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New York Fashion Week : Wang, wenn nicht jetzt?

Mehr als minimal: Die Schau von Alexander Wang ist der erste Höhepunkt der Modesaison Bild: Helmut Fricke

Bei der Schau von Alexander Wang wird während der „Mercedes-Benz Fashion Week“ ein witziger und messerscharfer Minimalismus spazieren getragen. Wang steht für eine Generation junger Designer aus Manhattan.

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          Die lahmste Neuigkeit der Alexander-Wang-Schau sitzt in der ersten Reihe: Nina Garcia trägt jetzt eine Brille von Google Glass. Die „Kreativdirektorin“ der amerikanischen „Marie Claire“, neben Heidi Klum auch Jurorin der Sendung „Project Runway“, bewegt ihren Kopf nur noch langsam. Denn die Fotos und Videos, die sie mit der Brille aufnimmt, sollen Hunderttausende Fans auf Instagram, Vine, Twitter und Facebook verfolgen können. Der Hearst-Verlag kündigt das Projekt als „Be Nina“ an. Da fragt man sich natürlich: Wer möchte schon Nina Garcia sein? (Außer vielleicht Nina Garcia selbst.)

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Die Mädchen auf dem Laufsteg von Alexander Wang jedenfalls nicht. Denn die sind wirklich innovativ: Sie tragen einen messerscharfen und witzigen Minimalismus spazieren, wie ihn sich die „Marie Claire“ nicht in ihren kühnsten Videos erträumen könnte. Das ist die tröstende Botschaft dieser ersten wichtigen Schau der „Mercedes-Benz Fashion Week“ in New York für Frühjahr und Sommer 2014: Erst vor der Kulisse der etablierten Modeszene, die plötzlich nicht mehr ihrem Hauptgeschäft, dem Tratschen, nachgehen kann, weil die Brille auch das aufnimmt, erst vor dem Hintergrund des eingefahrenen und durch „social media“ nur aufgemotzten Systems entfaltet sich an diesem herrlichen Samstagnachmittag an Pier 94 die revolutionäre Kraft eines Jungen, der mit seinen langen Haaren mehr Jesus Christus ähnelt als Marc Jacobs.

          Der Erfolg der New Yorker Nach-9/11-Generation

          Denn die streng plissierten Miniröcke, die Plateau-High-Heels ohne Peeptoe-Ausblick, die Boxershorts, die asymmetrisch geschnittenen Oberteile und die Babydoll-Silhouette überwinden den Minimalismus auf spielerische Art. Die Pastellfarben erweitern die monochrome Palette, und die Leder-Cutouts, die den Schriftzug „Alexander Wang“ bilden, sind ein ironischer Wink in die neunziger Jahre - also die große Zeit der alten New Yorker Designer Donna Karan, Ralph Lauren, Calvin Klein, Carolina Herrera, Tommy Hilfiger und, ja, Marc Jacobs.

          Innovativ: Die Mädchen auf dem Laufsteg von Alexander Wang Bilderstrecke

          Alexander Wang ist so etwas wie der Marc Jacobs von heute. Er ist erfinderisch mit dynamischer „sports couture“ und dieses Mal auch noch souverän charmant in der sparsamen Geste der „playfulness“. In Paris hat man es längst bemerkt. Dort ist der Neunundzwanzigjährige seit einem halben Jahr im Zweitjob als Nachfolger von Nicolas Ghesquière Chefdesigner bei Balenciaga. Der Fernpendler verbringt rund eine Woche pro Monat an der Seine. Wahrscheinlich lief er aus Zeitgründen am Samstag in irrem Tempo auf den Laufsteg und wieder hinaus: Schon in gut zwei Wochen stellt er in Paris seine zweite Kollektion für das Traditionshaus vor.

          Damit steht der Neunundzwanzigjährige symbolisch für die von First Lady Michelle Obama unterstützte Generation junger Designer aus Manhattan, die nun auch international anerkannt wird. Seit kurzem pendelt auch Wangs Generationsgenosse Jason Wu - von Manhattan auf die Schwäbische Alb. Für Boss wird der Dreißigjährige im Februar auf der New Yorker Modewoche seine erste Kollektion zeigen. Der Erfolg der New Yorker Nach-9/11-Generation wurde am vergangenen Donnerstag endgültig offenbar, als der französische Luxuskonzern Kering (früher PPR) mit einer bedeutenden Minderheitsbeteiligung beim ebenfalls 30 Jahre alten Modemacher Joseph Altuzarra einstieg.

          „Mailand muss aufpassen“

          Damit haben sich für den Kleinunternehmer, der erst vor fünf Jahren mit seiner Marke begann und nur acht Mitarbeiter beschäftigt, gleich mehrere Probleme auf einmal gelöst. Er hat frisches Geld zum Investieren, kann vom Knowhow des Konzerns profitieren (der auch schon Alexander McQueen und Stella McCartney aufgebaut hat), Accessoire-Linien aufbauen, Läden eröffnen, seine bislang noch einstelligen Millionen-Umsätze vergrößern. Und trotzdem behält der Sohn eines französischen Vaters und einer chinesisch-amerikanischen Mutter die Mehrheit, also die Macht: Mama bleibt Chefin des Aufsichtsrats.

          Vor allem in den Milk-Studios im Meatpacking District sind bis zum Ende der Modewoche am kommenden Donnerstag so viele Designer um die 30 zu entdecken, dass die Mode-Chefin eines Magazins meint: „Mailand muss aufpassen - denn dort hört man wenig von neuen Designern.“

          Hier dagegen kommen sie sogar aus Paris: Calla Haynes wurde in Toronto geboren, ging in New York zur Modeschule und arbeitet seit zehn Jahren in Paris, unter anderen bei Olivier Theyskens. Für die Präsentation ihrer Marke Calla - ausgestellte Röcke, knallige Farben, starke Muster - ist sie von Paris nach New York gekommen. Warum? „I love the vibrancy!“ Hier im lebendigen Manhattan fühlt sie sich als junge Modemacherin „willkommen“. Für die Präsentation in den Milk-Studios muss sie dank großzügiger Förderung kaum Geld aufbringen. Auch ihr Lehrmeister ist übrigens längst hier. Olivier Theyskens wurde in Paris groß. In New York wird er mit seiner Linie für Theory größer.

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