https://www.faz.net/-hrx-9xs6z

Mietmode : Der Trend geht zur Leasing-Garderobe

  • -Aktualisiert am

Ein Kleid der Designerin Jason Wu. Sie startete als eine der ersten Designerinnen eine Kooperation mit einer Mietplattform 2019. Bild: Reuters

Kleidung mieten, statt sie zu kaufen? Das könnte bald schon die Norm sein. Und es könnte helfen, die Modeindustrie endlich nachhaltiger zu machen.

          6 Min.

          Das Thema Nachhaltigkeit beschäftigt längst auch die Modeindustrie. Nicht ohne Grund, wie Studien belegen: 2015 lag die Menge an Treibhausgasen aus der Textilproduktion bei 1,2 Milliarden Tonnen an CO2. Laut Greenpeace besitzt eine erwachsene Person in Deutschland durchschnittlich 95 Kleidungsstücke. Das geht aus einer Onlineumfrage von 1.011 Personen im Alter von 18 bis 69 Jahren aus dem gleichen Jahr hervor. Jedes fünfte Kleidungsstück werde kaum bis nicht getragen. Das summiere sich auf rund eine Milliarde Kleidungsstücke, die ungenutzt in deutschen Kleiderschränken liegen, so das Ergebnis der Umfrage.

          Die Zahlen eines Reports der Ellen MacArthur Foundation aus dem Jahr 2017 sprechen eine noch deutlichere Sprache. Durch wenig bis nicht getragene Kleidung entstünde jährlich ein Verlust von knapp 500 Milliarden Dollar. Das schließt auch nicht verkaufte Neuware ein. Der dringende Appell an die Branche lautet daher wie folgt: Die Modeindustrie muss handeln. Andernfalls läuft sie Gefahr, bis 2050 etwa ein Viertel des weltweiten CO2 Verbrauchs zu verantworten, so der Report der Ellen MacArthur Foundation weiter.

          Leihen statt Kaufen

          Doch welche Alternativen gibt es? Ein Ansatz, der zunehmend attraktiver scheint, ist das Konzept „Mode zu mieten, statt zu kaufen“. Der Ansatz ist nicht neu. Kostümverleihe operieren seit Jahrzehnten nach diesem Prinzip. Auch Kleidung für besondere Anlässe lässt sich problemlos leihen. Und jede Familie kennt wohl das Prinzip der Weitergabe von Kinderkleidung. Aber funktioniert das alles auch mit Alltagskleidung? Beispiele, wie das der amerikanischen Plattformen Rent the Runway und My Wardrobe HG, sowie das britische Modell Girl Meets Dress zeigen, dass es geht. Der Verleih-Sektor macht längst Millionenumsätze. Für das Jahr 2023 wird der Branchenwert auf knapp 1,7 Milliarden Euro geschätzt. Das reizt auch Designer. Als erste Mietplattform launchte „Rent the Runway“ 2019 sogar drei exklusive Designer-Capsule-Kollektionen von Derek Lam, Jason Wu und Prabal Gurung.

          Es geht um die Etablierung einer Kreislaufwirtschaft

          Auch in Deutschland etablieren sich mehr und mehr Anbieter für Mietmode. Zwei noch junge Namen im Business sind Linda Ahrens und Tina Spießmacher. Ihr Mietservice Unown ging 2019 an den Start. Erklärte Mission der beiden Berlinerinnen ist es, Kleidung eine längere Lebensdauer zu bescheren. Das Prinzip funktioniert auf zweierlei Weise. Kundinnen erstellen entweder einen individuellen Leasing-Plan und zahlen entsprechend der gewählten Items, wobei die Stücke preislich bei zwölf Euro starten. Oder sie entscheiden sich für das sogenannte Fashion-Abo und wählen für eine monatliche Rate von 64 Euro je drei Teile oder mehr. Nach Erhalt der Pakete hat die Kundin drei Tage Zeit, die Stücke anzuprobieren und gegebenenfalls umzutauschen. Die Mietdauer beträgt jeweils zwischen einem und drei Monaten. Eine Versicherung sowie die professionelle Reinigung zwischen zwei Verleihungen ist inbegriffen.

