https://www.faz.net/-hrx-9pihr

Provokation: die Einkaufstüte als Tattoo Bild: Artur Weigandt

Neuer Tattoo-Trend : Tätowierungen gehorchen nun dem „Ignorant Style“

  • -Aktualisiert am

Die Zeiten, in denen möglichst tiefgründige oder bunte Tattoos gestochen wurden, sind vorbei. Der neue Trend sind Milchtüten, Topfpflanzen – oder Einkaufswagen.

          Einst ließen sich Seemänner und Verbrecher Tattoos stechen, um ihre Geschichte zu erzählen oder ihre Stellung in der Gesellschaft zu zeigen. Tätowierte waren Gebrandmarkte, Aussätzige, Kriminelle. Jedes ihrer Motive hatte eine feste Bedeutung und seinen Ort am Körper – und war manchmal auch ein Grund, den Träger zu meiden.

          Heute ist es anders: Jeder vierte Deutsche hat sich seinen Körper mit einer Tätowierung verzieren lassen. Und täglich werden es mehr. Sternzeichen, Lebensweisheiten, Partnerporträts wurden irgendwann durch Tribe-Tattoos verdrängt – und auch das ist jetzt Geschichte.

          Der Kultursoziologe Andreas Reckwitz schreibt in seinem Buch „Gesellschaft der Singularitäten“, dass der Mensch nach Einzigartigkeit strebt, und das sei nicht nur ein Wunsch, sondern auch gesellschaftliche Erwartung. „Sei du selbst“ ist für Reckwitz im Kapitalismus und im Mainstream angekommen – und das Tattoo gleich mit.

          Doch unter Tätowierern und Tätowierten regt sich Widerstand gegen die mit Bedeutung aufgeladenen bunten Bildchen. So auch bei Alex Berger. In einem Keller in Köln stechen der 28 Jahre alte ehemalige Designstudent und sein Team Motive wie Milchtüten, Topfpflanzen oder Einkaufswagen unter die Haut ihrer Kunden.

          Alex Berger: Hat sich stilistisch noch weiterentwickelt, zum „Fresh Ignorant Style“. Bilderstrecke

          Das Kellerstudio erinnert mit kahlen Wänden, Vintage-Möbeln und orientalischen Teppichen an eine Mischung aus Box-Studio und Shisha-Bar. Im Hinterzimmer hängt als Deko ein Boxsack, mit dem sich der Stil des Tätowierers beschreiben lässt: „einfach draufhauen“. Denn im Gegensatz zu den vergangenen beiden Jahrzehnten, in denen sich die Kunden in der Regel möglichst tiefgründige oder bunte Motive stechen ließen, geht es heute nicht mehr um Sternzeichen, Tribals oder Zitate, sondern um klare Linien und provokante Motive. Alltägliche Objekte, betont krakelig und schief gestochen, sind inzwischen unter Jüngeren weit verbreitet. Diese Art des Tätowierens nennt sich „Ignorant Style“.

          Selbst das berühmte Kinderzeichen-Spiel „Das ist das Haus vom Nikolaus“ soll auf der Haut zu einem Ausdruck des neuen Stils werden. Denn beim „Ignorant Style“ ist es nicht wichtig, wie eine Linie gestochen wurde. Hauptsache: Sie wurde gestochen. Das macht eine Unterscheidung zwischen Profis und Anfängern schwierig, meint Alex Berger.

          Auch Prominente haben den Ignoranten-Stil für sich entdeckt. So ließ sich Scarlett Johansson vor einigen Jahren ein schiefes Hufeisen mit dem Schriftzug „Lucky You“ auf die Rippen stechen. In dieser Zeit war der Stil noch kaum verbreitet, unter Tätowierern gar verpönt.

          Auch Alex Berger sticht so zu. Aber er hat sich stilistisch noch weiterentwickelt, zum „Fresh Ignorant Style“. Dabei sind die Linien im Gegensatz zu der ursprünglichen Form klarer und deutlicher gesetzt. Die Bedeutung bleibt aber ungefähr die gleiche: „Man will mit den Motiven die Leute einfach vor den Kopf stoßen, aber mit einer guten und klaren Technik.“

          Für ihn ist dieser Trend der Ausdruck eines neuen Lebensgefühls: „Die Menschen leben immer nachhaltiger und minimalistischer. Farben und Schnörkel verfälschen Motive und werten sie oftmals auch auf. Das ist nicht real.“ Seine Motive dagegen sind wirklich – wirklich anders.

          Weitere Themen

          Keine Angst vor Höllental und Todesfluss

          Nordportugal : Keine Angst vor Höllental und Todesfluss

          Die älteste Stadt des Landes, das schönste Weinbaugebiet der Welt, der berühmteste Heiratsvermittler des Mittelalters: Hoch im Norden zwischen Douro und Minho übertrifft sich Portugal selbst – und bleibt doch ganz bei sich.

          Auf dem schönsten Theaterfest der Welt Video-Seite öffnen

          Festival d’Avignon : Auf dem schönsten Theaterfest der Welt

          Das Festival d’Avignon lockt Schauspieler, Kritiker und Fans in die südfranzösische Stadt – und eine Truppe aus Paris, die mit Kleidern und Kameras angereist ist. Ein Mode-Shooting.

          Topmeldungen

          Soli und Negativzinsen : Die Koalition der Verzweifelten

          Der Soli wird zur verkappten Reichensteuer. Zudem entdeckt die Koalition jetzt auch noch den Sparer und will Negativzinsen verbieten. Wetten, dass das weder CDU noch SPD hilft?

          Overtourism : Urlaubsziele vor dem Touristen-Kollaps

          Ob Venedig oder Barcelona – viele Städte werden von Touristen überrannt. Auch in Deutschland gibt es Probleme: 2018 kamen 1,6 Millionen Touristen allein aus China. Lösungen gibt es nicht.
          Bugatti Veyron auf einer Automesse – Das Modell war auch bei den von Schweizer Behörden gesuchten Verdächtigen beliebt

          Milliarden-Raub : Verdächtige lebten in Saus und Braus

          Internationale Kriminelle haben den Staatsfonds von Malaysia ausgeraubt. Schweizer Ermittler sind den veruntreuten Milliarden auf der Spur – ein Krimi, der von einem mysteriösen Araber handelt und von superschnellen Luxusautos.
          Angeklagt: Der Unternehmer Alexander Falk (Mitte) wartet am Mittwoch mit seinen Anwälten im Frankfurter Landgericht auf den Prozessbeginn.

          Prozess gegen Alexander Falk : „Damit diese Bazille nicht mehr existiert“

          Hat Alexander Falk, der Erbe des Stadtplan-Verlags, den Auftrag erteilt, einen Anwalt zu töten? Vor Gericht bestreitet er das. Und was auf den ersten Blick ein logischer Schluss ist, beginnt beim Blick auf die Details zu wackeln.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.