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Als Lagerfeld noch kurze Hose trug

Von ALFONS KAISER

14. September 2020 · Karl Lagerfeld, der im vergangenen Jahr gestorben ist, hat sich über seine Kindheit in der Nazi-Zeit immer nur vage geäußert. Das könnte einen Grund haben: Wie neu entdeckte Dokumente zeigen, waren seine Eltern Mitglieder der NSDAP.

Heute ist von dem Herrenhaus nicht mehr viel zu sehen. Es ist ruhig vor den Toren von Bad Bramstedt. In einem Wäldchen ragen nur einzelne Steine des alten Fundaments und Reste einer steinernen Bank aus dem Laub. Vorne an der asphaltierten Straße steht eine Stütze der alten Einfahrt, die andere liegt in Trümmern. An einen Stromkasten ist ein Porträt des späten Karl Lagerfeld gesprüht worden. Mehr erinnert nicht an die frühen Jahre des Modeschöpfers in der holsteinischen Provinz. Kaum zu glauben, dass hier einmal eine weiße Villa stand. Man muss schon viel Vorstellungskraft haben, um aus den Überbleibseln das Gut Bissenmoor erstehen zu lassen, mit einer Auffahrt, über die sich der Vater des kleinen Karl mit dem Automobil vorfahren ließ, wenn er aus seinem Kontor in Hamburg oder aus seiner Fabrik in Neustadt an der Ostsee kam. Es war ein herrschaftliches Gebäude, mit Treppe, Veranda, Bogenfenstern und einem Türmchen auf dem Dachfirst.

Die Lagerfelds führten auch in der Nazi-Zeit, in den Wirren des Kriegs und der Not der Nachkriegszeit ein privilegiertes Leben. Otto Lagerfeld, 1881 geboren, hatte nach dem Ersten Weltkrieg in Hamburg die Firma Glücksklee aufgebaut, einen der ersten deutschen Hersteller von Kondensmilch. 1930 heiratete er die um 16 Jahre jüngere Elisabeth Bahlmann, deren Vater Landrat in Beckum im Münsterland gewesen war. Das Paar bezog zunächst eine Villa in Baurs Park in Blankenese, mit herrlichem Blick auf die Elbe. Am 11. Mai 1931 kam die Tochter Christiane, genannt Christel, zur Welt, am 10. September 1933 der Sohn Karl Otto, der in seinen jungen Jahren wirklich „Karl Otto“ gerufen wurde. Er war der Stolz der Familie. Schon als Kleinkind brachte er alle zum Lachen, weil er so viel redete. Seine Mutter schrieb im Januar 1937 an ihre Schwester über den Dreijährigen: „Er ist ja ne Nummer – ein Mundwerk!“

Karl Lagerfeld und seine Schwester Christiane (Christel) in frühen Jahren um 1937
Karl Lagerfeld und seine Schwester Christiane (Christel) in frühen Jahren um 1937 Fotos Archiv Gordian Tork

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