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Zum Tod von Udo Walz : Ein gelungenes Leben

An keinem Ort wäre Udo Walz besser aufgehoben als in seinem eigenen Salon. Bild: Picture-Alliance

Er brachte den Deutschen den Glamour näher: Udo Walz war als Friseur Meister seines Fachs und eine schillernde Persönlichkeit. Seine enge Freundin, die frühere Bunte-Chefin Patricia Riekel, erinnert sich an ihr erstes Treffen.

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          Dieser kalte Januarvormittag vor knapp zwei Jahren wird nicht der schlechteste für Udo Walz gewesen sein. Er schnitt gerade Haare. Das war sein Beruf, und diesem ging er nach Herzenslust nach. Walz war bester Stimmung, als Redaktionsfotograf Helmut Fricke und ich seinen Salon am Kurfürstendamm betraten. Auch das verabredete Interview schien nicht ungelegen zu kommen. Erst reden, dann das Foto? Oder umgekehrt? „Was ihr wollt, ich bin geil drauf“, sagte er.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Aber zunächst einmal eine Kundin verabschieden. „Frau Rau, wie jedes Jahr“, rief Walz der Witwe des ehemaligen Bundespräsidenten zu. „Soll ich Ihnen einen Hund vermitteln?“ Davon hatte er zwei, Lola und Oskar, und sein Ehemann Carsten Thamm-Walz sollte später noch mit beiden hallo sagen kommen.

          Weiß, was Frauen wollen, jedenfalls sagte er das so: Der Meister in seinem Salon bei einem F.A.Z.-Shooting im Januar 2019.
          Weiß, was Frauen wollen, jedenfalls sagte er das so: Der Meister in seinem Salon bei einem F.A.Z.-Shooting im Januar 2019. : Bild: Helmut Fricke

          Gelungener Vormittag damals im Januar. Oder: gelungenes Leben von 76 Jahren. Es genügte ein Treffen mit diesem offenherzigen Menschen, um zu erkennen, dass Udo Walz an keinem Ort besser aufgehoben gewesen wäre als in einem eigenen Friseursalon. Dass er mit seiner Art ein Meister seines Fachs war, und das, ohne dafür jemals seine Ausbildung mit Meisterbrief abschließen zu müssen. Der Friseur als Vertrauter und schillernde Persönlichkeit, niemand prägte dieses Berufsbild stärker als Udo Walz, und im Laufe seiner Karriere von mehr als fünfzig Jahren brachte er dabei den Deutschen den Glamour näher.

          „Und mittendrin Udo“

          Vielleicht muss so ein Leben grundsätzlich anders beginnen. In diesem Fall im Sommer vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges im schwäbischen Waiblingen, dort, wo man Wohlstand bis heute oft zu vertuschen versucht, wo man sparsamer lebt als etwa in München. Im Alter von 14 Jahren ging der Sohn eines Lkw-Fahrers in die Friseurlehre und schloss als Drittschlechtester von 600 Gesellen ab. Es zog ihn anschließend nach St. Moritz – kaum vorstellbar, dass der junge Walz zufällig dort landete und der Treff der alpinen Schickeria keine magische Sogkraft hatte. Der Friseur trat zum ersten Mal mit den Stars in Kontakt, und die Verbindung blieb, als er weiterzog. 1963 West-Berlin. Romy Schneider, Marlene Dietrich. Wenn von Udo Walz die Rede ist, dann zuverlässig von ihnen. Er brachte diese Namen stets selbst ins Spiel.

          Auch an jenem Vormittag im Januar 2019 führte Udo Walz durch die Fotogalerie im Salon, zeigte Aufnahmen von Goldie Hawn und Romy Schneider. Er war schon hier, als die Bussi-Bussi-Gesellschaft noch fest verankert in München war. Die langjährige „Bunte“-Chefredakteurin Patricia Riekel lernte ihn wenige Jahre nach der Wiedervereinigung kennen. Die beiden wurden enge Freunde. Seine erste Frage an sie: „Was ist Ihr Friseur von Beruf?“, erinnert sich Riekel. „In Berlin wurde gefeiert wie in keiner anderen Metropole Europas – und mittendrin Udo, der zu einer Symbolfigur dieser aufblühenden Stadt wurde.“

          Eigentlich logisch, dass er an einem Boulevard residieren musste, am Kurfürstendamm. Walz war Stammgast in den Blättern, die die Welt von ihrer schillernderen Seite zeigen. „Er war großzügig. Aber er hatte auch eine gewisse Eitelkeit an sich. Es wäre schrecklich für ihn gewesen, nicht erkannt zu werden“, sagt Riekel. „Er liebte es, Huldigungen entgegenzunehmen.“ So lebte er den Deutschen vor, wie das geht mit dem Glamour. Walz wurde ihr erster Star-Friseur. Das gab es höchstens in Paris oder London, wo sich Vidal Sassoon mit seinem Fünf-Punkte-Schnitt und Mia Farrows Pixie Ende der Sechziger in die Geschichtsbücher des Stils geschnitten hatte.

          Er verschaffte sich Gehör

          Auch Udo Walz sollte später durch seine Arbeit Einfluss nehmen. Angela Merkel, die sich konsequent von der Welt des schönen Scheins distanziert, ging zu ihm – der ultimative Beweis seiner Fähigkeiten. Er erleichterte sie von der Topffrisur und schnitt ihr eine luftigere Kurzhaarfrisur, wie sie für Spitzenpolitikerinnen üblich wurde. Den „politischen Bob“ sah man fortan nicht nur an Merkel, sondern auch an Theresa May, Hillary Clinton, Nicola Sturgeon.

          „Ich weiß sofort, was einer Frau steht und was sie will“, sagte Udo Walz an jenem Januarmorgen: Zurückhaltung war nicht sein Ding. Auch so verschaffte er sich in einem Land Gehör, in dem Schönheit häufig mit Oberflächlichkeit gleichgesetzt wird. Nicht, dass er deshalb ein frivoles Leben geführt hätte. Mit Karl Lagerfeld teilte er eine Leidenschaft für Cola light, die Arbeit schien ihn glücklich zu machen. „Schön hier, nicht?“, sagte Walz bei unserem Treffen und schaute auf den Trubel in seinem Salon.

          Ein paar Monate später brauchte er einen Rollstuhl. Für ihn war das kein Grund, seinen Platz am Boulevard zu meiden. Am Freitagmittag ist Udo Walz im Alter von 76 Jahren an den Folgen eines Diabetes-Schocks gestorben.

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