für das Sowohl-als-auch und den Witz der unwiderstehlichen Toni Simmons (Goldie Hawn), die sich im Film „Die Kaktusblüte“ 1969 sehr viel mehr über hohe Lederstiefel gefreut hätte als über die prächtige Nerzstola, die ihr der deutlich ältere Zahnarzt Julian Winston (Walter Matthau) schenkt. Was soll sie mit einem Nerz auf den Schultern, wenn sie in Stiefeln und Minirock einen Hotdog essen und ins Kino gehen kann?

          Profit durch den Glanz der Tiere

          Toni Simmons hätte – das ist mal sicher – phantastisch ausgesehen in einem wollweißen Patchwork-Faux-Fair von Stella McCartney. Die Nerzstola ist ihr viel zu arriviert, viel zu alt. Weshalb sie das gute Stück kurzerhand weiterverschenkt.

          Diese Unbekümmertheit ist weg; es verbieten sich frivole Scherze. Stella McCartney, eine der profiliertesten Vertreterinnen der Fake-Fur-Fraktion, weist darauf hin. In die Herstellung von Kunstpelz fließt wesentlich Acryl und Polyester ein, die beide nicht ohne den Verbrauch von Erdöl zu haben sind. Die synthetischen Fasern sind praktisch unlöslich in Wasser und schlagen fett auf der Minusseite der Bilanz zur Nachhaltigkeit zu Buche. Man solle, fordert McCartney deshalb auf ihrer Website, sorgfältig mit dem „fur-free fur“ umgehen, ihn pflegen und hegen, und vor allem: ihn niemals wegwerfen!

          Wenn das keine Pointe ist. Der Fake Fur wird in diesem Bild lebendig; wie der alte Lammfellmantel wird er zu einem Freund, dem man die Treue hält. Für Stella McCartney jedenfalls ist er kein totes Objekt, kein stumpfer Spiegel, an dem die Selbstkritik abprallt. Sie habe, sagte sie der englischen Presse, zunächst Einwände gegen ihn gehabt. Man ahnt, worauf sie abzielt: Macht sich der Kunstpelz schuldig, indem er dem echten Pelz zum Verwechseln ähnelt? Profitiert man nicht, zumindest gedanklich, vom Glanz der Tiere, die man eigentlich retten wollte?

          2015 präsentierte McCartney zum ersten Mal und dann sofort ungemein überzeugend Mäntel aus Kunstpelz. Im Gespräch mit jungen Frauen sei ihr klar geworden, dass echte Pelze die Phantasie nicht mehr beschäftigen. Das Begehren, der Wunsch nach Luxus und Glamour lösen sich von den alten Schulden. Das wenigstens ist die Hoffnung, die ihren ganzen Mut zusammennehmen muss, um heiter und leicht zu erscheinen. Etwas Neues soll beginnen. Etwas, das nicht auf Kosten Anderer geht. Der Mode-Club der Tiere wünscht Glück.

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