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EINS PLUS ZWEI

Text von PETER-PHILIPP SCHMITT
Fotos von DANIEL PILAR

21. Mai 2021 · Hansjörg Helweg hat die Marke Freifrau erst vor zehn Jahren gegründet. Mit 57 zieht er sich nun schon zurück und übergibt sie an seine Söhne: die Zwillinge Marc und Niklas Helweg.

Für „Peace & lange Haare“ fehlt ihnen schon jetzt die Zeit. Dabei war das Projekt der Zwillinge Marc und Niklas Helweg ziemlich erfolgreich. Ihre Idee: mit viel Liebe fürs Detail Skateboards aus kanadischem Ahornholz zu bauen, mit wenig Schnickschnack und in der eigenen Garage. Mit acht Jahren hatten die beiden zunächst mit dem Snowboarden angefangen, später kamen sie zum Skateboarden, auch weil es in ihrer Heimat Lemgo einfach mehr Asphalt als Schnee gibt, wie Marc Helweg lachend sagt. Weil sie nicht die Boards fanden, die ihnen gefielen, fingen sie mit ihren eigenen Brettern an. Dafür gaben sie sogar ihr Studium auf, weil es irgendwann so gut lief mit „Peace & lange Haare“. Den Namen ihrer kleinen Manufaktur fanden sie witzig und passend, geprägt hatte ihn ein Freund der Helweg-Brüder: „Peace und lange Haare“ war seine Abschiedsfloskel.

Hansjörg Helweg – der Gründer der Möbelmanufaktur Freifrau übergibt die Leitung seines Unternehmens an seine beiden Söhne Niklas (links) und Marc.
Hansjörg Helweg – der Gründer der Möbelmanufaktur Freifrau übergibt die Leitung seines Unternehmens an seine beiden Söhne Niklas (links) und Marc.

Marc, der ein paar Minuten älter ist als sein Bruder, und Niklas haben tatsächlich lange Haare. Immer noch, auch wenn sie sich gerade neu erfinden müssen. Nicht komplett, aber doch ein bisschen. Da passt es, dass sie die Haare unter Baseballkappen tragen. Damit man die eineiigen Zwillinge auseinanderhalten kann, trägt Marc Helweg die Kappe verkehrt herum, den Schirm nach hinten. „Wenn sie uns ärgern wollen“, sagt Vater Hansjörg Helweg, „tragen die ihre Käppis beide nach vorne.“ Heute ärgern die Söhne niemanden. Denn es geht um das Lebenswerk des Vaters. Hansjörg Helweg, Gründer der Marke Freifrau, zieht sich aus dem operativen Geschäft zurück – mit gerade einmal 57 Jahren.

Den Sessel Marla hat das Hamburger Designer-Duo Hoffmann Kahleyss Design für Freifrau entworfen.
Den Sessel Marla hat das Hamburger Designer-Duo Hoffmann Kahleyss Design für Freifrau entworfen.

Mehr als 30 Jahre war er in der Möbelbranche tätig. Der gebürtige Detmolder hat lange für Karl-Friedrich-Förster-Design (KFF) gearbeitet, zuletzt als Geschäftsführer. „Mit Ende 40 habe ich mich dann gefragt, ob das schon alles war, und beschlossen, mich selbständig zu machen“, erzählt Hansjörg Helweg. Der gelernte Tischler, der auch ein paar Semester Architektur studiert hat, gründete seine eigene Marke. Mit Freifrau wollte er vieles anders machen. „Ich wollte es weiblicher, lässiger, bequemer.“ Darum der Name, und darum auch tragen alle seine Möbel weibliche Vornamen – von Amelie und Celine über Grace, Leya und Ona bis zu Romy und Rubie.

Der Bürosessel Leya, der ebenfalls von Birgit Hoffmann und Christoph Kahleyss stammt, hat eine straff gepolsterte Schale.
Der Bürosessel Leya, der ebenfalls von Birgit Hoffmann und Christoph Kahleyss stammt, hat eine straff gepolsterte Schale.

FIRMENSITZ IN LEMGO

Jetzt will Hansjörg Helweg aber nicht mehr jeden Tag in die Firma kommen, die wie KFF ihren Sitz im ostwestfälischen Lemgo hat. Künftig will er die Hälfte des Jahres mit seiner Frau auf Mallorca leben und Immobilien entwickeln. Nur auf die Zahlen werde er weiter schauen, sagt Hansjörg Helweg und lacht. „Ich liebe Zahlen.“ Der Umsatz interessiere ihn schon.

