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Paul Smith : Very british in Hamburg

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Sir: Paul Smith Bild: Röth, Frank

Für seinen ersten Laden in Deutschland hätte sich Paul Smith keinen besseren Ort als Hamburg aussuchen können, schließlich pflegen die Hanseaten britische Lebensart. Nur der Nonkonformismus des Designers könnte sie stören.

          Den vornehmen Anglo-German-Club oder einen der traditionsreichen Rudervereine hat er noch nicht besucht. Dafür kennt Paul Smith den Fischmarkt, die Alster und St. Pauli. Dass der britische Designer ausgerechnet in Hamburg sein erstes deutsches Geschäft eröffnet, könnte besser nicht passen. Schließlich pflegen die Hamburger britische Lebensart, treffen sich in privaten Clubs, spielen Hockey, rudern bis ins hohe Alter, tragen Tweed und rahmengenähte Schuhe aus England. Und die Kinder kommen rechtzeitig zur Pubertät auf eine britische Boarding-School.

          „Nein“, sagt Paul Smith. „Tut mir leid, aber der Zufall hat Hamburg bestimmt.“ Hier habe man ihm als erstes eine schöne Immobilie angeboten. Zur offiziellen Eröffnung des Ladens an den Hohen Bleichen am Mittwochabend ist der Modemacher von der Themse an die Elbe gekommen. Der Siebenundsechzigjährige, der durchtrainiert ist, weil er regelmäßig schwimmt, ist entwaffnend offen und für einen Modemacher erfrischend unkompliziert. Sir Paul – im Jahr 2000 wurde er zum Ritter geschlagen – ist auch in dieser Hinsicht hanseatisch und britisch zugleich. So wie seine klaren Schnitte, die solide Qualität der Stoffe und die tadellose Ausführung der Entwürfe. An seinen sprühenden Nonkonformismus, der sich in poppigen Farben, auffallenden Mustern und Ethno-Einflüssen ausdrückt, werden sich die steifen Hamburger aber gewöhnen müssen.

          Gediegenes Fischgrätparkett

          Dieser Shop ist „exquisite“, schon wegen der mit feinen Perlen bestickten Schädel-Nachbildungen am Eingang. Gediegenes Fischgrätparkett, Regale aus Walnussholz und ein idyllischer Garten – eine Rarität in dieser Lage – sind die Basis in diesem Biedermeier-Bau. Überall Eyecatcher wie ein Schirmständer mit aufgemalter Giraffe oder ein großer Leuchter aus Murano-Glas. Jedes Geschäft von Paul Smith ist einzigartig gestaltet, sei es als nobles Stadthaus wie in Notting Hill oder als pinkfarbener Schuhkarton wie an der Melrose Avenue in Los Angeles.

          Gediegenes Fischgrätenparkett: der neue Laden von Paul Smith

          Die Urzelle, der 1970 in seinem Geburtsort Nottingham eröffnete Laden, ist zur Zeit in der Ausstellung „Hello, My Name Is Paul Smith“ im Londoner Design Museum als Nachbildung zu sehen. Ein drei mal drei Quadratmeter großer Kasten, nicht gerade üppig für eine Boutique. Die Nähe zum Kunden habe ihn zum Prinzip seiner Läden gebracht, sagt der Designer: „Ich wollte, dass der Besucher sich trotz der Enge sofort wohlfühlt.“ Daher habe er Kuriositäten zur Zerstreuung ausgelegt: Mitbringsel von einem Rucksackurlaub etwa oder alte Notizbücher. „Das gilt heute noch für meine Geschäfte: Überall gibt es etwas Anregendes zu sehen.“ Die Paul Smith Group betreibt 35 eigene Läden und wird an fast 2000 Standorten in der Welt verkauft. Erwirtschaftet wurde 2013 als konsolidierter Umsatz mehr als 200 Millionen Pfund. Als privat geführtes Unternehmen ist Paul Smith mittlerweile eine Rarität in der zunehmend von Luxusgruppen und Modeketten geprägten Branche.

          Neben eigenen Produkten – Damen-, Herren-, Kinderkleidung, Schuhen, Brillen oder Uhren – entwirft Sir Paul regelmäßig Objekte für andere Marken. Er hat zweimal für Rover einen Mini gestaltet, einen davon in einem an sein Markenzeichen erinnernden bunten Streifenmuster, er hat ein Snowboard entworfen, ein Fahrrad und eine Leica-Kamera. Auch fotografiert er gern für Magazine. „Ich habe wohl nicht genug zu tun“, witzelt er, um mit einer ausladenden Geste auszurufen: „Oh, er hat drei freie Minuten, gebt ihm einen neuen Job!“

          „Ich bin kindlich, nicht kindisch“

          Paul Smith interessiert sich eben für alles. Dieser erfolgreiche ältere Herr hat keine gelangweilte „I’ve-seen-it-all“-Mine: „Ich bin kindlich – nicht kindisch.“ Eigentlich wollte er Radrennfahrer werden. Ein Unfall brachte den Siebenzehnjährigen vom Radsport ab. Und als er Kunststudenten kennenlernte, die ihm vom Bauhaus erzählten, „da tat sich mir eine neue Welt auf“.

          Kuriositäten zur Zerstreuung: „Ich will, dass man sich trotz der Enge wohlfühlt.“

          Mit 18 Jahren arbeitete er für eine Boutique in Nottingham, aber schon bald eröffnete er das winzige eigene Geschäft an der Byard Lane. Inzwischen hatte er seine spätere Frau Pauline Denyer kennengelernt, die Modedesign studierte, Couture-Techniken beherrschte und ihm alles über Mode beibrachte. „Ich war Anfang 20 und wohnte noch bei meinen Eltern. Dann kam Pauline, die Leute wie David Hockney kannte. Plötzlich hatte ich eine Frau, zwei Kinder, zwei Hunde und zwei Katzen.“

          Noch heute sind Paul und Pauline ein Paar. Wenn er von seiner Frau spricht, wird er leise und nachdenklich. Sie sei sehr speziell, kultiviert, schön und talentiert. „Sie ist bodenständig und nicht leicht zu beeindrucken“, erzählt er. Ihr ist es zu verdanken, dass der Designer auf Merkzettel Sätze kritzelt wie: „Niemanden interessiert es, wie toll Du mal gewesen bist. Bleib bescheiden!“

          Dieser Mann mit seinen multiplen Talenten könnte auch einen Ratgeber zur Kunst der Gelassenheit verfassen. Nicht einmal das Geschiebe am Eröffnungsabend in Hamburg bringt ihn aus der Ruhe. Sir Paul wirft sich ins Getümmel, das ziemlich jung und hip ist. Die Kaufleute und Manager werden von alleine kommen – und wie die Banker in der Londoner City pinkfarbene Strümpfe zum geschneiderten Anzug kombinieren. Very british eben.

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