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Sport-Kopftuch für Muslima : „Ich war damals die einzige Boxerin mit Kopftuch“

  • -Aktualisiert am

Die Berliner Boxmeisterin Zaina Nasser ist Markenbotschafterin für Nikes Sportkopftuch „Pro Hijab“. Bild: Hersteller

Mit dem neuen Pro Hijab will Nike muslimischen Athletinnen zu mehr Gleichberechtigung verhelfen. Eine von ihnen ist die vierfache Berliner Boxmeisterin Zeina Nassar.

          Nike hat am Freitag den Pro Hijab lanciert, ein eng anliegendes Sportkopftuch aus luftdurchlässigem Polyester. Zeina Nasser ist eines der Gesichter der Werbekampagne für das Produkt. Die 19 Jahre alte Berlinerin ist Boxerin und Muslimin und hat auch an Tagen ohne Produktlaunch und Pressetermine einen eng getakteten Zeitplan: Vier- bis fünfmal die Woche Boxtraining, daneben Basketball und Joggen, Proben und Auftritte am Maxim-Gorki-Theater, das Soziologie- und Erziehungswissenschaftsstudium in Potsdam. Am wichtigsten ist ihr jedoch das Boxen. Und das seit mehr als sechs Jahren.

          Damals hatte Nassar zum ersten Mal mit einer Freundin Videos und Reportagen von Boxerinnen auf YouTube gesehen. Die Frauen an den Sandsäcken beeindruckten sie – so sehr, dass die damals 13-jährige sich zu einer Probestunde bei dem Verein „Boxgirls“ in Kreuzberg anmeldete. „Ich habe früher schon viel Sport gemacht. Aber nichts war so anstrengend wie das Boxen.“ Nassar kam wieder, zur Freude der Trainerin, die bald das Potential von Zeina bemerkte, und zur Skepsis ihrer Eltern.

          Doch die überzeugte sie sehr beharrlich von ihrer neuen Leidenschaft. Schließlich ist Nassar nicht die einzige in ihrer Familie, die sich für Kampfsport interessiert. Ihr Vater war bereits Hobby-Boxer, der große Bruder ging regelmäßig zum Thaiboxen. „Inzwischen ist meine Familie wahnsinnig stolz auf mich. Sogar die Verwandten im Libanon“, sagt Nassar. Von ihnen bekommt sie regelmäßig Glückwünsche per Whatsapp, sobald sie einen Kampf gewonnen hat. Zum Beispiel, als sie im September zum vierten Mal in Folge ihren Titel als Berliner Boxmeisterin verteidigte und im Oktober bei den deutschen Meisterschaften antrat.

          „Ich war damals die einzige Boxerin mit Kopftuch“

          Dass es einmal soweit kommen konnte, war jedoch nicht selbstverständlich. Denn Nassar ist gläubige Muslimin. Sie geht zur Moschee, hält sich an die Fastenzeit, betet mehrmals am Tag. Und sie trägt Kopftuch – auch beim Sport. „Ich habe nie gedacht, dass das mal ein Problem sein könnte.“ Genau so war es aber, als sie sich 2013 für ihren ersten Kampf bewarb. Nassar stand vor der Entscheidung: Kopftuch oder Box-Karriere? Laut der Wettkampfbestimmungen beim Boxen waren Kopftücher im Ring bis dato nicht erlaubt. Nassars Trainerin sprach immer wieder bei Konferenzen für ihren Schützling vor – solange, bis die offiziellen Regeln 2013 geändert wurden. Mittlerweile darf deutschlandweit mit Kopftuch geboxt werden. Die Studentin ist stolz auf diese Entscheidung: „Ich war damals in Deutschland die einzige Boxerin mit Kopftuch. Jetzt werden es immer mehr. Ich war quasi so etwas wie ein Türöffner.“ 

          Den Kampf gegen die Bürokratie hat sie damit gewonnen. Den richtigen Wettstreit im Anschluss jedoch verloren. Es war ihr erster Wettkampf, die Gegnerin hatte bereits fünf bestritten. Zeina Nassar war dennoch selbstbewusst, fühlte sich unschlagbar. Die Niederlage kam für sie dem Weltuntergang gleich. Seitdem trainiert sie noch härter: „Das war die Erfahrung wert.“ Doch aus der Niederlage ging auch Positives hervor: Das Publikum wurde auf die junge Boxerin mit Kopftuch aufmerksam, lobte ihren schnellen, offensiven Boxstil. Auch ein Fotograf machte Bilder von ihr, nicht von der Siegerin. Das gab Nassar ein Stück Selbstvertrauen zurück.

          Heute ist die 19-Jährige selbstbewusst. Wenn sie ihre Geschichte erzählt, ist sie so fokussiert wie im Ring. Das ständige im Rampenlicht stehen – auf der Bühne, im Ring und in den Medien – merkt man ihr an. Negative Kommentare in den Sozialen Medien über ihr Kopftuch hat sie zu kontern gelernt. Nassar sagt: „Ich stehe gerne im Mittelpunkt, wenn ich eine Botschaft vermitteln und Vorurteile abbauen kann.“

          Der Hijab als Zeichen für Gleichberechtigung

          Für viele Frauen, nicht nur für Muslima, ist die Berlinerin ein Vorbild. Der amerikanische Sportartikelhersteller Nike setzt genau auf diese Signalwirkung. Er hat Zeina Nassar neben der Eiskunftläuferin Zahra Lari aus den Vereinigten Arabischen Emiraten und der Fechterin Ibtihaj Muhammad aus New Jersey als Marken-Botschafterin für den Pro Hijab auserkoren. Jener soll das Kopftuch beim Sport ersetzen, indem er Haare und Nacken vollständig bedeckt, selbst bei schnellen Bewegungen nicht verrutscht und sehr leicht und atmungsaktiv ist. Für die Entwicklung und Optimierung arbeitete der Konzern eng mit muslimischen Athletinnen zusammen. Nike will mit dem Trainings-Hijab gesellschaftlich ein Zeichen für Gleichberechtigung setzen. Die Kaufkraft des arabischen Marktes ist dabei nicht unentscheidend. 

          Zeina Nassar hofft ebenfalls, dass mit dem Nike Produkt mehr muslimische Frauen dazu ermutigt werden, Sport zu machen. Ihr großes Ziel ist Olympia, wo Ibtihaj Muhammad 2016 bereits eine Medaille gewann. Mit Kopftuch. Und wenn sie das geschafft hat, wünscht sich Nassar nur noch, dass der Hijab endlich Nebensache wird. „Mir geht es ja auch nur um den Sport.“

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