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Pariser Modewoche : Marc Jacobs verlässt Louis Vuitton

Abschiedsschau: Marc Jacobs in Paris Bild: REUTERS

Nach 16 Jahren als Chefdesigner der größten französischen Luxusmarke hört Marc Jacobs auf. Endlich geht ein Modemacher einmal nicht im Streit. In seiner letzten Schau für Louis Vuitton feiert er die coole Pariserin.

          5 Min.

          Das Chaos sagt schon alles. Backstage ist die Hölle los. Rucksäcke fliegen durch die Luft, Modeleute und Fotografen kämpfen um die besten Plätze, und irgendwo dazwischen, mitten in der hysterischen Menschentraube, steht ein enthusiastisch wirkender Mann mit Neun-Tage-Bart und aufstrebender Mähne. Ja, auch Stimmungen können Gerüchte bestätigen: Marc Jacobs, Chefdesigner für Louis Vuitton, hat am Mittwochmorgen die letzte Kollektion für die Pariser Luxusmarke präsentiert – und eine 16 Jahre dauernde Mode-Epoche beendet.

          Jennifer Wiebking
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
          Alfons Kaiser
          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Die Verkündung der Trennung überlässt der amerikanische Designer lieber Bernard Arnault, dem Chef des Luxuskonzerns LVMH, der sich mit seiner Tochter Delphine außerhalb der Traube in Sicherheit gebracht hat. Marc Jacobs sagt nach der Schau nur sibyllinisch: „Ich sage niemals ,Auf Wiedersehen´.“ Dann trinkt er einen Schluck Wasser, zündet sich eine Zigarette an und genießt noch einmal den Jubel der abgeschminkten Models und aufgedrehten Fans.

          Marc, wie ihn alle nur nennen, muss auch gar nichts sagen. Denn seine Schau mit der Louis-Vuitton-Kollektion für Frühjahr und Sommer 2014 spricht ihre eigene Sprache. Pünktlich um halb zehn Uhr morgens putzen sechs Zimmermädchen, als wäre es eine Performance, mit den elegantesten schwarzen Staubwedeln die rosafarbenen Treppenstufen zum großen Modezelt, das mal wieder in der Cour Carrée des Louvre aufgebaut ist, im Herzen von Paris also. Könnte es hier also doch, den Gerüchten entsprechend, um einen sauberen Abgang gehen? Im Zelt dann die schon aus vergangenen Kollektionen bekannten Requisiten; das Karussell mit den hübschen Holzpferden, die Hotelzimmer, die Aufzüge. „Ich wollte die Requisiten noch mal verwenden, aber dieses Mal in Schwarz“, sagt Jacobs später. „Wenn sich Pariser kleiden, dann doch am coolsten in Schwarz.“

          Marc Jacobs letzte Entwürfe für Louis Vuitton Bilderstrecke
          Marc Jacobs letzte Entwürfe für Louis Vuitton :

          Es ist also ein cooler Abgang, ohne Tränen, und das entspricht dem inzwischen recht unsentimental behandelten Hin und Her der Designer. Das Modemacher-Karussell dreht sich nämlich so schnell wie lange nicht. In den vergangenen zwei Jahren ist fast die gesamte Riege führender Modemacher bei den großen französischen Marken ausgewechselt worden. Nicolas Ghesquière verließ vor einem Jahr Balenciaga, und Marc-Jacobs-Schüler Alexander Wang übernahm das Haus. Raf Simons ist auch erst in der dritten Saison bei Dior, nachdem er Jil Sander bei „Jil Sander“ Platz machen musste. Hedi Slimane hat sich gerade erst bei Yves Saint Laurent eingefunden, sein Vorgänger Stefano Pilati baut die Marke Zegna um. Marco Zanini verlässt Rochas und geht zu Schiaparelli, wo Christian Lacroix, um das Bäumchen-wechsle-dich-Spiel auf die Spitze zu treiben, gerade einmal eine Saison war. Wer will nochmal? Wer hat noch nicht? Ja, Nicolas Ghesquière ist gerade ohne Job. Und weil er von Balenciaga kommt, also aus dem Konzern Kering, wird es dem konkurrierenden LVMH-Chef Bernard Arnault eine umso größere Freude sein, ihn als Nachfolger von Marc Jacobs bei Louis Vuitton zu verpflichten.

          Der wohl einflussreichste Designer der Welt

          Marc Jacobs war in den ersten zehn Jahren seiner Zeit bei Louis Vuitton der wohl einflussreichste Designer der Welt neben Miuccia Prada. Seine Verpflichtung 1997 führte zu entgeisterten Reaktionen in Paris, da schon die zwei Ausländer Alexander McQueen (Givenchy) und John Galliano (Dior) große Marken umkrempelten. Marc Jacobs machte Louis Vuitton in nur wenigen Saisons aus einem angestaubten Betrieb für Leder-Accessoires zu einem der begehrtesten Mode-Labels. Auch wenn der Umsatz mit Bekleidung noch heute verschwindend gering ist im Vergleich zum Sekretärinnen-Traum der mit viele „LV“-Logos bedruckten Ledertaschen: Der modische Mehrwert ist unbezahlbar für das Image der Marke.

          Selbst die Lederwaren wurden plötzlich interessant. Marc Jacobs ließ die Taschen von Künstlern wie Richard Prince, Takashi Murakami und Stephen Sprouse übermalen und überarbeiten. Er brachte die so anarchische wie experimentierfreudige Stimmung aus Club-, Künstler-, Prominenten- und Modeszene in Downtown Manhattan, wo er lebt, in den größten Luxuskonzern der Welt ein. Auf diese Weise wurde Louis Vuitton nicht unter der eigenen Tradition und Bedeutung erdrückt.

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