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Denim in der Mode : Spezialist der Gegenwart

  • -Aktualisiert am

Ein großes Rätsel der Mode: Die Jeans macht das Einfache geheimnisvoll. Bild: MUD

Hell oder, wie in diesem Frühjahr, pastell. Mal eng, mal weit: Denim ist mehr als ein Trend – und vielleicht gerade deshalb so aufschlussreich.

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          Eine junge Italienerin überquert an einem Sommermorgen Mitte der achtziger Jahre die Piazza San Marco in Florenz. Sie trägt Levi’s 501, ein weites, weißes Hemd, dazu einen breiten, geflochtenen Gürtel. Wahrscheinlich ist sie auf dem Weg zur Arbeit oder zur Uni, sie hat es eilig. Dass sie in einem fashion moment mitspielt, ist ihr also vermutlich nicht bewusst. Wir sind zu dritt, ihr staunendes Publikum. Drei deutsche Rucksacktouristinnen, seit ein paar Wochen mit der Schule fertig und auf einem Railway-Ticket durch Europa unterwegs. Auch wir tragen Jeans, und wir kennen diese Hemden, die wir unseren Vätern aus den Kleiderschränken stehlen. Erklären können wir uns den Unterschied nicht. Als hätte die Italienerin, deren Look jetzt wieder sehr verstanden wird, ihrer Jeans magische Tricks beigebracht. Für das, wozu ein paar Jeans fähig sind, liebte sie ja auch Yves Saint Laurent eifersüchtig. „Sie haben Ausdruck, Bescheidenheit, Sexappeal, Einfachheit – all das, was ich mir von meinen Kleidern erhoffe.“ Diese Widmung prägte der französische Modeschöpfer im Gespräch mit dem „New York Magazine“ im Jahr 1983. Das Gewöhnliche wird raffiniert, das Einfache geheimnisvoll. Wenn er über die Jeans sprach, dann sprach Yves Saint Laurent offensichtlich über Eleganz.

          Es ist keine Übertreibung, die Jeans und den Stoff, aus dem sie gemacht sind, zu den großen Rätseln der Mode zu zählen. Zu den Protagonisten und Grenzgängern, die sich mit so vielen Geschichten und Widersprüchen verbinden, dass es unmöglich ist, sie auch nur annähernd zu erfassen.

          Mit dem Zeitgeist verknüpft

          Denim. Das führt ans linke Seine-Ufer und nach Saint-Tropez. Es führt zu den Männern in die Türkei, deren Lungengewebe beim Bleichen von Jeans mit Sandstrahlgeräten unwiederbringlich zerstört wurde, und hat zu tun mit einer Angestellten der Berliner Caritas, die einem Obdachlosen eine frisch gewaschene Jeans durch den Spalt einer Badezimmertür reicht. Mit einem Lehrer, der seine Jeans akkurat mit einer Bügelfalte versieht, was seine Schüler wundert.

          Es ist deutlich: Verglichen mit Denims Lebenserfahrungen wirkt die Frage nach dem Trend zunächst ein bisschen kleinlich. Sollte man auf Patchwork setzen oder lieber, wie es aktuell oft passiert, auf Denim in Pastell? Trends kommen und gehen. Denim aber ist, spätestens seit Claire McCardell in den Vierzigern das Charcoal Denim Dress entwarf, keine Sekunde aus dem Bewusstsein der Mode verschwunden. Dieser Stoff, der ursprünglich vom Lande kommt, von harter körperlicher Arbeit, hat sich wieder und wieder mit dem Zeitgeist verknüpft. Ein Spezialist für Gegenwart ist er auf diese Weise geworden, und insofern sind seine Trends – wenn man Trends als Aussagen über die Gegenwart versteht – in jedem Fall von Belang. Wenn selbst eine an Mode wenig interessierte Freundin ihre Jeansjacke aus der hintersten Ecke ihres Schrankes hervorholt, muss es Gründe haben. Jahrelang hat sie keine Jeans getragen, warum jetzt?

          Denim verzeiht eigentlich alles

          Die britischen Anthropologen Daniel Miller und Sophie Woodward würden raten, dieser Frage auf den Grund zu gehen. Denim sei direkt mit den Konflikten und Sehnsüchten der Menschen verknüpft. Er sei ein philosophisch begabter Vermittler im postmodernen Spannungsfeld der Identität und wie kein anderes item der Garderobe fähig, den Druck der Selbstinszenierung zu lindern. So hatten es die Forscher in ihrem 2007 gestarteten „Global Denim Project“ verkündet und Denim als einen Beschützer charakterisiert. Er nimmt das Ich in Obhut, wenn es sich morgens für einen Bleistiftrock mit Pulli entscheidet und vor dem Spiegel unsicher wird. Wenn es müde ist von der sozialen Rolle, die es spielen zu müssen glaubt. Das Ich kann sich auf Denim verlassen. Es kann in Boyfriend-Jeans über ungeklärte Beziehungsverhältnisse nachdenken, sich nach überstandener Operation für den Nachhauseweg wappnen. Denim ist da. Geduldig, und außer fettigen Haaren eigentlich alles verzeihend.

          Auf Hochzeiten und Beerdigungen ist er allerdings nicht gern gesehen. Unfähig wie er ist, einen Schwur zu leisten oder offiziell zu werden. Seine Sache ist der Alltag, sind die Pausen darin. Der Besuch im Kino, die pizzaverschmierten Hände, die Renovierung der Wohnung, deren Spuren Denim umstandslos verzeiht. Insbesondere, wenn die Mode die Renovierungsszene nachstellt und ein Kostüm aus dem Hause Oscar de la Renta vorbeischickt.

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