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Monobloc : Der meistgehasste Stuhl der Welt

  • -Aktualisiert am

Muammar al-Gaddafi 2010: Der Monobloc ist für alle da. Bild: Picture-Alliance

Der Monobloc ist für viele der hässlichste Stuhl der Welt. Was kaum jemand weiß: Hinter dem Entwurf steckt ein bekannter Designer.

          5 Min.

          Dass es eine Welt vor diesem Stuhl gab: Für junge Menschen kaum vorstellbar. (Für mittelalte übrigens auch.) Keiner weiß, woher er kam, keiner weiß, wohin er geht – der stinknormale Plastikstuhl, in Fachkreisen Monobloc genannt, ist einfach da. Er ist nicht besonders hübsch, aber er ist ein ehrliches, ein demokratisches Möbel. Der Monobloc ist für alle da. Er steht bei Angela Merkels Lieblingsitaliener auf Ischia und im Foltergefängnis Abu Ghraib, auf der Gartenparty in Oer-Erkenschwick und in den Ruinen von Aleppo. Er ist unverwüstlich und effizient, doch müsste man ihn in einem Wort beschreiben, wäre es wahrscheinlich: „billig“. Er ist der meistgehasste Stuhl der Welt.

          Verwunderlich, schließlich verbindet jeder Gefühle mit dem Monobloc. Jeder kennt es, das Gefühl, wenn die schwitzende Sommerhaut am Plastik festklebt, und jeder kennt die Geräusche, die der Stuhl macht, wenn er über die Terrassenfliesen kratzt. „Viele Menschen verbinden sehr persönliche Erlebnisse mit diesem Stuhl“, sagt Heng Zhi. Die Kuratorin am Vitra Design Museum hat dem Monobloc eine eigene Ausstellung gewidmet. „Die Designgeschichte ist immer noch dominiert von ikonischen Entwürfen von Mies van der Rohe, Charles und Ray Eames, Le Corbusier. Die Menschheit hat eben ein Faible für die Stars und Helden“, sagt Zhi. „Dabei besteht unsere materielle Umgebung aus so vielen anonymen Objekten, von denen wir oft nicht einmal wissen, woher sie eigentlich kommen.“

          Klagemauer in der Altstadt von Jerusalem: „Viele Menschen verbinden sehr persönliche Erlebnisse mit diesem Stuhl.“

          Einer, der dieser Frage auf den Grund gehen wollte, ist der Unternehmer Jens Thiel. Seit er den Stuhl auf einer Kunstmesse sah und ihn dort merkwürdig deplaziert vorkam – ein Gedanke, der ihm dann wiederum merkwürdig vorkam – sah er den Monobloc plötzlich überall. „Wenn es im ‚Tatort‘ und arme Leute geht, dann dauert es nicht lang, bis ein Monobloc ins Blickfeld rückt“, sagt er. Thiel hat den Monobloc wissenschaftlich untersucht, über zehn Jahre lang, es mündete in einer Obsession. „Der Monobloc ist eine geniale Erfindung. Leicht stapelbar, beinahe unkaputtbar, wetterfest, abwaschbar. Und er kostet fast nichts – was für viele heute das wichtigste Argument überhaupt ist.“

          „Ich folgte vielen falschen Fährten“

          Es dauerte etwas, bis er den Urheber des Monoblocs fand. Zunächst dachte Thiel, er würde bei Allibert fündig – dem Kunststoffproduzenten, der den gleichnamigen Spiegelschrank fürs Bad erfunden hatte. „Ich folgte vielen falschen Fährten“, sagt Thiel – bis er irgendwann in einem Schuppen in Nurieux-Volognat landet, einem 1000-Seelen-Dorf in Frankreich, unweit von Genf. Es ist der Schuppen von Henry Massonnet. „Und der sagte: Ich war’s. Ich bin Schuld.“ Massonnet war kein Designer im herkömmlichen Sinne. Er war Ingenieur, ein Tüftler, das, was man in Frankreich einen „bricoleur“ nennt. Da, wo er wohnte, hatte sich die Plastikindustrie von Frankreich etabliert, es waren goldene Zeiten für die einst arme Region. Massonnet war, was maßgeblich für seinen Erfolg war, seinen Nachbarn immer einen Schritt voraus: Als alle Knöpfe produzieren, macht Massonnet bunte Knöpfe. Später ist er der erste in der Gegend, der größere Plastikstücke zu gießen vermag. Was heute einfach scheint, war damals eine rechnerische Meisterleistung.

          Wer will sich setzen?

          Henry Massonnet bringt erste Möbel auf den Markt, der größte Erfolg sein sanduhrförmiger „Tamtam“-Hocker. Als Brigitte Bardot in der „Paris Match“ auf einem sitzt, verkauft Massonnet 14 Millionen Stück davon. 1973 bringt Henry Massonnet den „Fauteuil 300“ auf den Markt. Der Monobloc war keine Innovation in dem Sinne. Die Beine mit stabilisierendem Winkelprofil kannte man vom Tolix-Hocker, und der erste Plastikstuhl war es auch nicht (vorher kamen Joe Colombos „Universale“, der „Panton Chair“, der Bofinger-Stuhl und der Entwurf „Selene“ des italienischen Designers Vico Magistretti). Doch der „Fauteuil 300“ ist der Urtyp des billigen Plastikstuhls. Seine Ähnlichkeit mit den heutigen Exemplaren ist unverkennbar.