Und der kann sich trotz Corona-Pandemie sehen lassen. Die Marke Freifrau hatte 2020, wie so viele andere Möbelproduzenten, das erfolgreichste Jahr in der noch jungen Unternehmensgeschichte. Seit der Gründung 2012, als Freifrau 600.000 Euro umsetzte, ging es kontinuierlich nach oben, im vergangenen Jahr noch einmal kräftig. „Wir haben mehr als 18 Millionen Euro Umsatz gemacht“, berichtet Hansjörg Helweg. Im März und April hätten sie zunächst zwar etwas Angst gehabt. „Wir wussten ja nicht, wo die Reise mit Corona hingeht.“ Aber dann zeigte sich, dass viele Deutsche im weitgehend urlaubsreisefreien Jahr ihr gespartes Geld in ihr Zuhause steckten.

Freifrau arbeitet eng mit traditionellen Handwerksbetrieben in der Region zusammen – wie der Polsterei Junker.
Freifrau arbeitet eng mit traditionellen Handwerksbetrieben in der Region zusammen – wie der Polsterei Junker.

„Und das Jahr 2021 fängt genauso gut an“, sagt Hansjörg Helweg. Schwierig sei es nur mit der Lieferung von Rohwaren. Es gebe unter anderem eine Verknappung bei Schaumstoff und Leder. Nur wenige Unternehmen in Deutschland stellten überhaupt Schaumstoffe her, und weil die Autoindustrie als größter Abnehmer die Produktion gedrosselt habe, machten auch die Schaumstoffhersteller ihre Werke zu. „Weil die Restaurants geschlossen sind“, sagt Hansjörg Helweg, „wird zudem viel weniger geschlachtet. Also gibt's auch weniger Leder.“

Freifrau lässt hauptsächlich in der Gegend von Lemgo produzieren. Der Polsterer zum Beispiel, der zehn Kilometer entfernt sitzt, arbeitet im Lohnbetrieb besonders eng mit ihnen zusammen. Hinzu kommen kleine Schlossereien und Tischlereien, die den Gestellbau machen. Endmontage, Kontrolle und Versand finden bei Freifrau statt. "Wir haben gerade erst neu angebaut", erzählt Helweg. Auch die Art-Direktorin Birgit Hoffmann, die eine Hälfte des Hamburger Duos Hoffmann Kahleyss Design (die andere Hälfte ist Christoph Kahleyss), wird bleiben – sie ist von Anfang an bei Freifrau.


„Weil die Restaurants geschlossen sind, wird zudem viel weniger geschlachtet. Also gibt's auch weniger Leder.“
HANSJÖRG HELWEG

In der Polsterei Junker im etwa zehn Kilometer entfernten Bad Salzuflen werden Stoffe und Leder zugeschnitten.
In der Polsterei Junker im etwa zehn Kilometer entfernten Bad Salzuflen werden Stoffe und Leder zugeschnitten.

So wie Niklas Helweg. Er hat zwar, wie sein Bruder, nach dem Abitur Betriebswirtschaft studiert, bevor sie während einer gemeinsamen Australien-Reise auf die Idee kamen, ihre Skateboard-Manufaktur zu gründen. Niklas Helweg machte aber auch eine Ausbildung zum Groß-und Einzelhandelskaufmann im Unternehmen des Vaters. Marc Helweg hingegen begann, in Detmold Innenarchitektur zu studieren. „Mir war wichtig, von Anfang an bei Freifrau dabei zu sein, um in alle Bereiche hineinschauen zu können“, sagt Niklas Helweg. Er liebäugelte durchaus mit dem Plan, das Unternehmen des Vaters einmal zu übernehmen. Nach der Ausbildung ging er dann aber doch erst noch einmal eigene Wege mit seinem Bruder, auch weil die Zeit für die beiden noch nicht gekommen war.

Zu fast jeder Stuhlkollektion bietet Freifrau verschiedene Untergestelle an.
Zu fast jeder Stuhlkollektion bietet Freifrau verschiedene Untergestelle an.

Das habe sich vor gut zwei Jahren schleichend geändert, sagt Niklas Helweg. Seither arbeiten die inzwischen 31 Jahre alten Söhne mit dem Vater zusammen – und das zunehmend enger. Sie haben auch schon eigene Ideen eingebracht. Zum Beispiel fädelten sie eine ungewöhnliche Kooperation mit dem Tattoo-Künstler Christian Trzaska ein. Der Lemgoer kannte die Brüder aus Skaterzeiten, er hatte sie auch schon tätowiert. Nun entwarf Trzaska für Freifrau ein Ölgemälde, das vom belgischen Unternehmen Meisterwerke zu einem Gobelin-Stoff gewebt wurde, als Bezug für den Freifrau-Stuhl Leya. Das Ergebnis überzeugte den Vater. „Ich freue mich jedes Mal, wenn ich durch die Produktion gehe und sehe, wie oft der Bezugsstoff genutzt wird“, sagt Hansjörg Helweg. Ein weiterer Stoff von Christian Trzaska ist gerade fertig geworden.

