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Montblanc-Manufaktur : Ganz schön konisch

Aller Arbeit Ende: Zum Schluss wird die Feder noch per Hand eingeschrieben. Bild: Henning Bode

Bei der Fertigung von Schreibfedern geht es um Hundertstel Millimeter. In der Montblanc-Manufaktur in Hamburg muss man schon genau hinschauen.

          5 Min.

          Beginnen wir mit Birgit Kucharczik, denn sie macht die feinsten Schnitte im Haus. Sie sitzt mitten in der Werkstatt, vor ihr wird geschliffen, hinter ihr poliert, ganz hinten werden die ersten Schriftproben gemacht. Links hat sie die Rohlinge liegen, rechts die fertigen Federn. Sie wirft ihre Maschine an, ein kreisrundes Sägeblatt, hart wie ein Bergkristall, mit der Schärfe eines Skalpells. Die Rotation muss stimmen, sonst wackelt das Blatt, und der Schnitt wird schief. Birgit Kucharczik greift sich mit langer Pinzette eine halbfertige Goldfeder, dreht und wendet sie, bis das Schreibkorn über der Schneide steht, und senkt sie langsam ab. Ein helles Surren, ein kurzes Schwirren, geschafft. Das Schreibkorn ist halbiert, die Feder ist bis zum Herzpunkt geteilt. Kucharczik steckt das fertige Blättchen in das rote Steckbett und angelt sich die nächste Feder zur Spaltung.

          Stephan Finsterbusch

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Manufaktur von Montblanc steht mitten in Hamburg, zwischen Volkspark und Hagenbeck; ein großer Hof, drei Fahnen im Wind, Büros und Werkstatt. Die Decken sind niedrig, die Fenster hoch, Neonlicht, Parkett, viele Tische. Die Maschinen so groß wie der Saal: Walzen, Stanzen, Pressen, Stempel, Löt-, Schneid-, Schleif- und Sägewerke. Vorn die Lupen, hinten das Mikroskop - damit kann man auch die kleinsten Teilchen erkennen.

          Technik wie beim Schiffsbau

          Am Anfang ist ein meterlanges Goldband, am Ende liegen kleine, feine Federn auf dem Tisch, hauchdünn, spitz und fein graviert. Der Chef kommt rasch zur Sache. Frank Derlien leitet die Fertigung der Federn, hier arbeiten knapp 50 Menschen. Er greift sich das Goldband, breiter als ein Daumen, aufgerollt wie ein Lasso, 18 Karat, mehr wert als ein Häuschen vor der Stadt. Derlien spult zwei Armlängen ab: „Hiermit fangen wir mal an.“ Das Band wird auf seinem Weg durch die Werkstatt durch 100 Hände und drei Dutzend Arbeitsschritte laufen. Derlien geht rüber zum Steuerpult und legt den großen Schalter um. Das Räderwerk setzt sich in Bewegung, dreht langsam seine Runden.

          Vermutlich wissen die Kunden noch gar nicht, was für Wünsche sie haben. Ihre Handschriften werden per Computer erfasst. Wie schnell schreiben sie? Wie groß sind die Buchstaben? Mit welchem Schwung geht die Feder übers Papier? Wie halten sie den Stift in der Hand, steil oder flach, fest oder locker? Wie klein ist der Schwenk-, wie groß der Neigungswinkel? Wie rotiert das Schreibkorn?

          Aller Arbeit Anfang: Das aufgerollte Goldband ist das Ausgangsmaterial für die Federn.

          Frank Derlien wird einen Nachmittag lang von Kapillaren und Tintenkanälen sprechen, von Zuführ- und Leitsystemen, von Spitz-, Breit- und Gleichzugfedern. Er fädelt das Goldband in die Walze ein. Ein schrankwandgroßer Aufbau aus Elektromotoren, Spulen und Zylindern gibt dem Band die erste Gestalt. Aus diesen Stücken werden die Formen der Schreibfedern gestanzt. Sie sind vorn so dick wie ein Fingernagel, hinten so dünn wie ein Blatt Papier, an beiden Seiten eingewalzte Kanten, ein konischer Verlauf. Das Goldband wird in viele kleine Glieder eingeteilt. Mit dieser Technik werden auf den Werften auch Schiffsrümpfe gemacht.

          Goldteilchen, die aufploppen wie Popcorn

          Das gestrakte Band kommt nun unter die Stanze. Eine mannshohe Maschine, schwer und solide, digitale Steuerung. Derlien lässt einen Bildschirm aufflimmern. „Die Stanze ist eigentlich ein Computer.“ Am oberen Ende zieht er den großen Einspannzapfen aus der Fassung, führt das formgewalzte Goldband in die Matrize, zieht es bis zur eingeprägten Anschlagskante, spannt den Zapfen wieder fest und lässt nun den messerscharfen Stempel auf das weiche Gold krachen. Jeder Schlag ein Treffer. Das lange Band wird Stück für Stück zerschnitten, die Feder aus dem Gold gestanzt. Ein Fünfeck in Drachenform, flach wie eine Flunder, nadelscharfe Spitze, Loch in der Mitte.

          Formsache: Die Federn werden aus dem Goldband ausgestanzt.

          „Walzen und Stanzen setzen das Gold unter Stress“, sagt Derlien. Es ist so hart und spröde wie ein Stück Glas. Die Feder muss entspannt, ihr Innerstes neu justiert, das feinkörnige Atomgitter wieder strukturiert werden, damit es sanft und geschmeidig wird, fest, aber flexibel. Dafür steckt Derlien die plattgewalzte und ausgestanzte Federform in einen gut beheizten Ofen. Die Hitze lässt die Goldteilchen nun wieder aufploppen wie Popcorn.

