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New York Fashion Week : Bedeckt, befreit, beleidigt

  • -Aktualisiert am

Hugo Boss kleidet seine Models in naturfarbenen Kuschelstoffen. Bild: AFP

Die Modewoche in New York kleidet sich angesichts der Weltlage überaus verhalten. Besonders Naturtöne und dunkle Farben beherrschen den Laufsteg. Welche Trends sind noch auszumachen?

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          Man muss nicht in die Schlagzeilen schauen, um zu bemerken, dass die Stimmung im Westen von einer grässlichen Lautstärke geprägt ist, auf die man eigentlich nur mit dumpfer Nüchternheit reagieren kann. Auch bei der New Yorker Modewoche ist diese Attitüde da. Der große Knall blieb aus. Selbst Jeremy Scott, der sonst mit waghalsigen Designs und einer breiten Farbpalette hausieren geht, beißt sich an Schwarz und Weiß fest, allerdings mit verrückten Schnitten. Scott hat sich Schlagzeilen, vor allem aus der New Yorker Boulevardpresse, als Leitmotiv gewählt, um seine Mode mit einem politisch-kulturellen Twist zu versehen.

          Tom Ford, der den Auftakt der acht Tage machte und den Ton in Sachen poppige Ausgelassenheit schon in der vergangenen Saison heruntergefahren hatte, bleibt dabei. Das sei eine Reaktion auf den aggressiven Zeitgeist, sagt er nach der Schau: „Ich fühle mich aufgewühlt und verärgert, und ich glaube, dass Kleider zurzeit nicht aggressiv sein sollen.“ In New York präsentiert er also statt seiner altbekannten offensiven Kleider lieber dunkle Farben und sanfte Pastelltöne, kombiniert hellrosa Plüschmäntel mit graublauen Seidenhosen und pastellfarbenen Abendkleidern. Ein Model nach dem anderen läuft im gedeckten Samtanzug über den Laufsteg. Gigi Hadid präsentiert ein dunkelrotes Exemplar, mit auffällig breit gepolsterten Schultern – fast schon ein Herrenschnitt, das sieht man oft in den folgenden Tagen.

          „Vielleicht fühle ich mich deswegen hier freier“

          Sogar Kate Spade, eine Marke, die sich meist luxuriös verspielter Weiblichkeit ergibt, bedient sich bei den Männern und bringt gleich vier Hosenanzüge auf den Laufsteg. Designerin Nicola Glass, die Ende 2017 nach Engagements bei Gucci und Michael Kors im New Yorker Taschen- und Modehaus die Regie übernahm, interpretiert die Marke nach ihren Vorstellungen, und es wirkt so, als wäre die Kate-Spade-Frau endlich erwachsen geworden. Muster und Schnitte sind von Vierzigern und Siebzigern angeregt, „aber nicht auf eine Retro-Art“, wie sie sagt, „sondern so, dass es sich für das Jetzt richtig anfühlt“. Das Jetzt ist dann wohl die Zeit, in der Damen sich die Männerschnitte zu eigen machten, vielleicht auch eine unbewusste Reaktion auf die erzwungene Defensivhaltung der amerikanischen Frau. Übertriebener Sexappeal ist kaum zu sehen. Selbst die wilden Leoparden- und Schlangenmuster, die sich durch viele Kollektionen ziehen, stehen im Zeichen überlegener Coolness, nicht sexualisierter Ungezähmtheit.

          Michael Kors spielt mit goldenen und braunen Tönen. Bilderstrecke
          Fashion Week in New York : Bilder vom Laufsteg

          Überhaupt sind Materialien aus dem Tierreich ein Gesprächsthema. Tom Ford, der seit etwa einem Jahr vegan lebt, versucht in seiner Kollektion „viel mehr faux fur“ zu verwenden, andere Modehäuser wie Gucci und Diane von Furstenberg haben sich von Echtfell längst verabschiedet. Supermodel Bella Hadid präsentiert sich während der Modewoche entsprechend im eleganten schwarzen Kunstfell-Mantel von Michael Kors. Aber Echtfell ist noch nicht ganz ausgestorben. Der wilde Hauch passt gut in einige Kollektionen, die immer wieder einen Blick nach Westen wagen, auf Cowboys und nach Kalifornien. Coach-Chefdesigner Stuart Vevers, der seine Kleider in einer Kulisse präsentiert, die an einen psychedelischen Wüstenmythos erinnert, setzt Akzente mit Cowboystiefeln und anderen Wildwest-Accessoires. Die Schnitte erinnern teils an die mehrlagigen Kostüme in alten Western, mit fließendem Chiffon und Spitzendetails.

