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Mules liegen im Trend : Pantoffelhelden von heute

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Die Ferse bleibt frei, der Riemen vorne gibt Halt, zumindest ein bisschen: Bloggerin Lisa Hahnbueck in Gucci-Mules. Bild: Getty

Der Gucci-Slipper mit offener Ferse ist weder besonders schön noch sonderlich praktisch. Doch genau diese Defizite machen ihn so begehrt.

          Gäbe es einen Oscar für die Kategorie erfolgreichster Aufsteiger-Schuh, wäre der Gucci-Pantoffel mit der Metallspange – auch Mule genannt – in diesem Jahr nominiert. Der Slipper mit offener Ferse wird in Modekreisen zurzeit als der Schuh überhaupt gehandelt. Kein Tag vergeht, an dem Prominente wie Gigi Hadid, Kendall Jenner, Sienna Miller oder Katie Holmes nicht einen Look mit den angesagten Schlupfschlappen auf ihren Social-Media-Konten posten.

          Längst haben Filialisten wie Zara, Mango, Massimo Dutti und auch der Schuh-Riese Deichmann den Trend erkannt und preiswerte Kopien im Angebot. Wer also nicht bereit ist, 550 Euro für das Original auszugeben, kann diesen Trend trotzdem mitmachen: Es gibt bereits Alternativen aller Art ab 39 Euro – von der Leder-Version mit Metallspange bis zum bunten Satin mit Vogelmuster. Und auch Marken wie Bally und Tod’s haben Mules in ihren Kollektionen wieder aufgelegt.

          Bekanntes im anderen Kontext

          Ausgelöst hat Alessandro Michele diesen Trend, seit 2015 Kreativdirektor des Luxuslabels Gucci. Mit seinen Entwürfen, die wie wahllos aus unterschiedlichen Epochen von den siebziger Jahren bis zurück zum Barock zusammengewürfelt aussehen, hat er die Florentiner Marke zu neuem Höhenflug geführt. Weil nichts von seinen Entwürfen zusammenpasst, lässt sich alles mit allem kombinieren. Darin liegt auch der Erfolg des Slippers, der bei weniger modeaffinen Kunden eher Assoziationen mit Großvaters Pantoffeln denn die Einordnung als must-have auslöst.

          Nach dem Stilprinzip, Bekanntes in einen völlig unerwarteten Kontext zu setzen, gibt es den Schuh zum Reinschlüpfen nicht nur in klassischem Schwarz, sondern auch in anderen Farben und buntem Brokat – für besonders Dekorationsverliebte noch mit Perlenverzierungen und Rosenmalereien obendrauf. Es ist die Fortsetzung eines Slippers von vergangenem Herbst namens „Princetown“ in der scheinbar unvereinbaren Kombination aus sommerlichem Schuh und winterlichem Fell. Seine Liebhaber trugen ihn mit dicken Socken, um sich vor Schnee und Eis zu schützen. Der Schuh, der bei jedem Menschen mit halbwegs klarem Verstand nur verständnisloses Kopfschütteln auslöst, war innerhalb weniger Wochen ausverkauft.

          Marilyn Monroe machte es vor

          Damit macht ein Schuh Mode, der streng genommen alles andere als ästhetisch ist. Die Ferse bleibt bei diesen Schuhen stets frei. Um dennoch ausreichend Halt zu bieten, haben Mules einen breiten Riemen, der über dem Spann verläuft. Allerdings haben die Bänder dank der offenen Ferse ungefähr so viel Halt wie ein Wanderer, der im Hochgebirge mit Turnschuhen unterwegs ist.

          Die Idee ist, wie ungefähr jede in der Mode von heute, nicht neu: In den fünfziger Jahren sorgte ein Mule-Modell namens „Spring-o-lator“ schon einmal für Furore, als Stilikone Marilyn Monroe es trug. Es handelte sich dabei um einen Schuh mit elastischer Brandsohle. Diese dehnbare Sohle befand sich zwischen Ballen und Absatz und hatte ursprünglich eine orthopädische Funktion.