          Seltener als Gold und kostbarer als Platin

          Das Verfahren ist ein Werk von Generationen. Stahl-, Gold- und Federschmiede haben es in 200 Jahren in Zehntausenden Versuchen entwickelt. Eine gute Feder muss weich für den Schreibschwung sein und hart genug für eine derbe Handschrift. Sie darf nicht kratzen oder reißen, die Tinte weder festhalten noch verlieren. Zu Zeiten Goethes kamen Aachener Stahlfedern auf, zu Zeiten der Dampf maschine erst englische Silber-, dann französische Goldfedern. Amerikaner erfanden später den Tintentank. Tüftler entwickelten Umsteck-, Stoßund Druckknopf füller, Hebel-, Schlauch- und Senkkopffüller. In den zwanziger Jahren kamen Kolbenfüller, in den Dreißigern Patronenfüller auf. Waterman, Soennecken oder Pelikan wurden weltbekannte Marken. In Hamburg taten sich zur Kaiserzeit ein Ingenieur, ein Kaufmann und ein Investor zusammen, um Schreibgeräte zu perfektionieren, gründeten eine Firma namens Simplo, später Montblanc, bauten erst ein amerikanisches Lizenzmodell nach und warteten schließlich mit einer eigenen Serie auf. Sie experimentierten mit Tintentanks und Zuführsystemen, mit fest eingesetzten und drehbaren Spitzen, mit Federn mit und ohne Schlitz, mit zwei breiten oder einer dünnen Kapillare, mit abgeflachtem, angeschliffenem oder kugelrundem Schreibkorn.

          Feinarbeit: An die Spitze der Feder wird die kleine Kugel geschweißt, auf der geschrieben wird.

          Derlien spannt die flachgewalzte und ausgestanzte Rohfeder in die Presse. Ihr Vorderteil sieht aus wie ein Kinderdrachen, das Hinterteil wie eine Kuppel. Pressen wird zur Maßarbeit. Der ruhige Fluss der Tinte über das Federblatt braucht einen gleichmäßigen Druck aus dem Schaft und eine feine Spitze. Dafür ist Barbara Horka da. Sie lötet winzig kleine Kugeln an die Spitzen. Das Schreibkorn besteht aus Iridium - das Element ist seltener als Gold und kostbarer als Platin. Bei Heraeus in Hanau stellen sie in einem komplizierten Verfahren die winzigen Kügelchen her. Barbara Horkas Lötgerät hat die Größe einer Gefriertruhe.

          Fünf Schliffe für unterschiedliche Kunden

          Die Spitze der Feder muss das Kügelchen an einer seiner Seiten umfassen. Den Blick auf den Bildschirm, steuert Barbara Horka mit dem drahtdünnen Greifarm der Maschine den Tropfen auf sein Ziel. Sie setzt die Spitze unter Strom und Hitze, bringt das Iridium-Kügelchen auf das Gold, lötet es fest. Damit die Tinte richtig fließen kann, müssen Federfeld und Schreibkorn noch geteilt werden. Birgit Kucharzczik wird den Spalt haarfein und schnurgerade hinbekommen.

          Goldener Schnitt: Die Feder wird mit einem Sägeblatt gespalten.

          Das Korn ist in sich nicht ganz rund. Hält der Kunde den Stift steil oder flach, fest oder locker, braucht er viel Fläche oder wenig. „Wir schleifen in fünf Arten“, sagt Katharina Wohlgemut: „Extrabreit, breit, medium, fein, extrafein.“ Ihr Werkzeug ist ein Bolzen, ihr Instrument ein Schleifblatt. Beide drehen sich auf Hochtouren. Die Feinschleiferin nimmt ein Vergrößerungsglas und hält die Federspitze ans Blatt. Was so leicht aussieht, braucht viel Übung. Ein halbes Jahr, mindestens. Geschliffen wird nach Mustern und in Facetten.

          Zum Schluss wird die Feder eingeschrieben

          Am Ende werden der Feder die Flügel gerichtet. Derlien geht an einen der hinteren Tische. „Wir korrigieren die Stellung der beiden Federhälften noch von Hand.“ Die beiden Flügelhälften müssen sich wie Spiegelbilder zueinander verhalten, „planparallel“. Ist alles gerichtet, kommen die fertigen Federn in den Schreibraum. Eine lichte Fensterfront, lange Tische, stapelweise Schreibpapier. Hier kommen die Goldfedern erstmals mit Tinte in Berührung. Erst schwarz, dann blau, zum Schluss farblos. Dick- und dünnflüssige Tinte, aufgeschlämmte und dispergierte, Pigmentier- und Farbstofftinte, dokumentenfähig, licht- und wasserfest. Geschrieben wird eine „8“, nur die „8“, ohne Unterlass. Die Ziffer stehe für ein langes Leben und die Unendlichkeit, sagt Derlien und lacht. Man beanspruche beim Schreiben die gesamte Unterseite des Iridium-Korns der Federspitze, man höre, wenn es kratzt oder schleift beim Schreiben.

          Später, vorn am Eingang der Manufaktur, wird Derlien den Schubschrank mit den großen Fächern aufziehen. Dort sind alle vereint: in Gold, spitz und fein, graviert und poliert. Eine Lupe bringt auf den Federn Ansichten oder Symbole von Kafka, Goethe, Schiller, Dante, Shakespeare zum Vorschein, winzig klein auf Hunderten goldenen Federrücken, sozusagen die Spitze der Spitzen.

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