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Pariser Modewoche : Wenn ich noch mal klein wär

Vermischt: Louis Vuitton. Bild: TESSON/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Große Modemarken wollen sinnlich bleiben. Das fällt schwer in der Stadt der Sonnenkönige. Von Euphorie keine Spur, doch die Influencer kommen brav in die erste Reihe.

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          Was sagt es über eine Modewoche aus, wenn man am Ende nur von oberflächlichen Eindrücken redet? Wenn Kennerin Caroline Issa auf die Frage nach der aufregendsten Kollektion die Marke Céline nennt, bei der Phoebe Philo nun schon lange ihren Stil pflegt? Wenn die drei Designerdebüts, Natacha Ramsay-Levi bei Chloé, Clare Waight Keller bei Givenchy und Olivier Lapidus bei Lanvin, mit einem Schulterzucken kommentiert werden?

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das heißt dann wohl: Das Neue wird vertagt, und es bleibt alles beim Alten. Ganz so schlimm ist es nach acht Tagen in Paris – und insgesamt fünf Wochen Schauenmarathon – dann doch nicht. Aber die Stimmung ist weder euphorisch zuversichtlich noch kriselnd angesichts disruptiver Zustände in einer volatilen Branche. Die Influencer erobern die erste Reihe noch ein bisschen weiter, der Street-Style-Boom höret nimmer auf, die Kollektionen sind oft entsprechend aufdringlich in Formen und Farben.

          So oder so: Erst einmal ist Erlösung angesagt. Redakteure, die um die Welt jetten, wie der Modechef der deutschen „Harper’s Bazaar“, Kai Margrander, schlafen nun zum ersten Mal seit Anfang September zu Hause im eigenen Bett. (Wenn sie nicht doch in Paris bleiben, um noch eine Modestrecke zu organisieren.) Und es ist eine Freude zu sehen, wie sich am Dienstagabend drei Models, die nach entbehrungsreichen Wochen gerade die letzte Schau der Saison hinter sich haben, im „Café Ruc“ Pommes und Burger bestellen.

          Sind die Zustände unklar, kommen die Zeiten der Gurus. Und so steht am zweiten Tag der langen Pariser Woche ein Mann mit wucherndem Bart, der gar keine Lust mehr auf Mode hat, in überhitzten Räumen an der Rue de Turenne. „Ich will weder über Mode noch über Saisons sprechen“, sagt François Girbaud, der Jeans-Pionier, der in Los Angeles an einem nachhaltigen Konzept arbeitet und gemeinsame Sache mit der Hamburger Marke Closed macht. „Aus der Mode ist eine Industrie geworden, sie hat nichts mehr mit aufwendigen Entwürfen zu tun.“

          Gute Zeiten, schlechte Zeiten: Girbaud, der natürlich von diesem Zustand profitiert, trifft es mit diesem Satz. Denn kurz vorher hat der neue Lanvin-Chefdesigner Olivier Lapidus eine inhaltsleere Kollektion präsentiert, die sich nicht einmal auf das Erbe dieses Traditionshauses bezieht, das unter Alber Elbaz wieder zu sich gefunden hatte und von Bouchra Jarrar zwei Saisons lang so kreativ geführt wurde, als gäbe es dafür eine Zukunft. Girbauds Sätze passen auch zur Saint-Laurent-Kollektion, zu den Shorts zu weiten Blusen, den simplen Jeans, also zu allem, was vor dem Finale am Fuße des glitzernden Eiffelturms zu sehen ist. Erst dann zeigt Anthony Vaccarello Looks, die an die Zeit von Yves Saint Laurent und dessen vor vier Wochen verstorbenen Geschäftspartner Pierre Bergé erinnern: Bubble-Röcke, Smokingjacken, riesige Couture-Federn, Mode aus einer anderen Zeit.

          Paris strahlt noch immer im Glanz der Mode

          Muss man sich am alten System der sechziger Jahre abarbeiten, als Yves Saint Laurent unter eigenem Namen anfing, sich in zwei Kollektionen pro Jahr verlor, erlesene Kundinnen bediente? Das konnte am besten noch Yves Saint Laurent selbst. Am Sonntag stehen mehr als 1000 Menschen in einer Schlange, die sich um den gesamten Häuserblock an der Avenue Marceau zieht, um das neue Yves-Saint-Laurent-Museum vorab zu besichtigen. Schlangen auch vor der Dior-Ausstellung im Musée des Arts décoratifs und vor der ebenso umfassenden Irving-Penn-Retrospektive im Grand Palais: Um ihre modische Strahlkraft muss sich diese Stadt jedenfalls keine Gedanken machen.