          Es steht sich auch gut auf dem Stuhl: Angela Merkel 2003

          Schützenhilfe bekommt Massonnet von einem bekannten Designer: Pierre Paulin. Der hatte im Laufe seiner Karriere nicht nur viele Stühle herausgebracht, die für ihre klaren Linien und eine ungewohnt sinnliche Aufmachung gepriesen wurden. Er hatte sich auch als Raumausstatter einen Namen gemacht, und sowohl das Apartment von Georges Pompidou als auch das Büro von François Mitterrand eingerichtet. Massonnet und Paulin waren lange Freunde gewesen, und Paulin half gern bei der Entwicklung des Stuhls – solange Massonnet es tunlichst vermeide, seinen Namen zu nennen. Der Monobloc war anfangs eine kleine Investition: 300 Franc kostete ein Stuhl, also knapp 100 D-Mark. Ein Ladenhüter. Massonnet lässt sich davon nicht beirren. Immer neue Modelle bringt er über seine Firma „Stamp“ auf den Markt: Tango, Boston, Sirtaki. Mit den Jahren wird der Monobloc immer günstiger und Massonnet immer reicher.

          Möbelhersteller lieben ihn

          Als Henry Massonnet seine Firma 1988 verkauft, hat er ein Haus in St. Tropez ist Multimillionär. Der Monobloc hat längst ein Eigenleben entwickelt, hunderte Firmen stellen ihn her. Möbelhersteller lieben ihn: Mit einer Gussform lassen sich in 24 Stunden bis zu 1500 Stühle produzieren, jede Minute einer. Er wiegt in etwa so viel wie er kostet: 2,5 Kilogramm für 2,50 Euro; ein Euro das Kilo. Manche verdienen sich eine goldene Nase daran: Im ersten Jahr wird die Form abbezahlt, ab dem zweiten dann das Geld gedruckt. Doch der Wettbewerb wird härter. Das Angebot übersteigt die Nachfrage, es gibt Millionen Monoblocs, vielleicht Milliarden, wer weiß das schon so genau. Wer noch billiger sein wollte, konnte nur noch am Material sparen. Die Lehne wurde dünner oder bekam löcherne Muster. Das bringt manche zu der Aussage, dass nur ein Pappkarton labiler sei. Massonnet hatte zum richtigen Zeitpunkt verkauft: Seiner ehemaligen Firma ging es bald sehr schlecht, sie verkaufte die teuren Spritzgussformen. Bis heute werden die Originalformen irgendwo in Asien und Afrika genutzt.

          In Europa schaut man mittlerweile mit westlicher Dekadenz auf den Monobloc herab. „In Deutschland ist er außerhalb der Gartensaison kaum noch zu bekommen“, sagt Zhi erstaunt – für die Ausstellung musste sie welche im Internet kaufen. Viele Innenstädte verbannen den Stuhl, Kopenhagen, Freiburg und Heidelberg etwa, auch in Mountain View und Bratislava ist der Monobloc tabu. Er ist aber auch Indikator für die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes, hat Heng Zhi beobachtet: „Ich bin in China aufgewachsen, wo Monoblocs häufig repariert wurden“, sagt sie. „Früher standen sie in Peking noch häufig auf der Straße, mittlerweile werden es immer weniger.“

          Manche Zeitungen, sagt sie, nannten die Adelung zum Designobjekt ein „Unding“. „Aber wir wollen den Stuhl hier weder feiern noch verachten, sondern ihn aufgrund seiner gesellschaftlichen, designgeschichtlichen Bedeutung untersuchen. Der Monobloc ist ein Objekt, das die Vielschichtigkeit der Konsumgesellschaft verkörpert.“ Der Stuhl hat alle Dekaden des Designs durchgemacht: Von der Euphorie über neue Materialien über die Entdeckung von Farb- und Formenvielfalt hin zur Nachhaltigkeitsbewegung. Und obwohl Plastikstühle im Korb- und Rattan-Look auch keinen stören und Entwürfe von Philippe Starck und Jasper Morrison oft auch nicht umweltfreundlicher sind: der Sündenbock ist immer der Monobloc. Er sieht so billig aus wie er ist. Er gilt als Wegwerfware, obwohl ihn die allermeisten Leute nicht nach der ersten Benutzung auf den Müll werfen. Er ist halt ehrlich, der Stuhl.

          „Der Monobloc ist ein Basic, wie ein weißes T-Shirt“, sagt Jens Thiel. Früher hatte er noch welche an seinem Esstisch stehen, ungepolstert natürlich. Doch die Zeiten, in denen der Stuhl eine zentrale Position in Thiels Leben übernommen hat, sind vorüber. „Der aufklärerische Gestus ist weg“, sagt er. Dank Jens Thiel kennen nun alle seine Geschichte, man nimmt ihn ernst, der Monobloc ist zur Reflexionsfläche für Künstler und Designer geworden, eine Metapher. „Er hat eine Alltagsschönheit, die nicht durch die äußere Gestalt hervorgebracht wird, sondern darüber, was dahinter steckt.“ Vielleicht ist der Monobloc nicht mehr als eine geschwungene Oberfläche im Raum, „ein Protostuhl.“ Vielleicht das einzig universelle Designobjekt. Der erfolgreichste Stuhl in der Geschichte der Menschheit. Und plötzlich, wenn man seine Geschichte kennt, ist der Monobloc nicht mehr der seelenloseste Stuhl der Welt.

          Die kleine Ausstellung „Monobloc. Ein Stuhl für die Welt“ läuft noch bis zum 9. Juli 2017 im Vitra Schaudepot in Weil am Rhein.

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