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Monobloc : Der meistgehasste Stuhl der Welt

  • -Aktualisiert am
Es steht sich auch gut auf dem Stuhl: Angela Merkel 2003

Schützenhilfe bekommt Massonnet von einem bekannten Designer: Pierre Paulin. Der hatte im Laufe seiner Karriere nicht nur viele Stühle herausgebracht, die für ihre klaren Linien und eine ungewohnt sinnliche Aufmachung gepriesen wurden. Er hatte sich auch als Raumausstatter einen Namen gemacht, und sowohl das Apartment von Georges Pompidou als auch das Büro von François Mitterrand eingerichtet. Massonnet und Paulin waren lange Freunde gewesen, und Paulin half gern bei der Entwicklung des Stuhls – solange Massonnet es tunlichst vermeide, seinen Namen zu nennen. Der Monobloc war anfangs eine kleine Investition: 300 Franc kostete ein Stuhl, also knapp 100 D-Mark. Ein Ladenhüter. Massonnet lässt sich davon nicht beirren. Immer neue Modelle bringt er über seine Firma „Stamp“ auf den Markt: Tango, Boston, Sirtaki. Mit den Jahren wird der Monobloc immer günstiger und Massonnet immer reicher.

Möbelhersteller lieben ihn

Als Henry Massonnet seine Firma 1988 verkauft, hat er ein Haus in St. Tropez ist Multimillionär. Der Monobloc hat längst ein Eigenleben entwickelt, hunderte Firmen stellen ihn her. Möbelhersteller lieben ihn: Mit einer Gussform lassen sich in 24 Stunden bis zu 1500 Stühle produzieren, jede Minute einer. Er wiegt in etwa so viel wie er kostet: 2,5 Kilogramm für 2,50 Euro; ein Euro das Kilo. Manche verdienen sich eine goldene Nase daran: Im ersten Jahr wird die Form abbezahlt, ab dem zweiten dann das Geld gedruckt. Doch der Wettbewerb wird härter. Das Angebot übersteigt die Nachfrage, es gibt Millionen Monoblocs, vielleicht Milliarden, wer weiß das schon so genau. Wer noch billiger sein wollte, konnte nur noch am Material sparen. Die Lehne wurde dünner oder bekam löcherne Muster. Das bringt manche zu der Aussage, dass nur ein Pappkarton labiler sei. Massonnet hatte zum richtigen Zeitpunkt verkauft: Seiner ehemaligen Firma ging es bald sehr schlecht, sie verkaufte die teuren Spritzgussformen. Bis heute werden die Originalformen irgendwo in Asien und Afrika genutzt.

In Europa schaut man mittlerweile mit westlicher Dekadenz auf den Monobloc herab. „In Deutschland ist er außerhalb der Gartensaison kaum noch zu bekommen“, sagt Zhi erstaunt – für die Ausstellung musste sie welche im Internet kaufen. Viele Innenstädte verbannen den Stuhl, Kopenhagen, Freiburg und Heidelberg etwa, auch in Mountain View und Bratislava ist der Monobloc tabu. Er ist aber auch Indikator für die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes, hat Heng Zhi beobachtet: „Ich bin in China aufgewachsen, wo Monoblocs häufig repariert wurden“, sagt sie. „Früher standen sie in Peking noch häufig auf der Straße, mittlerweile werden es immer weniger.“

Manche Zeitungen, sagt sie, nannten die Adelung zum Designobjekt ein „Unding“. „Aber wir wollen den Stuhl hier weder feiern noch verachten, sondern ihn aufgrund seiner gesellschaftlichen, designgeschichtlichen Bedeutung untersuchen. Der Monobloc ist ein Objekt, das die Vielschichtigkeit der Konsumgesellschaft verkörpert.“ Der Stuhl hat alle Dekaden des Designs durchgemacht: Von der Euphorie über neue Materialien über die Entdeckung von Farb- und Formenvielfalt hin zur Nachhaltigkeitsbewegung. Und obwohl Plastikstühle im Korb- und Rattan-Look auch keinen stören und Entwürfe von Philippe Starck und Jasper Morrison oft auch nicht umweltfreundlicher sind: der Sündenbock ist immer der Monobloc. Er sieht so billig aus wie er ist. Er gilt als Wegwerfware, obwohl ihn die allermeisten Leute nicht nach der ersten Benutzung auf den Müll werfen. Er ist halt ehrlich, der Stuhl.

„Der Monobloc ist ein Basic, wie ein weißes T-Shirt“, sagt Jens Thiel. Früher hatte er noch welche an seinem Esstisch stehen, ungepolstert natürlich. Doch die Zeiten, in denen der Stuhl eine zentrale Position in Thiels Leben übernommen hat, sind vorüber. „Der aufklärerische Gestus ist weg“, sagt er. Dank Jens Thiel kennen nun alle seine Geschichte, man nimmt ihn ernst, der Monobloc ist zur Reflexionsfläche für Künstler und Designer geworden, eine Metapher. „Er hat eine Alltagsschönheit, die nicht durch die äußere Gestalt hervorgebracht wird, sondern darüber, was dahinter steckt.“ Vielleicht ist der Monobloc nicht mehr als eine geschwungene Oberfläche im Raum, „ein Protostuhl.“ Vielleicht das einzig universelle Designobjekt. Der erfolgreichste Stuhl in der Geschichte der Menschheit. Und plötzlich, wenn man seine Geschichte kennt, ist der Monobloc nicht mehr der seelenloseste Stuhl der Welt.

Die kleine Ausstellung „Monobloc. Ein Stuhl für die Welt“ läuft noch bis zum 9. Juli 2017 im Vitra Schaudepot in Weil am Rhein.

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