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Nachwuchsdesigner : Attitüden sind nicht mehr angesagt

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Anna-Carlotta Theis hat ihre Nische gefunden und sich auf Plus-Size-Fashion spezialisiert.
Anna-Carlotta Theis hat ihre Nische gefunden und sich auf Plus-Size-Fashion spezialisiert. : Bild: Silvana Denker

Sie sei die Älteste in ihrem Studiengang, erzählt sie, bereut habe sie die Entscheidung aber nie. Das dürfte vor allem daran liegen, dass Theis eine erfolgversprechende Nische für sich entdeckte. Sie hat sich auf Plus-Size-Fashion spezialisiert, ein wachsender Zweig der Branche, der sich derzeit neu erfindet und modischer denn je daherkommt. Navabi, Theis Praktikumsgeber, ist einer der größten Anbieter in diesem Segment. „Mehr als die Hälfte der Frauen in Deutschland trägt Größe 42 und mehr“, sagt Theis, deren Fokus auf üppige Größen nicht nur ökonomische Gründe hat. Sie selbst sei auch etwas kurviger und kenne das Gefühl nur zu gut, in der hintersten Ecke des Geschäfts nach Kleidern in ihrer Größe zu suchen. Theis hat ein Ziel: „Ich möchte dazu beitragen, dass irgendwann keine Unterscheidung mehr zwischen vermeintlich normalen und großen Größen gemacht wird, sondern alles nebeneinander im Geschäft zu finden ist.“ Ob sie an diesem Ziel mit einem eigenen Label oder doch lieber als Designerin in einem größeren Unternehmen arbeiten wird, weiß Theis noch nicht: „Alles ist möglich.“

Den egozentrischen Couturier gibt es nicht mehr

Was alles möglich ist in der Modebranche, sei den meisten Menschen gar nicht bewusst, merkt Hediye Cunnigham oft. Sie leitet das private Mode-Design-College, das auf einen staatlich anerkannten Abschluss vorbereitet. Von rund fünfzig Bewerbern pro Jahr bekommt hier etwa die Hälfte einen Platz. „Vielen ist gar nicht klar, was für eine riesige Industrie die Modebranche eigentlich darstellt“, sagt Cunnigham. Die Modeindustrie gehört mit der Auto- und Pharmaindustrie zu den größten Konsumgüterbranchen hierzulande. Bei Infoveranstaltungen erlebe sie dennoch viele skeptische Eltern, die von den Anforderungen an Modedesigner überrascht seien: „Man muss kreativ sein, den Zeitgeist erspüren, Geschäftssinn haben, Verarbeitungstechniken, Handwerk und Computerprogramme beherrschen“, fasst Cunningham zusammen. Sie wünsche sich mehr Respekt vor dem Beruf in der Gesellschaft.

Valeska Schmidt-Thomsen von der UdK Berlin beobachtet, wie sich das Bild von Designern in der breiten Masse langsam normalisiere: „In den Neunzigern herrschte um Modedesigner noch ein Starkult. Seit etwa zehn Jahren aber präsentieren sich immer mehr Designer in der Öffentlichkeit mit ihrem Team, das sie auch mitnehmen, wenn sie Kreativdirektor eines anderen Labels werden.“ Namen einzelner Personen treten hinter der Marke zurück: Ob Raf Simons nun für Jil Sander oder Calvin Klein entwirft, wisse abseits der Branche kaum jemand. Das in Filmen zelebrierte Bild vom egozentrischen Couturier, der in kreativen Schüben Stoffbahnen um Puppen drapiert, sei so unrealistisch und überholt wie der Klischee-Architekt, der mit Zeichenmappe unterm Arm ins Cabrio springt, findet Schmidt-Thomsen.

Und tatsächlich: Selbst Karl Lagerfeld, einer der letzten noch aktiven Designerstars, wird nicht müde, die Näherinnen seiner Chanel-Entwürfe öffentlich zu loben, holte sie auch schon auf den Laufsteg. Auch an der AMD setzt man statt auf Einzelgänger auf Teamfähigkeit, ganze Seminare werden dazu angeboten, sagt Antje Drinkuth: „Keiner der Absolventen wird später alleine arbeiten, diese Attitüde ist wirklich vorbei.“ Das scheint Designerin Marina Hoermanseder auch so zu sehen. Sie holt nach ihren Schauen regelmäßig das ganze Team auf den Laufsteg. Im Juli wird dann auch Deirdra Clarius wieder den Applaus des Berliner-Fashion-Week-Publikums entgegennehmen. Als Teil des Teams.

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