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New York Fashion Week : Nicht mehr exklusiv

Als wollte er den öffentlichen Aufruhr persiflieren: Marc Jacobs lässt seine Models über den roten Teppich laufen. Bild: AP

Die „New York Fashion Week“ öffnet sich fürs Publikum. Das hat wenig mit Demokratisierung und viel mit Gewinnmaximierung zu tun. Vor lauter Marktschreierei bleibt das Design bisweilen auf der Strecke.

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          Sie ist keine Einkäuferin, sie ist keine Redakteurin, und ein Model ist sie auch nicht. Aber sie nutzt den Fahrdienst Uber. Und das hat sie in diesem Fall dafür qualifiziert, eine Modenschau zu besuchen.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Der jungen Frau aus Manhattan, die auch eine Freundin mitbringen durfte, steht das Glück noch in die Augen geschrieben. „Es war einfach wunderbar“, sagt sie nach der Präsentation von Rag & Bone im trendigen Viertel Dumbo an der Manhattan Bridge in Brooklyn. „Und dass ich einfach so rein durfte!“

          Einfach so: Das heißt in diesem Fall, dass sie sich in den zwei Stunden vor Beginn der Schau über die Uber-App bewerben durfte – und schon wurde sie, wie Hunderte weitere Gäste, von einem Uber-Auto abgeholt. Im Schauenraum durfte sie sich auf die Tribüne setzen. Näher an die Sachen kamen dann aber doch noch die Fachbesucher – Anna Wintour saß natürlich direkt am Laufsteg.

          Die Öffnung ist keine Demokratisierung

          Die Mode öffnet sich fürs allgemeine Publikum – und das ist ein Symptom. In der Zusammenarbeit mit erfolgreichen Start-Ups arbeiten die Modemacher auch an ihrem Image. Sie wollen Menschen erreichen, die noch nicht zu ihren Kunden gehören. Und natürlich wollen sie cool und up to date wirken.

          Wer dabei von der „Demokratisierung der Mode“ redet, wie so viele dauerbegeisterte Modeblogger, der versteht so wenig von wirklichen Demokratiebewegungen wie vom Modemarketing, das heute in kürzester Zeit möglichst viele Menschen in aller Welt erreichen will – und ihnen auch noch nahelegt, dass das zu ihrer Beglückung geschieht und nicht etwa zur Gewinnmaximierung.

          Trend 1: Schleifen, Bänder oder Fransen hängen überall herab – auch bei Proenza Schouler. Bilderstrecke

          So wird die „New York Fashion Week“, die am Freitag nach geschlagenen zehn Tagen endete, als jene Modewoche in die Geschichtsbücher eingehen, in der das Massenmarketing überhandnahm. Denn auch Givenchy, seit zehn Jahren von Riccardo Tisci entworfen und zum Jubiläum von der Seine an den Hudson gekommen, lud Hunderte Gäste von der Straße in die Schau. Sie mussten zwar stehen, freuten sich aber über den Blick auf filigrane Geschöpfe in zerbrechlicher Spitze.

          Gleichzeitig geht diese Modewoche mit den Entwürfen für Frühjahr und Sommer 2016 in den Geschichtsbüchern unter. Nach mehr als 300 Schauen und Präsentationen wird sich bald kaum noch jemand an Höhepunkte des Designs erinnern. „Eine flaue Saison“, seufzt Modejournalistin Marylou Luther. Sie muss es wissen, denn sie sitzt schon seit 1958, als Yves Saint Laurent seine erste Kollektion für Dior zeigte, am Laufsteg.

          Nur wenige solide Schauen

          Eine Ausnahme sieht auch sie: Lazaro Hernandez und Jack McCollough von Proenza Schouler arbeiten auf Pariser Niveau – und verschmelzen in ihrer ersten Kollektion nach der Öffnung Kubas Lazaros karibische Herkunft mit originären Ideen wie dem dekonstruktiven Falten langweiliger Oberflächen, Cut-Outs an ungewöhnlichen Stellen oder neu interpretiertem trendigem Tand wie Bändern oder Schleifen. „Wir haben einfach nur verschiedene Stoffe gegenübergestellt“, sagt Lazaro. Wenn es so einfach wäre!

          Sollte das Zufall sein? Dass ansonsten mit der Marktschreierei die Designsprache verstummt? Viele Modemacher sind so mit ihrer öffentlichen Wirkung beschäftigt, dass sie kaum noch Zeit für ihre Arbeit zu haben scheinen – und fadenscheiniges Design mit marineblauen Schmeicheleien kaschieren.

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