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New York Fashion Week 2016 : Ein bisschen Deko schadet nicht

Marc Jacobs: Der Designer stellt als Höhe- und Endpunkt der Modewoche einen neuen Stil aus alten Glamrock-Zeiten auf die Bühne Bild: Helmut Fricke

Die Modewoche in New York leidet mit mehr als 100 Kollektionen in acht Tagen unter der Sattelzeit. Höhepunkt ist das Ende - mit viel Kitsch und Kunst.

          Am Ende ist dann doch alles gut. Im Hammerstein Ballroom geht eine Glamrock-Orgie über die Bühne, wie die Welt sie selten gesehen hat. Models auf Riesen-Plateauschuhen, mit heavily bestickten wippenden Jacken über knallengen Bodys (die den Po zum Accessoire machen), die Strümpfe bunt quergestreift wie Pipi Langstrumpf und hoch über die Knie gezogen wie eine japanische Männerphantasie, die Haare aufgetürmt zu einem verfilzten Rasta-Look in Regenbogenfarben, das überdekorierte Styling mit Anspielungen auf Sportswear, Military, Barock: Man kann sich nicht sattsehen an diesem Wahnsinn aus verzogenen Silhouetten und Disco-Raver-Club-Reminiszenzen, die jede Gendertheorie mit 18-Zentimeter-Sohlen wie aus Lady Gagas besten Zeiten zertrampeln.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Auf dem Laufsteg: Karlie Kloss, Gigi Hadid, Bella Hadid, Kendall Jenner, Irina Shayk – und 47 richtige Models. Allein Bella hat für ihr Instagram-Bild mit bunter Turmfrisur und transparentem Top („What an amazing collection!!! Thank you thank you thank you!!!“) am nächsten Tag 166000 Likes. Dieser Auftritt im Hammerstein Ballroom, der früher ein Opernhaus und ein Vaudeville-Theater war, ist also eine Lehrstunde in Mode – und in Marketing.

          Nie hatte die New York Fashion Week Marc Jacobs so nötig wie dieses Mal. Der Modemacher, nach seinem Abschied von Louis Vuitton in Europa kaum noch sichtbar, setzt unter eine durchwachsene Woche voller krisenhafter Symptome am Donnerstag eine spektakuläre Pointe: Die Mode, der Sinnzuschreibungen schon aus Gründen narzisstischer Befangenheit widerstreben, entgrenzt sich plötzlich im Kostümfest – mit Entwürfen, die geradezu schamanische modeimmanente Bedeutung haben, weil sie sich nebenbei auch auf Thierry Mugler, Christian Lacroix, Jean Paul Gaultier und John Galliano beziehen.

          Ein schönes Ende aus Kunst und Kitsch

          Mit einem Wort: Marc Jacobs zeigt genau das, was man sich nicht unter New Yorker Mode vorstellt. Ohne dieses schöne Ende aus Kunst und Kitsch hätte die Woche in Manhattan grau ausgesehen, und zwar gleich aus mehreren Gründen.

          Mit Sondergenehmigung des Bürgermeisters: Ralph Lauren ließ die Show vor seinem Laden in der Fifth Avenue stattfinden.

          Die quälende Einführung des See-now-buy-now-Prinzips bringt ein chaotisches Durcheinander der Saisons hervor; die Krise einiger Firmen führt zu Kollektionen, die auf Nummer Sicher gehen, also langweilig sind; und die vielen Modewochen-Veranstalter, die sich wenigstens noch grob auf einen Termin einigen können, entlassen den Schauenplan in ein schwindendes Gefüge aus Raum und Zeit.

          „Alles, was ich aufgebaut habe, ist zerstört“, sagt Fern Mallis nach einer Schau resigniert. Und das ist weder kokett noch lamentierend gemeint. Denn die Managerin hatte für das „Council of Fashion Designers of America“ in einem Vierteljahrhundert aus einer zerfaserten Szene egoistischer Designer eine geschlossene Konkurrenz zu Mailand und Paris aufgebaut.

          Jetzt geht alles durcheinander

          Ohne sie hätten es Tommy, Donna, Ralph und Michael seit den neunziger Jahren nicht so leicht gehabt. Steven Kolb, der nun das Durcheinander verwaltet, kleidet es vor der Rodarte-Schau in diese schönen Worte: „Es ist halt vielfältiger geworden. Ich gebe zu: Es ist nicht so leicht zu verstehen, weder für die Presse noch für die Kunden.“

          Coach: Die schönste Deko hat die amerikanische Taschen- und Modemarke aufgetürmt

          Man kann es sogar politisch sehen. Die Modehäuser sind natürlich alle für Hillary Clinton – aber die absolut freie Marktwirtschaft ist ihnen mindestens so heilig wie dem ehemaligen Schauengänger Donald Trump.

          Jetzt geht alles durcheinander. Tommy Hilfiger, Ralph Lauren, Tom Ford und Thakoon bieten die gesamte Laufstegkollektion umgehend im Geschäft an. Andere Designer wie Michael Kors machen das nur mit einzelnen Teilen. Ralph Lauren hat sogar mit Sondergenehmigung des Bürgermeisters am Mittwochabend die Madison Avenue an der 72. Straße sperren lassen, um in einem Zelt an seinem Geschäft die Modenschau auf dem Gehweg stattfinden zu lassen.