          Unown baut auf dem Prinzip Kreislaufwirtschaft auf. Die Stücke im Sortiment werden nicht erworben, sondern direkt von den Marken geliehen und im Anschluss wieder an sie übergeben. Die Kooperationspartner recyceln das Material anschließend und nutzen es für neue Kollektionen. „Mit Unown schließen wir den Kreis: Vom Finden der richtigen Produkte über eine möglichst lange Lebensdauer durch unser Leasing-Prinzip bis hin zur Wiederaufbereitung durch die richtigen Recycling-Partner,” umreißt Linda Ahrens das Konzept.

          Dieses Umdenken ist dringend notwendig. Derzeit werde weltweit nur ein Prozent aller Alttextilien zu neuen Textilien wiederaufbereitet (Ellen McArthur Foundation, New Textile Economy, Stand 2017). Ökologisch eine Katastrophe. Durch den Verleih können laut Unown zudem bis zu 24 Prozent CO2-Emissionen eingespart werden, wenn die Nutzungsdauer eines Teils sich von einem auf zwei Jahre verlängere. Zusätzlich werden durch die Nutzung von recycelten Materialien Ressourcen eingespart, die es für die Produktion neuer Ware braucht. Zum Vergleich: Die Herstellung eines einzelnen Baumwollshirts schluckt etwa 2.700 Liter Wasser. Tina Spießmacher ist von ihrem Konzept überzeugt. Doch sie weiß auch, vor Unown liegt ein langer Weg. Und der sieht Kundinnen und Marken gleichermaßen in der Verantwortung.

          Der Weg ist das Ziel

          Wie schwer das in der Realität sein kann, haben Thekla Wilkening und ihre ehemalige Geschäftspartnerin Pola Fendel am eigenen Leib erfahren. 2012 gründeten sie, mehr aus der Idee heraus, die Mode-Miet-Plattform Kleiderei. Die Nachfrage war groß. So groß, dass die Logistik bald nicht mehr zu bewältigen war. „Wir hatten eine sehr gute Idee, von der wir das Gefühl hatten, dass sie den Zeitgeist trifft. Das tat sie auch. Was es allerdings nicht gab: Benchmarks, Business Guides, Experten. Wir waren komplett auf uns alleine gestellt. Und so kam es zum erlösenden, aber unfassbar traurigen Ende in 2018“, fasst Thekla Wilkening rückblickend zusammen.

          Aus den Fehlern und der Insolvenz hat sie gelernt. Weiterhin überzeugt von der Relevanz ihrer Idee, wagte sie 2019 einen zweiten Versuch. Mit Erfolg. Die Plattform Stay Awhile gehört in Deutschland mittlerweile zu den führenden Anbietern für Mietmode. Bei der Logistik setzt Thekla Wilkening auf einen starken, erfahrenen Partner. Die Relenda GmbH, bei der Wilkening nach dem Aus der Kleiderei zunächst in die Einkaufsleitung wechselte, baute bereits Tchibo Share, Tchibos Verleihservice von Kinderkleidung, erfolgreich auf. Dank der Zusammenarbeit sind die Prozesse nun schlanker und effizienter.

          Auch „Stay Awhile“ bietet Kundinnen zwei Leihoptionen an. Für monatlich 59 Euro wählen sie entweder vier Teile aus oder sie bestellen eine kuratierte Box. Das soll vor allem Frauen ansprechen, die sich im Alltag keine Zeit zum Shoppen nehmen wollen oder können, trotzdem aber modisch interessiert sind. Vorab wird dann ein Fragebogen ausgefüllt, der den persönlichen Geschmack evaluieren soll.

          „Stay Awhile“ bietet ausschließlich nachhaltige, vegane Labels an. „Wir stellen Mode vor, die zu unseren Kundinnen, die alle Macherinnen sind, die Visionen haben, Zeitgeist spüren, passt“, umreißt Wilkening das Konzept und ergänzt: „Um das Sortiment abzurunden haben wir auch PreLoved Teile, also Stücke, die ihre Trägerinnen uns überlassen haben. Teilweise auch von, wie wir sie nennen, nachhaltigen Vorbildern, also Bloggerinnen, Schauspielerinnen und so weiter.“

          Individuelle Einzelstücke

          Einen etwas anderen Ansatz wählte Robina von Stein für ihr Unternehmen Re-nt, das ebenfalls Anfang 2019 online ging. Vermietet werden Einzelstücke. Die Auswahl bietet Retailer, wie Edited the Label und adidas, aber auch Luxusmarken wie Acne Studios, Theory und William Fan sowie Trendlabels wie Stand Studio oder Realisation Par. Die Entscheidung gegen ein rein nachhaltiges Markenportfolio ist ein Risiko, das durchaus für Kritik sorgt. Für Robina von Stein aber stand von Anfang an fest: Nur so kann sie eine breite Zielgruppe erreichen und mehr Menschen – und auch Marken – für das Konzept „Rental Fashion“ begeistern.

