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Pariser Modewoche : Männer streben in die Weite

  • -Aktualisiert am

So sieht die Männermode im Frühling und Sommer 2017 aus – zumindest, wenn es nach Dior geht. Bild: dpa

Wie kann man in der eingeschränkten Welt von Anzügen und Mänteln Frische erzeugen und Begehren wecken? Die Herrenmodenschauen in Paris geben Antworten – und verbreiten eine lockere Silhouette.

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          Nach einer mauen Saison in Mailand, wo die Designer vor allem an Konfektion, nicht an Mode denken, schlug der Blitz in der Männerwelt in Paris ein. Der aus Georgien stammende und in Düsseldorf aufgewachsene Balenciaga-Designer Demna Gvasalia zeigt, wie man in der eingeschränkten Welt von Anzügen und Mänteln Frische erzeugen und Begehren wecken kann. Seine Kollektion basierte auf zwei Prinzipien: entweder übertriebene oder eingegangene Volumen. Die Jacken zum Beispiel sahen so aus, als ob sie zu lange in der Waschmaschine gewesen wären.

          „Ich habe im Archiv einen alten Mantel gefunden, der Cristobal Balenciaga persönlich gehörte, und da war kein Arm dran“, sagte Gvasalia später auf der Dachterrasse einer Jesuitenschule im 16. Arrondissement von Paris, wo die Schau zuvor bei brütender Mittagshitze mit Blick auf den Eiffelturm stattfand. „Der Mann war so obsessiv, dass er bei seinen eigenen Sachen ständig die Höhe des Armlochs und die Weite des Ärmels änderte, um zufrieden zu sein. Dieses Teil war der Ausgangspunkt der Kollektion.“

          Schwarz auf weiß: Eine Kollektion des japanischen Designers Yohji Yamamoto
          Schwarz auf weiß: Eine Kollektion des japanischen Designers Yohji Yamamoto : Bild: dpa

          Der Griff ins Archiv und die gleichzeitige Zeitreise ins Jetzt durch Streetcasting und Jugendkultur-Grundausstattung wie Bomberjacken zeigten wieder mal, wie man ein altes Haus nach vorne bringt: viel Paris, viel Kreativität, ein bisschen Archiv und Chuzpe. Gvasalia ließ dicke Seidenstoffe verweben, die auch für Kardinäle gedacht sein könnten, und gab der Abendgarderobe eine krasse Eleganz. Die Personalabteilung im Kering-Konzern scheint ein Händchen zu haben, denn nach Alessandro Michele bei Gucci, der für schnelle Umsatzsteigerungen in einem nervösen Markt sorgt, ist auch Balenciaga auf Erfolgskurs – jeder wichtige Einkäufer auf der Welt ist gekommen.

          Die Franzosen stellen für die Mode die besten Orte bereit

          Kim Jones kann sich für seine Louis-Vuitton-Schauen auf kostspielige Produktionen verlassen, denn die Marke kann es sich leisten, das Palais Royal zu mieten, um dort eine Modenschau zu veranstalten. Im Palais Royal, genauer in seinem Ostflügel, befindet sich das französische Kulturministerium. Das beweist wohl, wie offen die Franzosen sind, die besten Orte der Stadt der Mode zur Verfügung zu stellen – daran sollte man sich in Berlin ein Beispiel nehmen. Kim Jones’ Männer sind immer auf Reisen. Dieses Mal ließ er London-Punk mit afrikanischen Mustern verschmelzen. Die Trenchcoats aus Krokodilleder oder die Bomberjacken aus Straußenleder wirken urban und cool – es ist eben ein Lederwarenhaus.