          Longchamp bringt einen ähnlichen Trend zur Schau, allerdings mit gedeckter Farbpalette: viel Schwarz, viel Leder, immer wieder unterbrochen von Leoparden- und Schlangenprints und Siebziger-Jahre-Mustern. In die Garderobe von Kate Moss, die neben Kendall Jenner in der ersten Reihe saß, passen viele der Looks perfekt. Das ist kein Zufall – denn die Linie ist inspiriert von der Verbindung zwischen Paris und New York, eine Reise, die sowohl Kate Moss als auch das französische Label selbst vergangenes Jahr zurückgelegt haben, war es doch erst die zweite Show auf einem amerikanischen Laufsteg. Seither ist die Marke spannender geworden, energiegeladener, womöglich, wie die Designerin und gebürtige Pariserin Sophie Delafontaine sagt, weil sie in New York weit weg von zu Hause ist: „Vielleicht fühle ich mich deswegen hier freier.“

          Akt des „fat shaming“

          An Longchamp und Kate Spade kann man auch den Trend ablesen, dass sich Accessoire- zu Modemarken entwickeln. Da dämpft es die Stimmung nicht ganz so sehr, dass dieses Mal Calvin Klein und Trend-Label Rodarte fernblieben und die Show von Ralph Lauren im Vergleich zur gigantischen Jubiläumsfeier im Herbst leiser ausfiel. An Prominenten mangelt es trotzdem nicht: Zu Tom Ford und Ralph Lauren kommen Karlie Kloss und Schwarzenegger-Sprössling Patrick, zu Coach die Schauspielstars Chloë Grace Moretz und Michael B. Jordan. Influencer schmücken die Front Rows nicht über die Maßen. Aber Caro Daur und Xenia Adonts haben ihren Platz in der ersten Reihe sicher. Beide rauschen von Schau zu Schau, und das wird wohl in den nächsten Wochen in London, Mailand und Paris so weitergehen.

          Ganz kann New York natürlich nicht auf Glamour verzichten. Michael Kors setzt glitzernde Akzente und lässt seine Models vor einem Lametta-Vorhang tanzen, Bella Hadid schwingt bei Ralph Lauren in einem tief ausgeschnittenen goldenen Plisseekleid vorbei an den Tischen im Ralph’s Café, wo die Schau zwischen frischservierten Frühstücksomeletts stattfindet. Bei Tom Ford gibt’s dann sogar einen Sturm des Glamours: Model Anok Yai trägt zum Schluss ein komplett von Swarovski-Kristallen durchzogenes Abendkleid.

          Und Philipp Plein erst! Zum 20. Jubiläum lässt er es richtig krachen. Die Models spazieren in urban-grellen Kleidern durch das Restaurant „The Grill“ und tauschen dabei enthusiastisch Grüße und High-Fives mit den Gästen aus. Am Tisch von Plein sitzt Paris Hilton. Aber die Feierstimmung ist verflogen, als die Modejournalistin Alexandra Mondalek daraufhin auf

          „Fashionista“ schreibt, seine Muse sei eine „urbane Cowboy-Futuristin mit Treuhandfonds und Kokain-Problem“, seine Kollektion ein Arrangement „aus den Hits anderer Designer aus vorangegangenen Saisons“ und trotz per Einladung angekündigtem Drei-Gänge-Menü habe sie nur einen Stehplatz auf dem Balkon bekommen. Plein macht sich daraufhin auf Instagram über die Figur von Alexandra Mondalek lustig, postet Screenshots von ihren Tweets, annotiert mit einem Bild der Sponge-Bob-Figur Patrick, der sich gerade einen Burger in den Mund schiebt. Zu einem alten Foto der Journalistin schreibt er: „Nächstes Mal sorge ich dafür, dass du genug zu essen hast, versprochen!“

          In einer Szene, in der „body positivity“ gerade so wichtig ist, macht sich der deutsche Designer mit diesem Akt des „fat shaming“ natürlich unbeliebt.

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