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Lagerfeld-Hommage : „Die Kleider tragen uns“

56 gigantische Fotos des Designers aus allen Epochen hängen im Grand Palais, wo Lagerfeld seine Schauen inszenierte. Bild: AFP

Vier Monate nach seinem Tod erinnert die Modewelt in einer Hommage an Karl Lagerfeld. Es ist keine Trauerfeier, sondern ein fröhliches Gedenken.

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          Er war immer zu spät. Als die Fendis Mitte der sechziger Jahre an seiner Wohnung in Paris klingelten, um ihn den Vertrag unterschreiben zu lassen, den er dann 54 Jahre lang treu erfüllen sollte – da kam der junge Designer einfach nicht. „Er war drei Stunden zu spät“, erzählt Silvia Fendi. „Und deswegen habe ich seit seinem Tod die Hoffnung, dass er noch kommt, dass er einfach nur verspätet ist.“

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Am Donnerstagabend teilt die Chefin des römischen Modehauses die sprechende Anekdote über Karl Lagerfeld mit mehr als 2500 Zuhörern in Paris. Sie sind zu der Soirée „Karl For Ever“ gekommen, dem offiziellen Gedenken für den deutschen Modeschöpfer, der am 19. Februar im Alter von 85 Jahren gestorben ist. Eine Trauerfeier soll es ausdrücklich nicht sein, denn Lagerfeld mochte den verklärenden Rückblick nicht – er war nicht einmal auf der Beerdigung seines eigenen Vaters. Also wird es eine fröhliche Gedenkfeier, die mit einem Promi-Schaulaufen beginnt und mit einem Champagner-Empfang endet.

          56 gigantische Fotos aus allen Epochen des Designers

          Im Grand Palais, wo Lagerfeld seine großen Chanel-Schauen inszenierte, hängen 56 gigantische Fotos des Designers aus allen Epochen, mal mit Bart, mal mit Monokel, mal mit Katze Choupette. Der Blick hinab wird ihm gefallen, denn wieder einmal findet hienieden ein Pariser Gesellschaftsspiel statt, wie er es so liebte. Eingeladen haben nämlich alle drei Marken, für die der rastlose Designer bis zuletzt tätig war: Chanel, Fendi und Karl Lagerfeld – und die gehören ganz verschiedenen Besitzern.

          Das führt gleich zu Beginn zu einem hübschen Gemeinschaftsfoto, das sich Wirtschaftshistoriker in Zukunft noch anschauen werden: Da steht François-Henri Pinault, der Chef der Kering-Gruppe (Gucci), zwischen Chanel-Präsident Bruno Pavlovsky und LVMH-Präsident Sidney Toledano – als ob Pinault Chanel beschützen wolle vor dem Zugriff von LVMH, dem größten Luxuskonzern, dem immer wieder unterstellt wird, das Modehaus von der Rue Cambon übernehmen zu wollen. Als sollten solche Verschwörungstheorien gar nicht erst aufkommen an diesem Abend, unterhält sich LVMH-Chef Bernard Arnault, der unersättliche Markensammler und reichste Franzose, recht entspannt mit Alain Wertheimer, dem gemeinsam mit seinem Bruder Chanel gehört.

          Cara Delevigne zitiert Colette.

          Die Reihe der Gäste ist beeindruckend. Première Dame Brigitte Macron ist gekommen, ihre Vorvorgängerin Carla Bruni-Sarkozy, Caroline von Monaco mit Tochter Charlotte, die Chanel-Musen Inès de la Fressange, Caroline de Maigret und Claudia Schiffer. Model und Influencerin Gigi Hadid sagt gerührt: „Ich habe mich heute so angezogen, als ob ich ihn jetzt wirklich treffen würde.“

          Man könnte eine ganze Modewoche bestücken

          Mit den vielen Designer-Kollegen, die gekommen sind, könnte man eine ganze Modewoche bestücken: Valentino äußert „größten Respekt“ für einen Freund, den er schon seit den fünfziger Jahren kannte; Stella McCartney, die bei Chloé auf Lagerfeld folgte, trägt einen schwarzen Spitzenschleier; Tommy Hilfiger, der Lagerfeld einst ermunterte, mehr aus der Marke seines Namens zu machen, ist mit seiner Frau Dee aus Nizza gekommen, Ralph Lauren mit Ricky aus London, wo er gerade von Prinz Charles zum Ritter geschlagen wurde. Alessandro Michele, Dries Van Noten, Kenzo Takada, Kris Van Assche, Pierpaolo Piccioli sind da, auch Alber Elbaz und Haider Ackermann, die beide einst zu möglichen Thronfolgern bei Chanel stilisiert wurden – und die beide in der Möglichkeitsform verharrten.

          Karl Lagerfeld hatte keinen großen Sinn für seine Familie – umso wichtiger war ihm die Familie, die er sich selbst geschaffen hatte. Das erkennt man an all den Beiträgen, die auf großen Schirmen abgespielt werden. Der kanadische Opernregisseur Robert Carsen, eigentlich gerade an der Deutschen Oper in Berlin tätig, hat in zweimonatiger Arbeit die Interviews zusammengeführt und mit zwischengeschalteten kleinen Aufführungen zu einer abendfüllenden Hommage am zweitlängsten Tag des Jahres gemacht.

          „Er war der Multi-Tasker schlechthin, ein Mann, der alles gleichzeitig gemacht hat“, sagt „Vogue“-Chefin Anna Wintour in einem der Einspielfilme. „Er mochte Partys, er liebte Menschen, aber er hat sein Privatleben geschützt. Er hat oft gesagt, wenn er sterbe, wolle er verschwinden und nur sein Werk zurücklassen. Das darf nicht passieren.“

          Und das passiert dann auch nicht. Der sonst so schweigsame Alain Wertheimer erzählt, ihr Verhältnis habe 1983, als er ihn für Chanel engagierte, als Geschäftsbeziehung begonnen und sei zur Freundschaft geworden. Bernard Arnault vergleicht den Modeschöpfer mit Picasso, der sich in seinen verschiedenen Phasen auch immer neu erfunden habe. Und Tilda Swinton tritt live auf die Bühne, um aus dem Roman „Orlando“ von Virginia Woolf zu lesen, einem von Lagerfelds Lieblingswerken: „Die Kleider tragen uns, nicht wir sie. Sie ändern unsere Sicht auf die Welt und die Sicht der Welt auf uns.“

          Live-Performance: Tilda Swinton liest aus Lagerfelds Lieblingsbuch „Orlando“ von Virginia Woolf

          Cara Delvingne, die inzwischen auch Schauspielerin ist, trägt virtuos ein Katzen-Gedicht von Colette vor, einer Lieblingsautorin des Designers. Lang Lang spielt auf einem von Lagerfeld entworfenen Steinway-Flügel Chopins Walzer in Es-Dur, Pharrell Williams singt grandios, und Helen Mirren zitiert ihre liebsten Karl-Aphorismen: „Persönlichkeit beginnt da, wo das Vergleichen endet.“

          Nur einer ist trotz all der Fotos, Videos und Erinnerungen  immer noch nicht zu sehen. Dieses Mal ist Karl Lagerfeld nicht zu spät gekommen – er ist schon mal vorausgegangen.

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