https://www.faz.net/-hrx-7nksa

Mailänder Möbelmesse : Wo Architekten leben

Shigeru Ban ist berühmt für seine Hanegi Forest-Architektur zwischen Bäumen. Kein Baum durfte für den Bau aus dem Jahr 2007 gefällt werden, der Wald wächst so an vielen Stellen durch Fußboden und Decke. Der Japaner selbst lebt mitten in Tokio sehr spartanisch, fast wie ein buddhistischer Zen-Mönch. Bild: Hiroyuki Hirai

Sie entwerfen Gebäude, die das Bild von Städten auf der ganzen Welt prägen. Jetzt zeigen große Architekten, wo und wie sie selbst leben. Zu sehen ist das auf der Mailänder Möbelmesse.

          Marcio Kogan ist ein Voyeur. Und er ist stolz darauf. Als er vor eineinhalb Jahren die Ehre hatte, sein Heimatland auf der Biennale in Venedig zu vertreten, drehte er mit Lea Van Steen einen Kurzfilm mit dem entlarvenden Titel „Peep“. Zu sehen ist eines seiner Projekte, ein Privathaus mit Namen V4 in São Paulo, das architektonisch nach allen Seiten geöffnet ist. Doch nicht die Architektur steht im Mittelpunkt des filmischen Beitrags für den brasilianischen Pavillon auf der Biennale, sondern das Leben in dem Haus, das nach allen Seiten offen zu sein scheint. Zu sehen ist gleich zu Beginn das Dienstmädchen, das in der Küche das Frühstück zubereitet, während die Herrschaft im Schlafzimmer noch routiniert den morgendlichen Geschlechtsakt vollzieht. Humor, sagt der 1952 in São Paulo geborene Kogan, gebe es ja leider kaum in der Architektur.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Der Blick in Kogans eigenes Apartment indes ist nicht so einfach. Er wohnt im zwölften Stock. Der Weg hinauf lohnt sich, die Zimmer sind voll gestopft mit interessanten Stücken, die viel über den Hausherrn verraten: Kogan sammelt, Bilder, Skulpturen, Bücher. Da hängt ein Gekreuzigter an der Wand, links daneben ein Batman, rechts Micky Maus. Disney-Figuren liebt Kogan augenscheinlich, so steht gleich eine ganze Batterie Cinderellas in Reih und Glied. Vor der Fensterfront, die ihm zumindest einen herrlichen Blick über die Stadt bietet, ein Flügel und der berühmte „Lounge Chair“ von Charles & Ray Eames aus dem Jahr 1956.

          Wo leben Architekten? Diese Frage wird zumindest in acht Fällen anlässlich der Mailänder Möbelmesse beantwortet. Die Filmproduzentin Francesca Molteni hat einige der bekanntesten Architekten der Welt besucht, um ihre Homestorys auf dem diesjährigen „Salone del Mobile“ zu verraten – mit Bildern, Videos und Installationen. An dem aufwendigen Projekt haben sich der Japaner Shigeru Ban, der Engländer David Chipperfield, der in Polen geborene Amerikaner Daniel Libeskind, die im Irak geborene Britin Zaha Hadid, der Inder Bijoy Jain (Studio Mumbai) sowie die Italiener Mario Bellini und Massimiliano Fuksas mit seiner Frau Doriana.

          Chipperfield, Jahrgang 1953, lud Molteni nach Berlin ein, wo er seit 1997 wohnt. In jenem Jahr bekam er den Auftrag, das Neue Museum auf der Museumsinsel wieder aufzubauen, seither lebt und arbeitet er nur wenig entfernt in Berlin-Mitte – in einem Haus ganz aus Beton. Grau in Grau präsentiert sich Chipperfields Wohnung, nur wenige Farbtupfer – zum Beispiel ein großes grünes Sofa und ein orangefarbenes Bücherregal – durchbrechen die sonst eintönige Tristesse.

          Anders das Ehepaar Fuksas, das in sein Haus am Place des Vosges in Paris einlud. Unter der massiven Holzdecke finden sich Original-Möbel von Jean Prouvé und eine Vielzahl wertvoller Werke von zeitgenössischen Künstlern wie etwa dem Italiener Mimmo Paladino. Daniel Libeskind wiederum hat es nach unsteten Jahren zwischen Lodz, Tel Aviv und Berlin, nach New York verschlagen, wo er 2003 mit dem Wiederaufbau des World-Trade-Center-Geländes beauftragt wurde. Dort, so berichtet Molteni, habe er sich denn auch in Tribeca unweit von Ground Zero niedergelassen. „Sein Haus ist eine Zuflucht“, sagt die Kuratorin der Ausstellung „Where Architects Live“. Dort fühlt er sich bis heute wohl, auch wenn er vom Fenster aus den Freedom Tower stets vor Augen hat, der am Ende ohne ihn gebaut wurde, weil man ihm die Planung 2005 schon wieder entzog.

          Weitere Themen

          Das Gesicht einer neuen Zeit

          Twiggy wird 70 : Das Gesicht einer neuen Zeit

          Mit ihrer zierlichen Statur, den auffällig geschminkten großen Augen und ihren Miniröcken prägte Ur-Model Twiggy ein Schönheitsideal – bis heute. Nun feiert die Stil-Ikone ihren 70. Geburtstag.

          Taschen aus den zehner Jahren

          Schlicht ein Stück Status : Taschen aus den zehner Jahren

          Die It-Bag der nuller Jahre hatte in den zehner Jahren auf einmal ausgedient. Für das modebewusste Publikum begann die Suche nach einzigartigen Stücken, die vor allem eines gemeinsam hatten: schnörkellose Schlichtheit.

          Topmeldungen

          Klimastreik in Berlin : Rackete for Future

          Beim großen Klimastreik in Berlin überlassen die Aktivisten von „Fridays for Future“ anderen die Bühne. Es sollte der Auftakt sein für ein breites gesellschaftliches Bündnis. Doch noch prallen Welten aufeinander.
          Ihnen reicht der Kompromiss nicht: Wie in Berlin demonstrierten Hunderttausende

          Kompromiss und Proteste : Was in der langen Nacht geschah

          Erst war das Klimaschutzgesetz fast am Ende, dann kam der Protest – und dann stritt das Kabinett eine Nacht lang. Jetzt sonnt sich die Politik im Glanz der Einigung. Währenddessen dröhnt der Protest Hunderttausender.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.