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Pariser Modewoche : Brücken bauen, Brücken einreißen

Brückenbauer: Jonathan Anderson vollbrachte bei Loewe, was andere vergeblich versuchten – die Marke wieder nach vorn zu bringen. Bild: dpa

Tougher, härter, kühner: In Paris ecken die Designer mit ihren Kollektionen an. Hässlich ist auch das neue Schön.

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          Die Großmutter aller Mode-Experimente sitzt am Mittwochabend seelenruhig zwischen einer Menschentraube und empfängt einen Fan nach dem nächsten. Iris Apfel, 94 Jahre alte New Yorker Stilikone, Langhaar-Pelz in Knallorange, dicker Türkis-Schmuck um Hals und Handgelenke, große kreisrunde Brille mit markantem schwarzen Rahmen auf der Nase, war seit Jahrzehnten nicht in Paris. Das Traditionskaufhaus Bon Marché widmet ihr nun trotzdem eine Ausstellung auf seiner Verkaufsfläche. Also ist sie mal wieder hier. Die ganze Stadt ist jetzt vollgepflastert mit ihrem Gesicht und dem Hinweis auf die Ausstellung.

          Jennifer Wiebking
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wenn Apfel die Großmutter aller Mode-Experimente ist, dann dürfte Petite Meller ihre Enkelin sein. Das zierliche junge Wesen sieht aus wie einem Märchen entsprungen. Am Donnerstagmorgen trifft man sie bei Chloé in Chloé. „So sanft und fragil, genau mein Stil“, schwärmt die Sängerin, ihr typisches himbeerpinkfarbenes Rouge nicht nur großzügig auf beiden Wangen verteilt, sondern auch über dem Nasenrücken, im Haar einen Strickhaarreifen mit dicken Bommeln.

          Bar-Jacke in allen Variationen: Bei Dior hängt man noch dem Erbe von Raf Simons nach.
          Bar-Jacke in allen Variationen: Bei Dior hängt man noch dem Erbe von Raf Simons nach. : Bild: AFP

          Beide Damen sind gewissermaßen die Gesichter der ersten Tage einer langen Prêt-à-porter-Woche. Ausgerechnet in Zeiten, da das Sicherheitsgefühl in Paris nicht sonderlich ausgeprägt ist, da das Jahr 2015 von Anschlägen auf das Leben geprägt war, treten die Designer für den Herbst 2016 weit aus ihrer eigenen comfort zone heraus. Die Französinnen auf der Straße mögen weiterhin Cabanjacken, hochtaillierte Jeans und roten Lippenstift tragen, die typische Paris-Uniform im Winter. Die Modemacher neigen jetzt zu ähnlich viel Experimentierfreude auf dem Laufsteg wie Meller und Apfel im Alltag.

          Man sieht es bei Chloé: Erst steht da das Fabelwesen Meller mit ihrem Rouge-Gesicht, dann trägt Clare Waight Kellers Chloé-Frau auf dem Laufsteg neben den typischen Rüschen-Seidenblusen enge Biker-Hosen, Leder-Einteiler, Leder-Culottes. „Tougher, härter, gewagter“, sagt die Designerin. Bewundernswert kühn aber auch die neue Brille der Designerin, ein riesiges Gestell. Andererseits gibt es in der Stadt eben mindestens ein Beispiel für ein Label, das es mit jenem Mut in irrsinnig rasantem Tempo in den Olymp der Mode geschafft hat. Vor einem Jahr raunten sich Modeleute noch den Namen Vetements zu, als Geheimtipp. Vor einem halben Jahr war der Hype schon ausgebrochen. Jetzt ist Demna Gvasalia, Teil des Kollektivs Vetements, Kreativ-Direktor von Balenciaga und hat im Nebenschluss die ganze Stadt mit seiner experimentellen Herangehensweise angesteckt. Dass das Ergebnis zuweilen hässlich anmutet – ist jetzt das neue Schön. Am Donnerstagabend eckt der Schöpfer dieser neuen Hässlichkeit mal wieder an, mit besonders breiten Schultern, mal sind die mit Rüschen versehen, mal mit scheinbar eingearbeiteten kastigen Schulterpolstern. Dazwischen zerknitterte Blazer, viel Sweatshirt, viel Leder und gute Sprüche wie „May the bridges I burn light the way“.

          Bei Jonathan Anderson, noch nicht viel länger Kreativ-Direktor von Loewe als Vetements mehr als das französische Wort für Kleidung ist, müsste hingegen vom Brückenbau die Rede sein. Das, woran viele andere gescheitert sind, nämlich das spanische Haus Loewe auf dem Radar der Mode zu platzieren, ist ihm gelungen. Am Freitagmorgen tragen die Gäste ihre Puzzle-Bags selbst im Regen zur Schau – von Loewe. In den Räumlichkeiten der Unesco arbeiten sich Assistentinnen des Hauses schon an dem hellcremefarbenen Teppich ab und entfernen jeden Fussel mit den Händen. Schließlich steht Loewe heute auch für ausgezeichnete Mode, die hier präsentiert werden will. Anderson zieht also nicht nur vom Leder, er zipfelt auch an den Röcken und umschließt die Taillen mit Korsetts, aus Seide.

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          Bei allen Experimenten, bei allen jungen Designern an alten Häusern, ist in der Pariser Mode dieser Tage immer noch Luft nach oben. Allein zwei wichtige Marken sind ja ohne offizielle kreative Führung. Bei Lanvin (jetzt ohne Alber Elbaz) kann man schon herauslesen, wie das 1889 gegründete Haus der Zukunft aussehen mag, mit extralangen Tuxedojacken, Volumenspiel an den Schultern und Mänteln mit Prince-of-Wales-Karos. Bei Dior (jetzt ohne Raf Simons) hängt das Designteam noch dem Erbe des Belgiers nach, vornehmlich in den vielen Interpretationen der Bar-Jacke. Was soll es auch sonst machen? Schließlich hat Simons dem Haus erst vor so kurzer Zeit neue Relevanz im Leben von Frauen von heute gegeben, dass es keinen Grund gibt, sich davon zu distanzieren. Man sieht es an den Stücken, die so von der Schulter rutschen, dass sie diese zugleich inszenieren. Auch wenn das bisschen Leo-Muster hier und ein paar florale Prints dort dazwischen ähnlich unentschieden anmuten wie das Wetter in der Stadt.

          Mal Sonne, mal Regen, mal Schneesturm, wie nach der Schau von Dries van Noten am Mittwochnachmittag. Aber zumindest das Paar, von dem der belgische Modemacher auf seinem Laufsteg erzählt, liebte ja die Extreme. In den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts machten die Marchesa di Roma, Luisa Casati, und der Schriftsteller Gabriele D’Annunzio die Nacht zum Tag, ausstaffiert mit viel Leo-Muster, Pelzen und Perlen, Perlen, Perlen. „Also haben wir die Kleider damit bestickt“, erzählt Dries van Noten backstage. Er ist noch bei dem Liebespaar, dass sich gegenseitig ins Extreme hochschaukelte, da kommt in diesem Moment die Großmutter aller Mode-Experimente von heute hereinspaziert, Iris Apfel. „Ich wollte einfach nur sagen: Vielen Dank, dass ich dabei sein darf.“

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