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Zum Tod von Peter Lindbergh : Er liebte sie schlicht

Mut zur Schwarzweiß-Fotografie: Peter Lindbergh, hier zu sehen im Jahr 2010, bei der Eröffnung seiner Ausstellung „On Street“ in Berlin Bild: AFP

Peter Lindbergh, der in dieser Woche gestorben ist, hat die Mode verändert – mit einfach genialen Fotos. Die Frauen liebte er so sehr, dass sie sich nicht einmal zurechtmachen mussten für ihn.

          Er kam nicht vom Rhein, sondern war, 1944 geboren, mit seinen Eltern aus dem Wartheland im heutigen Polen dorthin gezogen. Sie lebten an der Jahnstraße in Rheinhausen, und wenn der Junge die paar hundert Meter zum Ufer des Flusses gegangen war, konnte er hinüberschauen auf die schwarzweiße Nachkriegswelt. Es war ein eigenartiger Kontrast: hier die Rheinwiesen mit den Schafen, die das Gras kurz hielten, dort die rauchenden Schlote von Duisburg-Hochfeld. Solche Bilder prägen sich ein bei künstlerisch begabten Kindern.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Als er erwachsen war, schaffte es Peter Brodbeck, wie er damals noch hieß, schließlich die paar Kilometer rheinaufwärts bis nach Düsseldorf. Aus der grauen Industrieromantik über den Umweg der vielen Farben im südfranzösischen Arles in die blondierte Landeshauptstadt: Sein Lebenslauf imprägnierte ihn gegen Glamour und Pseudoglamour, die in Düsseldorf schon in den siebziger Jahren herrschten und noch heute innig einander zugetan sind. Wie alle Deutschen, die in der Mode etwas werden wollten, wie F.C. Gundlach, Karl Lagerfeld, Jil Sander oder Wolfgang Joop, musste er sein Heimatland bald hinter sich lassen.

          Lindbergh klang internationaler als Brodbeck

          Weil es schon einen Fotografen gab, der Peter Brodbeck hieß, nannte er sich seit Düsseldorfer Zeiten Peter Lindbergh. Das klang internationaler, erst recht mit dem „h“ am Ende, das an den Luftfahrtpionier Charles Lindbergh erinnerte. Die Idee mit dem Namen wurde übrigens zu einer Prophezeiung, die sich selbst erfüllte: Der Atlantik-Überquerer war 1927 nonstop von New York nach Paris geflogen. Und der Fotograf, der 1978 nach Paris zog, lebte auch in New York. Noch etwas verband ihn mit dem Namensvetter: Charles Lindbergh hatte auf zwei Kontinenten vier Familien parallel und zeugte sieben Kinder; Peter Lindbergh war zwar nur zwei Mal verheiratet und hat vier Kinder, aber er war polyamourös mit der Kamera: Naomi, Linda, Tatjana, Cindy, Christy, Nadja, Kate – er liebte sie einfach alle.

          Peter Lindbergh im April 2017 vor seinem Foto „White Shirts (Class of '88)“ Bilderstrecke

          Einmal erzählte er, es sei schon öfter geschehen, auch bei Nadja Auermann, dass die Frauen, wenn es intensiv wird, bei den Aufnahmen weinen. Denn bei all seiner Lockerheit war Peter Lindbergh am Set unglaublich eindringlich. Deshalb wirken seine Fotos auch nie gestelzt oder verbissen oder kalt: Zu sehen sind keine Models, sondern Menschen.

          Seine Shootings – bis heute klingt die Bedeutung „Schießereien“ mit – entmilitarisierte er. Der Mann, der so leicht auf Menschen zugehen konnte, machte das Set zum Schauplatz von Beziehungen.

          Die Mode überbot er also mit Mitteln der Mode. Auch in dieser Hinsicht hat er viel mit Juergen Teller gemeinsam, dem größten deutschen Modefotografen der nächsten Generation, der sich wenig für neue Kollektionen und noch weniger für neueste Accessoires interessiert.

          Schwarzweiß in den verheerend bunten Achtzigern

          Heute könnte man denken, dass es keine Kunst war, junge Frauen, die so toll aussahen, natürlich zu inszenieren, einfach im weißen Hemd am Strand, im schlichten Wickeloberteil, in Lederjacke mit Schirmmütze. Aber irgendjemand musste erst einmal auf die Idee kommen! Musste in den verheerend bunten achtziger Jahren den Mut aufbringen, schwarzweiß zu fotografieren. Musste die Frechheit besitzen, den ganzen Klimbim runterzunehmen, mit dem die Stylisten schon damals die Models behängten. Musste so cool sein, sogar das Make-up wegzulassen, das bei schlechten Modezeitschriften bis heute aus schönen Gesichtern hässliche Fratzen des Luxusgeschäfts macht.

          Unglaublich, dass ausgerechnet dieser Mann so etwas vollbrachte, der so unprätentiös, liebevoll und lustig war. Man konnte sich einfach nicht vorstellen, dass Lindbergh, dem das Jeanshemd locker über die Hose hing, so unerschrocken gegen den verkrampften Stil der Zeit vorgegangen war. Später, als er etabliert war, als er Anna Wintour überzeugt und jede „Vogue“ im Sturm erobert hatte, war das keine Kunst mehr, denn nach und nach hatte er sich sein eigenes Modesystem geschaffen. Aber vor drei Jahrzehnten war das eine Revolution.

          Peter Lindbergh liebte die Frauen so sehr, dass sie sich nicht einmal zurechtmachen mussten für ihn. Er vergötterte Menschen. Weil aber Göttinnen längst ausgestorben waren, nannte man die Models Supermodels. Dabei war das ein Wort, das so gar nicht zu ihrem Schöpfer passte. Ihm reichten das Schwarz und das Weiß seiner Kindheit, um eine Welt auszumalen, die noch nie jemand gesehen hatte. Am Dienstag ist Peter Lindbergh im Alter von 74 Jahren gestorben. Zum Glück bleiben uns diese Bilder.

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