          Allerdings legt „Re-nt“ Wert darauf, dass Kooperationspartner mindestens ein gesteigertes Interesse und Verständnis für Nachhaltigkeit zeigen. „Uns geht es um einen tatsächlichen, langfristigen Impact“, betont von Stein. „Deshalb arbeiten wir eng mit den Marken zusammen und teilen unsere Erfahrungen und Ergebnisse mit ihnen. Das macht das Geschäftsmodell zwar komplexer, weil wir die Marken als eine Art erweiterter Kunde behandeln. Aber nur so können wir es schaffen, dass ein Umdenken auf beiden Seiten, bei Konsumenten und Marken, stattfindet.“

          Konkret heißt das, „Re-nt“ berichtet an die Marken, wie deren Produkte ankommen. Wie gefällt das Material, überzeugt es qualitativ, wie langlebig ist es? Diese Faktoren fließen zusammen mit den Auswirkungen auf die Klimabilanz und die Möglichkeiten von wirtschaftlichem Gewinn ein. Bei einem der bei „Re-nt“ geführten Labels läge das ermittelte Umsatzplus sogar bei rund 40 Prozent. Um solche Angaben machen zu können, erhält jedes Produkt einen elektronischen Tag, anhand dessen die Verwertungskette aufgezeichnet wird. Wie oft wird ein Teil verliehen, welche Strecke legt es zurück? Auch Informationen zu Material und Produktion fließen ein. Die anhand der gesammelten Daten ermittelten Standardwerte ermöglichen den Vergleich.

          Abfall minimieren – auf allen Ebenen

          Und auch bei der eigenen Handelskette setzen von Stein und ihr Team auf Transparenz. Informationen zu Lieferung, Aufbereitung der Kleiderstücke und Kooperationspartnern sind einsehbar. Denn gerade hier beim Versand setzt meist die Kritik an. Anbieter wie Repack, mit denen „Re-nt“ ebenso arbeitet, wie das dänische Label Ganni, bieten erste Lösungen. Auch lokale Annahme- und Verleihstellen wären eine umweltfreundliche Alternative. „Re-nt“ lädt Kundinnen schon jetzt ein, Bestellungen jederzeit im Büro in Berlin Charlottenburg abzuholen.

          Viele Marken setzen das Thema Mietmode inzwischen sogar auf die eigene Agenda. Scotch and Soda will ab Herbst ein entsprechendes Modell anbieten. Urban Outfitters plant, seinen Mietservice Nuuly in Amerika im Sommer zu launchen und H&M sieht Mietmode als mögliches Modell in seinem Nachhaltigkeitskonzept. Robina von Stein ist überzeugt, durch die Überführung sogenannter Overstock-Ware in laufende Leasing-Programme ließe sich heute schon ein deutlicher Effekt erzielen – ökologisch wie wirtschaftlich. Das zahle, laut Thekla Wilkening, auch auf die Bekanntheit einer Marke ein, weil leichter neue Zeilgruppen erschlossen werden können.

          In Anbetracht der aktuellen Weltlage bleibt abzuwarten, wo die Entwicklung hingeht. Im Sinne der Umwelt ist ein generelles Umdenken in der Modeindustrie mehr als wünschenswert.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der Start am Weltraumbahnhof in Florida

          Cape Canaveral : Erste bemannte SpaceX-Rakete erfolgreich gestartet

          Es ist der erste bemannte Weltraumflug Amerikas seit neun Jahren – die Privatfirma SpaceX hat ihre Crew-Dragon-Kapsel ins All geschickt. Der erfolgreiche Start der zweistufigen Rakete bedeutet eine grundsätzliche Abkehr von der Art und Weise, mit der Astronauten bisher in den Orbit befördert werden.
          Nicht nur am Mainufer, sondern auch an der Frankfurter Börse herrscht frühlingshafter Optimismus.

          Steigende Kurse trotz Krise : Das Börsenvirus

          Die Wirtschaft liegt noch am Boden, doch die Kurse an der Börse steigen und steigen. Kann die Wette auf die bessere Zukunft aufgehen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.