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Parfum : Der herbe Duft Haitis

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Süßgras: Auf den hügeligen Feldern wächst das wichtigste Exportgut des armen Haiti. Bild: Alice Smeets

In Haiti wächst ein Gras, aus dessen Wurzeln ein Duftöl hergestellt wird: Vetiver. Es gilt als das beste Öl seiner Art. Allein Chanel stellt mit Vetiver sechs Damendüfte her, darunter auch den Klassiker No. 5.

          Die Fabrik ist versteckt hinter einem wettergegerbten Eisentor mit rötlicher Patina. Kein Schild weist darauf hin, dass hier eines der wenigen Exportprodukte Haitis hergestellt wird, ein bernsteinfarbenes Öl, gewonnen aus den meterlangen Wurzeln des Süßgrases Vetiver. Bei Parfumeuren ist Vetiver begehrt, denn das intensiv nach Holz und feuchter Erde riechende Öl bildet die Grundlage für Parfumkreationen und sorgt dafür, dass die hinzugegebenen Aromen länger auf der Haut duften. Es soll auch bei nervlicher Anspannung und Erschöpfung helfen. Wer auf den Straßen von Port-au-Prince unterwegs ist, könnte es also gut brauchen.

          Die Verabredung mit Monsieur Blanchard von der Firma Caribbean Flavors and Fragrances ist auf elf Uhr angesetzt, aber schnell wird klar, dass die Anfahrt deutlich zu optimistisch geplant war. Die Straßen von Port-au-Prince sind an diesem Freitagvormittag verstopft mit Geländewagen und mit zu Minibussen umgebauten Pick-ups, den „Tap Tap“, auf deren Ladeflächen Bänke und ein Blechdach angeschweißt sind. „Dignity“ steht in geschwungener Schrift auf einem buntbemalten Tap Tap. Die eingezwängten Fahrgäste empfinden es womöglich anders.

          Mehr als 30.000 Liter Vetiver

          Endlich ist der Boulevard Toussaint Louverture erreicht, eine sechsspurige Straße, die zum neuen Flughafen führt. Der Mittelstreifen des Boulevards ist begrünt, kleine Palmen kämpfen gegen die alles versengende Sonne an. Begrünung, so etwas gab es in diesem Land lange nicht, sagen die Haitianer. Und der auffällig saubere Flughafen bietet Boutiquen, schnelle Abfertigung und Musiker, die Ankömmlingen ein Willkommenslied singen. Auch das gab es auf Haiti lange nicht, sagen die Haitianer, sagt auch Monsieur Blanchard.

          Monsieur Joel Blanchard, 33, der Junior des Familienunternehmens, empfängt in einem eingeschossigen Verwaltungsgebäude mit durchgesessenen Ledermöbeln. „Schön, dass Sie sich für unser Geschäft interessieren und nicht nur dafür, was nicht klappt in diesem Land“, sagt Blanchard zur Begrüßung. Wie ein Vertreter der edlen Duftstoffindustrie kommt er nicht daher: Blanchard trägt das karierte Hemd über der Jeans, eine Silberkette liegt auf dem dichten Brusthaar, das fast nahtlos in den Dreitagebart übergeht. Blanchard ist Haitianer, die Vorfahren stammen aus Frankreich, deshalb die helle Haut. „Aber wir sind schon lange Haitianer“, stellt Blanchard klar. Wie die meisten Landsleute lässt er an der Liebe zu seinem Land keinen Zweifel aufkommen.

          Hügelhoch aufgetürmt liegt das Gras in der Fabrikhalle der Blanchards.

          Joel Blanchard ist für die Produktion zuständig. Auf seinem Schreibtisch steht eine Batterie kleiner Fläschchen mit Vetiver-Duftproben, daneben eine Flasche Grand Marnier und ein Pokal von einer Auto-Rallye: erster Platz. An der Wand hängt ein Zertifikat der Universität von Miami, Blanchard ist Ingenieur. „Mein Großvater war Konsul in den Niederlanden. Dort hat mein Vater Chemie studiert und ab den achtziger Jahren zunächst Pflanzenöle produziert, bevor er die Firma aufgezogen hat.“ Mittlerweile verkauft der Betrieb mit 50 Angestellten nach eigenen Angaben mehr als 30.000 Liter Vetiver pro Jahr, die Einnahmen liegen bei 4,8 Millionen Euro.

          Eine Wurzel mit herber Note

          „Keiner produziert das Öl so schnell wie wir“, sagt Blanchard. Die Vetiver-Wurzeln kommen in zwei Meter breite und mehrere Meter hohe Kessel. Unter den Wurzeln bringen Arbeiter Wasser zum Sieden. Der Wasserdampf steigt durch die Wurzeln nach oben, nimmt das Aroma der Pflanzen auf und kondensiert an einem Kühlsystem. Das Kondensat wiederum dreht in einer Zentrifuge seine Runden, bis das Wasser abgetrennt und reines Öl gewonnen ist, das Vetiver-Öl. „Wir brauchen acht Stunden für diesen Vorgang, die zehn Fabriken im Süden des Landes bis zu 36 Stunden“, erzählt Blanchard selbstbewusst.

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