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Möbeldesigner Moormann : Freibeuter und Kleinhäusler

Buchablage? Beistelltisch? Der Liesmichl Bild: Jan Roeder

Im Chiemgau entwirft Deutschlands ungewöhnlichster Designer Möbel mit Ecken und Kanten - und hat auch selbst einige davon. Nun strebt er sogar eine Lösung für Mikrowohnungen an.

          6 Min.

          Nils Holger Moormann ist ein eigensinniger und rechthaberischer Chef, und überheblich noch dazu. Ob er sich selbst so sieht oder seine Angestellten, ist nicht überliefert, auf jeden Fall steht diese Charakterisierung für alle sichtbar rechts neben dem Türrahmen zu seinem Büro. „d’Gschwoarschädl“, oberbayrisch für eitler Sturkopf, steht klein unter dem pompösen Titel „General Executive Board“ und entlarvt jegliche Internationalität und Großmannssucht, noch bevor sie aufkommen könnte, als Provinzposse. Wer in diesem Büro arbeitet, nimmt das Leben nicht ernst, nicht einmal sich selbst.

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Aber Möbel. In Aschau im Chiemgau, wo das verschneite Oberbayern an einem sonnigen Wintertag fast schon unwirklich in den Landesfarben strahlt, hat Moormann Tisch, Stuhl und Regal zwar nicht neu erfunden, aber zumindest neu hinterfragt. Für gute Ideen kämpft er mit dem Eifer eines Konvertiten, setzt sie gegen Widerstände durch und handelt nicht selten wider die ökonomische Räson. Hätten bei Moormann, wie bei den großen Möbelherstellern üblich, die Controller das Sagen, dürfte es viele seiner Stücke gar nicht geben. Zum Beispiel den Pressed Chair: „Total daneben, hätten wir nie machen dürfen“, sagt Moormann und strahlt. Er entdeckte den Entwurf auf einer Messe und war sofort Feuer und Flamme: Aus einem flachen Aluminiumblech wird die Kontur eines Stuhls geschnitten und dann mit viel Druck in Form gepresst. „Wow! Wir wussten sofort, dass der Berg riesig ist, die Investitionen immens und sich das Ding niemals lohnen würde.“

          Und dann ging’s los. Ob der Stuhl sich denn verkauft hat? „Nö. Irgendwie schon, aber nicht so, dass er die Investitionen auch nur im Ansatz wieder reingespielt hätte.“ Aber ist das Ziel eines Möbelunternehmers nicht, Geld mit seinen Produkten zu verdienen? Moormann überlegt. „Natürlich.“ Er sei schließlich kein Träumer. Aber da sei noch etwas anderes, was der Stuhl dem Unternehmen gebracht habe und das sich pekuniär nicht messen lasse: „Er hat uns Freiheit gegeben und Stolz.“ Die Freiheit, nicht geldgetrieben handeln zu müssen, wenn man für eine Idee brennt. Und vielleicht noch wichtiger: Die Freiheit, die angestammte Welt zu verlassen. „Sonst heißt es doch, der Moormann kann nur Holz. Aber mit dem Pressed Chair haben wir gezeigt, dass wir auch Technologie können. Ich will nicht Deutschlands bester Bretterbohrer sein.“

          Ehrliche Baustoffe, kein Hochglanz

          Als solcher ist Nils Holger Moormann bekannt geworden. In den Achtzigerjahren als er anfing, konnten die Oberflächen nicht poliert genug sein, doch Moormann setzte als einer der Ersten auf Mitteldichte Holzfaserplatten (MDF) und Birkensperrholz - Materialien, deren Ruf genauso sexy war wie die Namen. Es sind ehrliche Baustoffe, die ihre industrielle Herkunft nicht verheimlichen und erst richtig gut werden, wenn sie einen Kratzer haben oder besser noch zwei. Aus diesen Stoffen macht Moormann Möbel für Menschen, die ihren löchrigen Kaschmirpulli lieber mit Flicken tragen als sich einen neuen, qualitativ schlechteren, zu kaufen. Wer seine Bücher im Regal nach der Farbe der Einbände sortiert, wird mit ihm nicht warmwerden.

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