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Möbeldesign : Schlicht und einfach wohnen

Matthias Hahns „Kin“-Familie Bild: Zeitraum

Schränke, die sich anpassen, ein Kaffeetisch aus dem 3D-Drucker und eine schwebende Tischplatte: Die Designideen des Sommers kommen mal flexibel, mal verrückt, mal spielerisch leicht daher.

          3 Min.

          Sie gehören zur „Kin“-Familie, heißen „Coffee Table“ und „Frame“. Diese Möbelstücke setzen ganz unterschiedliche Akzente.

          Auswuchs

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Für einen Kleiderschrank ist „Kin Big“ eigentlich zu klein und für eine Kommode zu groß. Doch in solchen Kategorien denkt Mathias Hahn nicht. Warum auch sollte ein Kleiderschrank nur ein Kleiderschrank sein? „Unser Wohnumfeld verändert sich doch permanent“, meint Hahn. „Erst wohnen wir bei den Eltern, dann in einer Studenten-WG, später in einem Einfamilienhaus.“ Dafür hat der Designer Möbel entworfen, die sich anpassen können und nie fehl am Platz zu sein scheinen. „Kin Big“ zum Beispiel (auf dem Bild oben der zweite von links) ist nicht nur ein Kleiderschrank, der als Zweitürer im Kinderzimmer oder – auf einem Korpus mit zwei Schubladen – im Elternschlafzimmer stehen kann, sondern auch ein Sideboard im Esszimmer oder eine Garderobe im Flur. Die „Kin“-Familie (für Zeitraum) soll gerade so viel Stauraum bieten wie nötig. Sie wächst mit, lässt sich aneinander reihen und übereinander stapeln, kann aber auch wieder verkleinert werden.

          Hahn, Jahrgang 1977, hat Industriedesign an der Universität Duisburg-Essen studiert, die heute wieder Teil der Folkwang Hochschule ist. Mit seinem Diplom in der Tasche ging er vor zwölf Jahren nach London und hängte noch einen MA in „Design Products“ bei Ron Arad am Royal College of Arts an. Danach blieb er in London, wo er seit zehn Jahren sein eigenes Studio führt. Eine seiner letzten Arbeiten, die Leuchte „Thaia“ (für Marset), wurde im Mai im Museum of Modern Art in New York mit dem „NYCxDesign Award“ ausgezeichnet. „Thaia“, benannt nach der Mutter des Sonnengottes Helios, der Mondgöttin Selene und der Göttin der Morgenröte, Eos, spielt mit Licht und Schatten. Zwei Halbkugeln, horizontal und vertikal angeordnet, überschneiden sich. Durch einen Dreh lassen sich Lichteffekte wie bei einer Mond- oder Sonnenfinsternis erzielen. So passt sich auch diese Leuchte fast allen gewünschten Lichtbedürfnissen an.

          Ausdruck

          Ein Gemälde von Diego Velázquez im Kunsthistorischen Museum in Wien war die Inspirationsquelle. „Die weißen Kragen auf den Bildern schauten total verrückt aus“, sagt Clemens Auer. Zugleich wirkten die stattlichen Halskrausen
          so stabil, dass der Designer Lust bekam, sie nachzubauen, um auf ihnen etwas abzustellen. Die Idee des „Coffee Tables“ war geboren. Doch der Faltenwurf, wenn er nicht aus Stoff ist, ließ sich aus Holz, Metall oder Glas und mit herkömmlichen Werkzeugen nicht herstellen. „So bin ich relativ schnell beim 3-D-Druck gelandet“, erzählt der Österreicher, der an der FH Joanneum in Graz Industrial Design studiert hat.

          Clemens Auers „Coffee Table“

          Auer, Jahrgang 1982, experimentierte lange, bevor er einen ersten Prototypen vorstellen konnte. Das Material seiner Wahl ist Polymethylmethacrylat (PMMA), ein synthetischer, eigentlich transparenter, thermoplastischer Kunststoff. Das Pulver allerdings verliert beim Aushärten seine Durchsichtigkeit, es wird milchig weiß und damit den Velázquez-Kragen nur noch ähnlicher. Auer stülpt seine Krause über ein Gestell aus dunklem Metallblech, was den Kontrast noch verstärkt. Ganz glücklich ist er mit der Umsetzung seiner Idee noch nicht, allerdings steht das Drucken von Möbeln auch noch am Anfang. „PMMA ist das beste Material, das ich finden konnte“, sagt Auer. Das ausgehärtete Pulver aber ist nicht widerstandfähig genug. Und uneben ist der Tisch noch dazu. Da fällt schnell mal ein Becher um, und die Kaffeeflecken lassen sich nicht einfach wegwischen. Noch nicht.

          Austausch

          Er sollte keine Ecken haben, zumindest nicht die üblichen, an denen die Beine angeschraubt sind. So entwarf Jonathan Radetz einen Tisch, der unter seiner Platte einen stabilen Rahmen aus Metall hat, der dem Ganzen auch seinen Namen gibt: „Frame“. Für seine Funktionalität und sein Design wurde der Entwurf Ende August auf der Konsumgütermesse Tendence in Frankfurt als „Trendprodukt des Jahres“ ausgezeichnet. „Ich wollte den Tisch auf das Wesentliche reduzieren“, sagt Radetz. Die massive Tischplatte, auf dem Bild oben besteht sie aus Europäischer Eiche, scheint auf dem Gestell aus Stahl zu schweben. „Das verleiht ,Frame‘ seine spielerische Leichtigkeit.“ Der Tisch, und das macht ihn so funktional, lässt sich ganz einfach zerlegen und flach verpacken: Die Beine wie auch der Metallrahmen sind zusammengesteckt und werden mit Schrauben zusammengehalten.

          Jonathan Radetz’ „Frame“

          Mit Holz kennt sich der gelernte Tischlermeister, der seit 2013 ein Studio in Frankfurt hat, aus. Radetz, Jahrgang 1985, hat in Garmisch-Partenkirchen Raum- und Objektdesign studiert. Er schätzt alte Handwerkstraditionen. Im Sommer stellte er eine ungewöhnliche Glasschalen-Kollektion vor. „Moon“ wird in einer hölzernen Form mundgeblasen. Die Form umschließt dabei nur den unteren Teil der größer werdenden Blase, der obere Teil wird von Hand in Form gebracht. Der runde Hohlkörper wird in zwei Hälften geschnitten. Meistens wird nur der untere Teil verwendet, der Rest wird wieder eingeschmolzen. Radetz aber nutzt auch das obere Halbrund – mit dem Loch, durch das geblasen wurde, sowie die hölzerne Form. So entstehen in einem Arbeitsgang gleich drei Schalen.

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