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Suche nach dem perfekten Anzug : Pünktchensieg in Paris

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Das war mal was! Die Herrenmodewoche in Paris hatte sich erst gelohnt, als Dior Polkatupfen-Anzüge auf die Bühne brachte. Bild: Trunk Archive

Den perfekten Anzug? In Paris, da muss es ihn doch geben! Unser Autor folgt eine Woche dem Herrenmode-Marathon mit Wurzelsepp und Schwarzer Witwe.

          11 Min.

          Mein guter alter Ausgehanzug war fadenscheinig und fiel auseinander, plötzlich stand ich im Freien und brauchte einen neuen. Der sollte endlich mal modisch ganz vorne sein, up to date und zukunftsfähig. Mit einem Wort: modern. Und weil in Paris gerade Fashion Week war, fuhr ich einfach hin. Dort würde ich die Zukunft sehen können, die Herrenmodekollektionen der Herbst- und Wintersaison.

          Ich war aufgeregt, denn ich war noch nie auf einer Modenschau. Wo konnte man besser in die Welt der hohen Schneiderkunst eintauchen als in Paris? Die Franzosen haben die Mode erfunden, vorher lief der Mensch in unvorteilhaft geschnittenen Fellen herum oder in viel zu engen Rüstungen. Mein Plan war simpel: Ich würde so viele Modenschauen wie möglich abklappern und mich dann für einen neuen Anzug entscheiden.

          Genaue Vorstellungen von meiner künftigen Gewandung hatte ich nicht. Es sollte nur irgendwas übelst Flottes für den Mann von Welt sein, dezenter bigstyler chic von der Stange, krasses Understatement ohne Bundfalte und Biese. Schon auf dem Weg in die Modehauptstadt groovte ich mich ein und achtete mehr als je zuvor auf die Kleidung der Menschen, die mir begegneten. Ein Mann in einem rustikal geschnittenen grauen Sakko mit steigendem Revers und aufgesetzten Pattentaschen mit Kellerfalte, lila Weste und passendem Binder knipste meinen Fahrschein und wünschte mir eine gute Weiterreise. Seine von Christian Lacroix entworfene TGV-Uniform trug er mit Stolz.

          Dries van Noten ließ mich ratlos zurück

          Ein anderer Herr in einer Jacke aus ungespaltenem Rindboxleder mit Messingreißverschluss, Bündchen und schräg aufgesetzten Patten fuhr mich im Taxi die Champs-Elysées hinunter zum Grand Palais, wo im Souterrain, in den ehemaligen Stallungen des Weltausstellungspalastes, der belgische Designer Dries van Noten seine neue Kollektion zeigte. Sie ließ mich ratlos zurück. Sollte ich im kommenden Winter etwa in blauer Plastikjacke mit Kunst pelzkragen und Kordelzug herumlaufen? Oder im grauen Maxirock unter gelbschwarzem Übergangsmantel? In einem ärmellosen Materialmix-Top?

          Nicht minder ratlos verließ ich die Schau von Cerruti 1881. In einem riesigen dunklen Saal an der feinen Place Vendôme marschierten Models in übergroßen Übermänteln zu gepflegt muffiger Clubmusik, trugen schlackernde Sakkos und Hosen in Graubraungrau, aber keine guten Anzüge. Deprimierend langweilige Herrenmode für Schwiegersöhne, Versicherungstypen und Katalogvisagen.

          Auch Valentino ließ es nicht an Aufwand fehlen. Aber wo waren die ganz normalen, gut geschnittenen und womöglich sogar tragbaren Anzüge für den, nun ja, Mann?

          Das genaue Gegenteil zeigte der deutsche Designer Tillmann Lauterbach, der kleine Halbbruder des beliebten Volksschauspielers. Zu den Klängen der Prollhymne „Drei Tage wach“ liefen in einem blankgefegten Schrauben- und Metallteilelager Männer mit Jockeymützen in schwarzweißgrauem Tuch auf und ab. Sie sahen aus wie die Darsteller eines Science-Fiction-Films aus den sechziger Jahren. Hemd, Krawatte, Anzug? Fehlanzeige.

          Kurze Hosen und Sandalen, das habe ich noch nie verstanden

          Aber warum? Der Anzug ist Fundament und Vollendung der Herrenmode, mit einem Anzug ist man angezogen. Wer keinen trägt, kommt nur in einem Aufzug daher - da sind die Möglichkeiten der Selbstdegradierung freilich unbegrenzt. Warum Männer außerhalb der eigenen vier Wände Kinder- oder Spielplatzkleidung trugen, kurze Hosen, Sandalen, mit Witzen oder Werbebotschaften bedruckte Leibchen, Nickis mit Kapuze dran, minderwertige Turnbekleidung aus Plastik - das habe ich noch nie verstanden. Da galt noch immer uneingeschränkt Karl Lagerfelds Diktum: „Wer Jogginghosen trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.“

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