          Apropos Strahlkraft: Sie geht auch von dem gigantischen neuen Louis-Vuitton-Geschäft an der Place Vendôme aus, in Form einer goldenen Sonne an der Außenwand. „Louis und Louis“, sagt Vuitton-Geschäftsführer Michael Burke vieldeutig eindeutig. Dieser Konzern hat sich Louis XIV. quasi in die Tasche gesteckt, nämlich als goldene Statue im 3500-Quadratmeter-Tempel, der an Größe in Paris nur vom Vuitton-Hauptgeschäft an den Champs-Elysées übertroffen wird. Der Sonnenkönig von Paris, so viel Symbolik darf sein, das ist heute natürlich Louis-Vuitton-Eigner Bernard Arnault.

          Von Uhren bis Hosen ist hier alles zu haben, und Burke schätzt den Wert des teuren Schmucks in einer Ecke des dreistöckigen Hauses mal locker auf 200 Millionen Euro. Wenn auch die Kollektionen der großen Häuser wie Louis Vuitton, Chanel und Hermès in dieser Woche für starke Marken stehen: Sie müssen inzwischen so viele Menschen erreichen, müssen Sonnenbrillen und Tücher verkaufen, müssen per Instagram werben und online verkaufen, um ihre Milliardenumsätze auszuweiten – dass mit größerem Angebot und größerem Kundenkreis eben auch das Produkt allgemeiner werden muss, austauschbarer wird und die Marke leidet. Kann es da noch um Träume gehen?

          Daher liebt man die kleinen Schauen: Ottolinger aus Berlin mietet sich ein Boot für de- und rekonstruktive Experimente, Wendy Jim aus Wien macht einen Catwalk aus Katzenbäumen mit schnurrenden Models, und Nobi Talai mischt Östliches mit wesentlich Westlichem.

          Die Großen merken das und geben sich menschlich. Maria Grazia Chiuri, seit einem Jahr Kreativ-Direktorin bei Dior, will der Marke einen Platz auf der Straße erobern und Zigtausende Frauen erreichen, schon wieder mit Slogan-T-Shirts. Auch Jonathan Anderson von Loewe will es den Frauen leichtmachen, seine Kleider wie T-Shirts zu tragen: Mode solle eine sinnliche Erfahrung sein. Das könnte helfen. Aber jeder weiß, dass es auch Wichtigeres gibt. Karl Lagerfeld freut sich zwar über die Reaktionen auf seine Schau vor spektakulärer Wasserfall-Kulisse. Aber dann ist er auch schon beim Thema AfD. Unerträglich für einen Mann, der schon unter den Nazis litt, dass rechte Politiker das Bild Deutschlands in der Welt verderben. Bei den großen Themen hilft auch die schönste Nebensache des Lebens nicht weiter.

          Einzelkritiken zu den Schauen im Internet auf unserer Seite www.faz.net/stil

          Bei der Arbeit! Bitte nicht stören! Elena Perminova, Natasha Goldenberg, Ekaterina Mukhina, Dasha Veledeeva, Miroslava Duma (von links) bei MiuMiu.

          Es war doch nur ein Schnappschuss! Die MiuMiu-Schau war noch nicht zu Ende, die Models drehten ihre letzte Runde, und die russischen Frauen in der ersten Reihe hatten schon jeden Look gesehen. Trotzdem herrscht auf Instagram Häme angesichts der fünf Chefredakteurinnen und Influencerinnen, die ihre Smartphones bedienen, statt auf die neue Mode zu schauen. So war das Bild aber nicht gemeint, ehrlich nicht. Mira Duma zum Beispiel ist Stilikone und Wohltäterin zugleich. Niemand wirft hier irgendjemandem vor, er gehe nicht seiner Arbeit nach. Denn Fotos zu posten – das ist Arbeit. Wer’s nicht glaubt, der sehe nach auf Instagram: @fazmagazin (kai.)

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