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Pelz-Debatte : Das Schweigen der Lämmer

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Man ahnt es: Das eine oder andere Argument fehlt. Abgesehen davon, dass von der Geschichte des Pelzes, seiner Zeichensprache noch gar nicht die Rede war. Dabei könnte der schlichteste Kunstfell-Kragen von Charlotte Simone oder eine Faux-Fur-Pantolette aus dem Lookbook der Designerin Parme Marin willkommener Anlass sein, um über die Gesten der Macht und Verführung zu sprechen. Über Kleiderordnungen und die Privilegien einer ständischen Gesellschaft und darüber, was es über das Selbstbild des Malers Albrecht Dürer aussagt, wenn er sich um 1500 in einem Mantel mit einem Marderpelzkragen, einem den hohen Ständen vorbehaltenen Kleidungsstück, porträtiert. Oder was das bodenlange Rainbow-Faux-Fur-Cape aus dem Hause Burberry bedeutet, das dem barocken Krönungsmantel zuzwinkert. Queer und herrschaftlich wie es ist, lässt es keinen Zweifel am Stolz seiner Trägerin.

Tierfreundin und Designerin Stella McCartney

All das kommt, wie gesagt, in der aktuellen Debatte kaum vor. Der Zeitgeist fordert Bekenntnis und verschließt den Raum für Ironie, für das Sowohl-als-auch und den Witz der unwiderstehlichen Toni Simmons (Goldie Hawn), die sich im Film „Die Kaktusblüte“ 1969 sehr viel mehr über hohe Lederstiefel gefreut hätte als über die prächtige Nerzstola, die ihr der deutlich ältere Zahnarzt Julian Winston (Walter Matthau) schenkt. Was soll sie mit einem Nerz auf den Schultern, wenn sie in Stiefeln und Minirock einen Hotdog essen und ins Kino gehen kann?

Profit durch den Glanz der Tiere

Toni Simmons hätte – das ist mal sicher – phantastisch ausgesehen in einem wollweißen Patchwork-Faux-Fair von Stella McCartney. Die Nerzstola ist ihr viel zu arriviert, viel zu alt. Weshalb sie das gute Stück kurzerhand weiterverschenkt.

Diese Unbekümmertheit ist weg; es verbieten sich frivole Scherze. Stella McCartney, eine der profiliertesten Vertreterinnen der Fake-Fur-Fraktion, weist darauf hin. In die Herstellung von Kunstpelz fließt wesentlich Acryl und Polyester ein, die beide nicht ohne den Verbrauch von Erdöl zu haben sind. Die synthetischen Fasern sind praktisch unlöslich in Wasser und schlagen fett auf der Minusseite der Bilanz zur Nachhaltigkeit zu Buche. Man solle, fordert McCartney deshalb auf ihrer Website, sorgfältig mit dem „fur-free fur“ umgehen, ihn pflegen und hegen, und vor allem: ihn niemals wegwerfen!

Wenn das keine Pointe ist. Der Fake Fur wird in diesem Bild lebendig; wie der alte Lammfellmantel wird er zu einem Freund, dem man die Treue hält. Für Stella McCartney jedenfalls ist er kein totes Objekt, kein stumpfer Spiegel, an dem die Selbstkritik abprallt. Sie habe, sagte sie der englischen Presse, zunächst Einwände gegen ihn gehabt. Man ahnt, worauf sie abzielt: Macht sich der Kunstpelz schuldig, indem er dem echten Pelz zum Verwechseln ähnelt? Profitiert man nicht, zumindest gedanklich, vom Glanz der Tiere, die man eigentlich retten wollte?

2015 präsentierte McCartney zum ersten Mal und dann sofort ungemein überzeugend Mäntel aus Kunstpelz. Im Gespräch mit jungen Frauen sei ihr klar geworden, dass echte Pelze die Phantasie nicht mehr beschäftigen. Das Begehren, der Wunsch nach Luxus und Glamour lösen sich von den alten Schulden. Das wenigstens ist die Hoffnung, die ihren ganzen Mut zusammennehmen muss, um heiter und leicht zu erscheinen. Etwas Neues soll beginnen. Etwas, das nicht auf Kosten Anderer geht. Der Mode-Club der Tiere wünscht Glück.

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