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Pariser Modewoche : „Wer nicht offiziell genannt ist, wird totgeschwiegen“

  • Aktualisiert am

Nach der Schau: Designer Johnny Talbot und Adrian Runhof vom deutschen Modelabel „Talbot Runhof“ Bild: Fricke, Helmut

Deutschland ist der am besten laufende Mode-Markt in Europa. Bei den Schauen in Paris aber haben es deutsche Häuser besonders schwer. Ein Interview mit den Designern Johnny Talbot und Adrian Runhof.

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          Herr Talbot, Herr Runhof, Gratulation zur Modenschau.

          Talbot: Danke. Die Resonanz auf die Frühjahrskollektion ist sehr gut.

          Leider haben einige Leute das Defilee verpasst, weil es nicht auf dem Kalender angekündigt war. Dabei nehmen Sie doch schon so lange am Prêt-à-porter teil.

          Talbot: Ja, das war jetzt unsere fünfzehnte Schau in Paris.

          Und in den vergangenen acht Saisons standen Sie im offiziellen Kalender der Modekammer.

          Runhof: Aber jetzt eben nicht mehr. Das wurde uns vor den Schauen mitgeteilt.

          Wie kam es dazu?

          Runhof: Wenn wir das wüssten! Die Modekammer, die für die Marken die Schauen organisiert, ist ein byzantinisches Gebilde mit schwer zu durchschauenden Entscheidungswegen. Da sind Designer Mitglied, die gar keine Mode mehr zeigen. Und andere, die noch bekannter sind als wir, kommen nicht mal auf den Kalender. Man hat uns nur gesagt, dass wir keine Mitglieder der Chambre Syndicale sind und keine Franzosen.

          Warum muss man denn auf dem Kalender stehen?

          Talbot: Man ist glaubwürdiger. Es kommen mehr Besucher, weil man auf der Liste ist. Viele Fotografen interessiert der Off-Kalender nicht. Wer nicht offiziell genannt ist, wird totgeschwiegen.

          Viele Designer streben hierher, wegen des Luxus-Booms und der bleibenden Bedeutung von Paris. Daher ist die Schauenwoche verstopft, obwohl sie schon auf neun Tage ausgeweitet ist. Allein auf der offiziellen Liste sind rund 110 Defilees verzeichnet.

          Runhof: Ja. Aber wie antiquiert, die Schauen im Stundenrhythmus zu veranstalten! Es gibt so viele Marken, deren Gäste sich ausschließen. Da könnte man einige parallel veranstalten. Dior und Valentino sollte man natürlich nicht gleichzeitig zeigen. Aber Margiela und Andrew Gn zur gleichen Zeit, da hätte kaum jemand was dagegen, die Segmente teilen sich doch auf. So könnte man das Ganze auch um ein paar Tage verkürzen, was ohnehin viele Besucher fordern.

          Kann es sein, dass die Franzosen noch fast 70 Jahre nach dem Krieg besonders die Deutschen gern hinten runterfallen lassen?

          Runhof: Beweise gibt es dafür nicht. Aber man merkt es allerorten. In der Mode sind die Deutschen das Letzte, was die Franzosen brauchen. Man ist hier offen für viele, nur nicht für uns. Die Franzosen haben Angst vor uns. Keine deutsche Marke ist dieses Mal auf dem offiziellen Kalender, obwohl auch Allude und Odeeh hier sind.

          Dabei ist Deutschland der am besten laufende Markt in Europa.

          Runhof: Wir merken das auch. Italienische Stoffhersteller, die uns früher nicht beachteten, bemühen sich jetzt um Termine bei uns, weil sie Deutschland als stabilen Markt wahrnehmen. Die deutsche Modeszene aber ist nicht gut gelitten.

          Das mangelnde Interesse an deutschen Designern spiegelt sich in den Firmenübernahmen. In dieser Woche ist LVMH bei dem Londoner Modemacher J.W. Anderson eingestiegen, und er wird Chefdesigner bei Loewe. Erst vergangene Woche hat sich LVMH mehrheitlich beim britischen Schuhdesigner Nicholas Kirkwood engagiert. Machen die Briten da irgendwas besser als die Deutschen?

          Talbot: Bestimmt. Man muss nur sehen, wie die in einer gemeinsamen Kraftanstrengung von Medien, Internethandel, Modehäusern und dem Königshaus in Gestalt von Prinz Charles die Szene nach vorne bringen. Davon sind wir in Deutschland weit entfernt.

          Wie meinen Sie das?

          Runhof: Schauen wir uns doch die Journalisten an. In den Herstellernachweisen der deutschen Magazine finden sich kaum deutsche Namen. Man will die eigenen Komplexe mit der Betonung internationaler Marken kompensieren. Deutsche Journalisten spielen international keine Rolle und laufen deswegen den „big names“ aus Paris und Mailand hinterher. Anna Wintour fordert und fördert ihren amerikanischen Nachwuchs. Und wir? Sind selbst schuld, dass wir international nicht angesehen sind.

          Schwierig ist auch, dass die Großkonzerne immer größer werden. Die gerade veröffentlichte Modelieferanten-Rangliste der „Textilwirtschaft“ stellt fest, dass Milliardenkonzerne wie Louis Vuitton, Chanel, Hermès beim Umsatz besonders stark zulegen konnten. Die drängen dann natürlich kleinere Marken an den Rand.

          Runhof: Auf welche Kundin spekuliert man eigentlich? Nicht mehr auf die jedenfalls, mit der die Marken groß geworden sind. Heute bedient man oft eine Angeber-Klientel. Der Preis rechtfertigt sich auch über die Qualität, aber noch stärker über die Marke. Die osteuropäischen und asiatischen Märkte funktionieren nach dem Prinzip Marke. Wir konzentrieren uns dagegen auf die traditionellen, erwachsenen Märkte. In Mailand trafen wir gerade auf viel Resonanz. Da ist die Kundin erfahren und sucht differenzierte, gute Mode.

          Seit Februar haben Sie einen Laden in Paris. Die Investition von 1,5 Millionen Euro müsste doch in Krisenzeiten ein schönes Signal für die Franzosen sein.

          Talbot: So besoffen kann eigentlich keiner sein, dass er all das Geld, das er in Deutschland verdient hat, in Frankreich investiert. Aber was unser Standing bei der Modekammer angeht, hat uns auch der Laden nichts gebracht. Auch nicht das Buch über unsere Arbeit, das wir ihnen vorgelegt haben.

          Dabei geht es ja auch um die vielbeschworene „diversity“, die jetzt wieder aufgekommen ist mit der Debatte über schwarze Models. Wie sieht es denn mit Ihren eigenen Anstrengungen aus, Vielfalt auf dem Laufsteg herzustellen?

          Runhof: Wir hatten eine wunderschöne Französin aus Martinique und einige Asiatinnen, bei insgesamt nur zwölf Models. Aber viele unserer Anfragen nach schwarzen Mädchen bei den Model-Agenturen liefen ins Leere. Daran müssen die Agenturen noch arbeiten.

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