MIT BEINEN UND KUFEN

Ihre erste komplette Eigenproduktion haben die Zwillinge auch schon in Angriff genommen, mit der Designerin Hanne Willmann. Die Berlinerin hatte sich beim Vater mit der Idee zu einer Leuchte gemeldet. Daraus wurde dann ein Stuhl, den die Söhne neu ins Portfolio aufnehmen und bald auch vorstellen werden. Ursprünglich war Freifrau als Sitzmöbel-Manufaktur gedacht – und nannte sich auch so. Alles drehte sich um Stühle und Sessel: mit Beinen und Kufen, zum Schaukeln oder zum An-die-Decke-Hängen, mal etwas höher als Hocker für die Bar oder etwas tiefer als Pouf für die Füße.

Die meisten Entwürfe steuerten Hoffmann und Kahleyss bei. Doch nach und nach kamen weitere meist junge Designer hinzu: das Münchner Duo Neuland, hinter dem Eva Paster und Michael Geldmacher stehen, die Berliner Hauke Murken und Sven Hansen (Murken Hansen), der Hannoveraner Patrick Frey, der Offenbacher Sebastian Herkner, die Hamburgerin Anne Lorenz und die Tschechin Lucie Koldova.

Beim Zuschneiden von Stoff und Leder dienen Schablonen als Schnittmuster.
Beim Zuschneiden von Stoff und Leder dienen Schablonen als Schnittmuster.

Nun hat Freifrau das Wort Sitzmöbel aus dem Namen gestrichen, die Marke nennt sich nur noch „Freifrau Manufaktur“. Künftig wollen sie auch andere Möbelstücke und Accessoires in die Produktpalette aufnehmen. Das könnte auch gut für den Export sein. Der Anteil liegt seit Jahren bei 35 Prozent, meist wird ins deutschsprachige Ausland und in die Benelux-Länder geliefert, auch Australien, die Vereinigten Staaten und China stehen auf der Liste. Die meist weichen Sitzmöbel sind besonders in Restaurants und Hotels beliebt, im Four Seasons in Toronto, im Le Meridien in Wien oder im Hotel The Warehouse in Singapur.

Der Vater, sagt Niklas Helweg, sei näher am Alter der Zielgruppe, die Freifrau bediene. „Nichtsdestotrotz denke ich, dass wir uns durch PR und Marketing ein eher jüngeres Publikum erschließen können.“ Die Zwillinge finden die Möbel klassisch, aber trotzdem jung. Viel könne man über Bezugsstoffe lösen. „Der Vorteil ist“, sagt Vater Hansjörg Helweg, „dass ihr die Digitalisierung viel mehr im Fokus habt. Ich bin ja eher klassisch im Möbeleinzelhandel aufgestellt.“ Und der werde auf Dauer nicht Bestand haben. Da sei es wirklich von Vorteil, jüngere Leute im Unternehmen zu haben, die eher up to date seien.

Der Sessel Leyasol hat ein filigranes, wetterbeständiges Drahtgestell, sodass er drinnen und draußen stehen kann.
Der Sessel Leyasol hat ein filigranes, wetterbeständiges Drahtgestell, sodass er drinnen und draußen stehen kann.

Eine Revolution werden die Söhne dennoch nicht anzetteln. Sie wollen auch nicht die Aufgaben untereinander verteilen, nach dem Motto, der eine macht nur das Kreative, der andere kümmert sich ums Geschäft, sondern projektbezogen arbeiten. „Klare Rollenverteilungen gibt es heute ja eher selten“, sagt Marc Helweg. „Bei uns gibt es sie auch nicht.“ Ständig beieinander sind die beiden auch nicht mehr. Marc Helweg wohnt in der Stadt und näher am Unternehmen. Er kommt morgens noch immer mit dem Skateboard zur Arbeit. Niklas Helweg lebt mit seiner Freundin zehn Kilometer entfernt auf einem Bauernhof, mit Hühnern und Pferden und Erdbeeren im Sommer. „Mit dem Skateboard ist es ins Büro zu weit. Ich fahre daher entweder mit dem Fahrrad oder gleich mit dem Auto.“


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Quelle: F.A.Z. Magazin

Veröffentlicht: 21.05.2021 15:09 Uhr