          Modischer Fachausdruck stammt aus dem Französischen

          Der Begriff „Mule“ leitet sich nicht, wie man zunächst vermuten könnte, vom englischen Wort für „Maultier“ ab, sondern stammt aus dem Französischen und ist ein anderes Wort für „Pantoffeln“. Tatsächlich wird vermutet, dass der heutige Name der Schuhform auf den antiken römischen Begriff „mulleus calceus“ zurückgeht. Im Lateinischen wurden die Schuhe der drei höchsten Beamten der Magistratur so bezeichnet. Ob dieses historische Vorbild eine Ähnlichkeit mit den heutigen Trendschuhen aufweist, ist schwer zu sagen. Fest steht nur, dass das lateinische Wort ins Französische übernommen und zum modischen Fachausdruck wurde.

          Setzte in den den fünfziger Jahren mit dem Mule-Modell „Spring-o-lator“ bereits einen Trend: Marilyn Monroe.

          Eine erste Form der Mules wurde bereits im Mittelalter etabliert. Es handelte sich dabei um hölzerne Überschuhe, die „Patten“ genannt wurden. Diese Art von Schuhen wurde sowohl von Männern als auch von Frauen getragen. Manche der Patten verfügten über absurd hohe Plateausohlen oder liefen an der Vorderseite in einem überdimensionalen, spitzen Schnabel zu.

          Von flachen Modellen bis Stiletto

          Auch auf Gemälden des 18. Jahrhunderts wurden Hofdamen gesichtet, die filigran verzierte, spitz zulaufende Modelle trugen. Vermutlich waren diese Modelle damals sogar eine Erleichterung. Im Vergleich zu den schweren, einengenden Roben und kratzenden Perücken dürfte es sich dabei um richtig komfortable Schuhe gehandelt haben.

          In jüngerer Vergangenheit wurde es dann ruhig um den Schuh ohne Halt an der Ferse. Erst Alessandro Michele holte ihn für Gucci wieder aus der Mottenkiste der Mode und machte ihn populär, indem er ihm verschiedene Absatzhöhen verpasste. Das Angebot reicht von bequem und flach bis hin zu Modellen mit Block- oder Keilabsatz oder verführerischem Stiletto-Heel. Die große Modellvielfalt führt zu sehr unterschiedlichen Einsatzmöglichkeiten. Zu Röcken wirken sie lässig, mit Jeans werden sie zum Hingucker, sofern das Modell über den Knöcheln endet. Wichtig bei jedem Look ist nämlich, dass die Mules in ihrer ganzen Schönheit zu sehen sind. Warum sollte man auch schlimmstenfalls einen Bänderriss riskieren, wenn das entscheidende Detail noch nicht mal zu sehen ist?

          Stilbrüche gehören dazu

          Dass dieser eigentlich unpopuläre Schuh gerade jetzt sein Comeback feiert, hat vermutlich mit der Tatsache zu tun, dass das Unperfekte neue Maßstäbe setzt. Die Zeiten sind längst vorbei, da es zum guten Ton gehört, sich von Kopf bis Fuß in einem Stil zu kleiden. Wer heute im Komplett-Look eines Designers erscheint oder sein Outfit farblich abstimmt, hat den neuen Dresscode nicht verstanden. Stattdessen trägt man jetzt romantische Rüschenblusen zur Jeans, feminine Kleider mit Turnschuhen, lässige Baumwollshirts zum Seidenrock, Punktemuster zu Streifen. Eklektizismus ist der Kode unserer Zeit und bloß nicht zu gestylt aufzutreten die neue Devise. Stilbrüche gehören heute dazu wie Schlagsahne zum Erdbeerkuchen, und in dieser Hinsicht haben die Pantoffeln eine Schlüsselposition.

          Wer jetzt für das nächste Date sein Outfit plant, sollte allerdings über eine alternative Schuhwahl nachdenken. Die meisten Männer finden Mules nämlich ungefähr so attraktiv wie Birkenstock-Sandalen.

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