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          Dries Van Noten ist der nächste Höhepunkt. Auch bei ihm hat die Silhouette nun viel Volumen. Der Trend wird nach Jahren der skinny suits wohl bald auch im Mainstream ankommen: Die Hose sieht fast aus wie eine Pyramide, und die Jacken reichen tief. Genial die Muster alter Wandteppiche aus dem 16. Jahrhundert aus seiner Heimat Flandern, die er mit Silberfolie in Bomberjacken und Trenchcoats kombinierte. Van Noten lässt teure Stoffe wie Kaschmir und Alpaka jung und lässig aussehen. Die alten Wandteppichmuster erinnern an Kunstgewerbe – auch diesen Vintage-Trend führt Van Noten an.

          Der Modedesigner Thom Browne begrüßt in Paris in kurzen Anzughosen das Publikum.
          Der Modedesigner Thom Browne begrüßt in Paris in kurzen Anzughosen das Publikum. : Bild: AFP

          Bei Valentino sieht man, dass die Designer mehr mit der neuen Rollenverteilung beschäftigt sind als mit der aktuellen Männerkollektion. Nach der Valentino-Couture-Schau in der kommenden Woche wird das Haus Dior verkünden, dass die neue Designerin Maria Grazia Chiuri heißt und damit das erfolgreiche Valentino-Duo auseinandergerissen wird. Pier Paolo Piccioli wird in Rom bleiben und allein verantwortlich sein für alle Valentino-Kreationen.

          Die Männerkollektion war deshalb ähnlich wie in den vergangenen Saisons – viele Militäreinflüsse und Camouflagemuster an schlichten Anzügen und Mänteln, nichts von der bisher so brillanten Männer-Couture. Das wird nun wohl so weitergehen, denn das Haus Valentino ist weiter auf Erfolgskurs und eröffnet demnächst auch in Frankfurt und Düsseldorf Geschäfte.

          Jugendkultur trifft Schneideratelier

          Kris Van Assche bei Dior Homme ist zur Zeit der einzige Designer, der seit dem Abgang von Raf Simons den großen Titel Dior-Designer offiziell tragen darf. So kamen wie immer das Ehepaar Arnault mit Gast Karl Lagerfeld und Stars wie Schauspieler Robert Pattinson in den Tennisclub im 16. Arrondissement. Van Assche hat es nach vielen Jahren geschafft, die noch von Hedi Slimane eingeführten engen Anzüge hinter sich zu lassen – er steht auf eine sehr weite Silhouette, die aus dem Sport kommt, mit viel Beinfreiheit und dazu kombiniertem engeren Jackett.

          Wie selbstbewusst der zu Beginn so unsichere Designer geworden ist, zeigt das Bühnenbild der Schau, das wie ein Rummelplatz der achtziger Jahre aus seiner Jugend in Belgien anmutete, mit bunten Glühbirnenschlangen. Van Assche kann sich solche persönlichen Zitate nun leisten. Karl Lagerfeld, der für Dior auch Anzeigenmotive fotografiert, fand, es sei die beste Dior-Homme-Schau, die er jemals von Van Assche sah: Jugendkultur trifft Schneideratelier.

          Das Streifenmuster als Markenzeichen: Ein Entwurf von Paul Smith bei einer Modenschau im Jahr 2016.
          Das Streifenmuster als Markenzeichen: Ein Entwurf von Paul Smith bei einer Modenschau im Jahr 2016. : Bild: AP

          Die Designerin Stefanie Hahn aus Düsseldorf präsentierte ihre Marke 22/4 auch in Paris. Ihre Teile, alle in Deutschland gefertigt, zeigen viel Schnittkompetenz. Die Designerin, ein großes Talent, sieht den Mann als urbanen Reisenden und fertigt ihre Hosen vom Knie abwärts mit Nylon, so dass sich der feine Anzug nicht in der Fahrradkette verfängt. Außerdem bemerkenswert unter den Deutschen wieder einmal Stephan Schneider. Er fand in Würzburg in der Firma Franz Veit einen der letzten Hersteller von Luftschlangen. Seine Hosen, Jacken und Hemden sind farbenfrohe Arrangements, die Partystimmung erzeugen. Im depressiv gestimmten Modemarkt sind das vielleicht die richtigen Signale.

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