          Mehr als 100 Kollektionen in acht Tagen

          Ralph Lauren, der nächstes Jahr das 50. Firmenjubiläum begeht, verbeugt sich am Ende, winkt die Gäste herein und geht vor in seinen Verkaufspalast, wo der Champagner das Shoppen sichtlich erleichtert.

          Wenn man also in Zukunft Laufstegbilder sieht, weiß man nur als Kenner, ob man die Sachen sofort oder erst in drei Monaten kaufen kann. Diese Unsicherheit wird die schwache Konsumstimmung gewiss nicht beleben – auch wenn bei Hilfigers See-now-buy-now-Premiere, allerdings gestützt durch einen gigantischen Social-Media-Rummel, große Verkaufszuwächse in den ersten Tagen zu verzeichnen sind.

          Mode im Museum: Die Schau von Tory Burch im Whitney Museum

          Viele der weit mehr als 100 Kollektionen, die acht Tage lang auf den verschiedenen Plänen standen, sind natürlich solide. Michael Kors, gerade aus Bora Bora zurückgekehrt, lässt sich ohnehin nicht aufhalten: „Ich bin Optimist“, sagt er vor dem Defilee unbekümmert; Proenza Schouler gelingt wieder eine pariserische Kollektion mit vielen diskussionsfördernden Aussparungen; Tory Burch hat ihren Ostküsten-Stil gefunden, der sich geschickt mit Ethnomustern und sportlichen Anspielungen aufpeppt; Zac Posen ist spießig geworden; die Asian-Americans von Phillip Lim bis Alexander Wang dagegen bleiben dran.

          Jason Wu: Weg von den festen Herrenstoffen

          Und apropos: Jason Wu zeigt seine bisher leichteste Kollektion für die Boss-Frauen – er muss wegkommen von den festen Herrenstoffen. Es stimmt hoffnungsfroh, dass die Frau des neuen Boss-Vorstandsvorsitzenden Mark Langer sich eines der schönsten Kleider aus der letzten Kollektion für diesen Anlass ausgesucht hat.

          Langer lobt nach der Schau denn auch Jason Wus Bezug zur Wirklichkeit, den man nicht bei jedem Modemacher voraussetzen kann. Aber der Designer steht nun auch Ingo Wilts gegenüber, der, von Hilfiger kommend, als neuer Chief Brand Officer viel vom Geschäft versteht. Ob auch er Gefallen findet an aufwendig mit Blüten bestickten Blusen, die Wu sogar teils selbst angenäht hat, um in Übung zu bleiben?

          Andererseits weiß Wilts aus dem PVH-Konzern, zu dem auch Calvin Klein gehört, was gute Designer kosten können. Raf Simons, der in diesen Wochen in New York mit seiner Arbeit für Calvin begonnen hat, soll angeblich 20 Millionen Dollar im Jahr für seine Dienste bekommen.

          Erste Kollektion im Februar

          Im Februar wird seine erste Kollektion zu sehen sein. Dieses Mal fehlt die Marke in jedem Sinn auf dem Kalender – der Herbst 2016 wird als Sattelzeit in die New Yorker Modegeschichte eingehen, in dem das „Nicht mehr“ auf das „Noch nicht“ trifft.

          Hugo Boss: Jason Wu gibt sich leicht und farbenfroh wie nie zuvor

          Immerhin machen es zwei Frauen den alternden Männern vor, wie man den Übergang zur neuen Generation meistert. Donna Karan filmt in der ersten Reihe begeistert die eklektizistische Kollektion ihrer beiden Nachfolger Dao-Yi Chow and Maxwell Osborne bei DKNY.

          Und Diane von Fürstenberg hat einen Glücksgriff getan mit dem schottischen Designer Jonathan Saunders, der ihre Marke mit leicht anarchisch schrägen Schnitten verjüngt – sie bleibt allerdings der Präsentation fern.

          Marc Jacobs' Modenschau kurzfristig auf 14 Uhr vorgezogen

          Zu den alternden Männern, die abtreten sollten, gehört übrigens jetzt schon Kanye West. Seine vierte Yeezy-Kollektion rief wegen des schwachen Designs und der reihenweise in der Hitze zusammenbrechenden Models so viele negative Reaktionen hervor, dass sich der Rapmusiker etwas Neues überlegen sollte – oder am besten weiter nur Musik macht.

          Der ebenfalls alternde Mann Marc Jacobs zeigt immerhin mit seinem opernhaften Auftritt, dass die Mode weitergeht – und dass man auch rein organisatorisch Pointen setzen kann. Seine Schau, eigentlich für 18 Uhr angesetzt, zieht er kurzfristig auf 14 Uhr vor, weil wichtige Gäste in ihrem Vorwärtsdrang am Abend schon auf dem Weg nach London sind, dem zweiten Schauplatz der Modesaison. Also 14Uhr, und das heißt bei Marc Jacobs seit dem Aufruhr um seine Zwei-Stunden-Verspätung vor neun Jahren: 14.00:00 Uhr.

          Bisher verstand man das als ewige Rache an den damals so erbosten Redakteuren, allen voran Suzy Menkes. Nun ist es auch ein Zeichen dafür, dass da jemand einer zerbrechenden Szene doch noch ein Ordnungssystem aufzwingt. All die Gäste, die ratlos und sauer um 14.01 Uhr vor verschlossenen Türen an der 34. Straße stehen, haben einfach keinen Sinn für die disziplinierende Wirkung der Pünktlichkeit und die ordnende Hand des Marktes.

          New York Fashion Week

          Auf faz.net/stil: Kollektionen in der Einzelkritik

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