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Designer Duo The New Raw : Möbel aus der Tube

Von Athen nach Rotterdam: Panos Sakkas und Foteini Setaki verließen nach ihrem Architekturstudium ihre Heimat Griechenland auch, weil das Land 2010 wirtschaftlich am Boden lag und ihnen keine Zukunft bot. Bild: PR

Für das Designer Duo The New Raw ist der Kunststoff, der als Müll zu Lande und zu Wasser zu finden ist, ein wertvoller Rohstoff: Panos Sakkas und Foteini Setaki schmelzen ihn ein und formen mit 3-D-Druckern neue Produkte daraus.

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          Syros, so heißt es in der Eigenwerbung, sei die Insel, auf der griechische Tradition und westliche Einflüsse eine harmonische Ehe eingehen. Anders gesagt: Die Insel, etwa 150 Kilometer südöstlich von Athen im Ägäischen Meer gelegen, ist ein beliebtes Reiseziel – wenn man von Corona- Zeiten absieht. In manchen Sommern verdoppelt sich die Zahl der etwa 22.000 Einwohner auf Syros. Die Touristen bringen auch Probleme mit, Plastikmüll zum Beispiel. Auf allen Kykladen- Inseln herrscht ein Mangel an Trinkwasser, besonders in den Sommermonaten. Entsalzungsanlagen versorgen die Einwohner zwar größtenteils mit Wasser, das aus dem Meer gewonnen wird. In der Hochsaison aber muss es zusätzlich mit Tankschiffen und in zigtausend Plastikflaschen auf die Inseln gebracht werden. „Die Flaschen liegen dann überall herum“, sagt der Architekt Panos Sakkas.

          Peter-Philipp Schmitt
          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Es ist kein griechisches, sondern ein globales Problem, um das sich Panos Sakkas und seine Frau Foteini Setaki ganz grundsätzlich kümmern. „Plastik“, sagt sie, „ist für uns fast schon zu einer zweiten Natur geworden, einer künstlichen, die alles zu überlagern droht – egal ob an Land oder in den Meeren.“ Sakkas und Setaki sehen in dem achtlos weggeworfenen Kunststoff auch nicht Abfall, sondern Wertstoff. Sie nennen es einen „Designfehler“, dass Verpackungen oft aufwendig gestaltet werden, nur um dann nach einmaliger Nutzung gleich wieder weggeworfen zu werden. Plastik kann und sollte ein langlebiger Rohstoff sein, sagen sie. Genau da setzen die beiden Griechen an. Darum nennen sich die Designer aus Athen, die inzwischen in Rotterdam leben und arbeiten, The New Raw.

          Zu mühsam und zu teuer

          Im September 2015 luden Panos Sakkas und Foteini Setaki die Bevölkerung der Insel Syros, die etwas kleiner als die größte nordfriesische Insel Sylt ist, zu einem Workshop ein. Zunächst wurde Plastikmüll gesammelt. Danach konnte, wer wollte, Becher und Flaschen, Trinkhalme und Verpackungen selbst schreddern und dabei zusehen, wie aus dem Abfall zunächst ein geschmolzener Faden und schließlich ein neues Produkt aus dem 3 D-Drucker wurde: ein Puzzleteil für Kinder, ein kleiner Spielzeughund („PET for Pets“), eine Sonnenbrille. „Das Spannende an Syros ist, dass es ein geschlossenes Ökosystem ist“, sagt Sakkas. Der Müll auf der Insel kann nicht so einfach entsorgt werden, er muss aufwendig per Schiff aufs Festland transportiert werden.

          Mit Erde gefüllt: Die Bänke bestehen aus 80 Kilogramm wiederverwertetem Kunststoff und sind auch für den Privatgebrauch zu haben.
          Mit Erde gefüllt: Die Bänke bestehen aus 80 Kilogramm wiederverwertetem Kunststoff und sind auch für den Privatgebrauch zu haben. : Bild: PR

          Sakkas und Setaki haben daher einen Kreislauf in Gang gesetzt: Aus altem Plastik wird neues Plastik, das am Ende wieder auf der Insel gesammelt, geschreddert und recycelt werden kann, um zu einem weiteren Produkt zu werden. Das klingt vielversprechend. Ist es auch. Aber auch nicht billig. Der Kunststoffmüll muss nicht nur gesammelt, sondern oft auch noch sortiert und zum Beispiel von Aluminiumresten befreit werden, bevor er weiter verarbeitet werden kann. „Für die Industrie ist das oft zu mühsam und zu teuer“, sagt Setaki. Neuen Kunststoff zu verwenden sei daher fast immer billiger als recycelten. Darum werde Plastikmüll oft einfach verbrannt. Sakkas und Setaki wollen das Sammeln und Sortieren dezentralisieren, wie sie es auf Syros getan haben.

          Mehr als 20 Millionen Tonnen Kunststoff einsparen

          Den mühsamen Teil der Verwertungskette haben die Einwohner dort selbst übernommen. Wie groß das globale Problem mit dem Plastikmüll ist, haben amerikanische Forscher errechnet: Demnach wurden seit den fünfziger Jahren mehr als acht Milliarden Tonnen Plastik produziert – eine schier unglaubliche Menge. Etwa fünf Milliarden Tonnen sind heute noch vorhanden: auf Deponien, in der freien Natur, in den Weltmeeren. In jedem Quadratkilometer der Meere schwimmen nach Angaben der Umweltorganisation World Wide Fund For Nature (WWF) mittlerweile Hunderttausende Stücke Plastik. Mit fatalen Folgen: „Seevögel verenden qualvoll an Handyteilen in ihrem Magen, Schildkröten halten Plastiktüten für Quallen, und Fische verwechseln winzige Plastikteilchen mit Plankton.“

          Besonders Strände unbewohnter Inseln versänken im Müll. „Auch direkt vor unserer Haustür, in der Nordsee beispielsweise, sind Plastikabfälle eine allgegenwärtige Gefahr für Fische, Vögel und Meeressäuger.“ Deutschland verschwendet laut WWF wertvolle Ressourcen im Umgang mit Kunststoffverpackungen: Zu rund 90 Prozent werden sie hierzulande aus Neukunststoff gefertigt, mehr als die Hälfte wird nach Gebrauch verbrannt. Jährlich sind das 1,6 Millionen Tonnen Kunststoffverpackungen im Wert von 3,8 Milliarden Euro. „Trotz hoher Sammel- und Recyclingquoten ist das deutsche Kunststoffsystem derzeit hoch linear, das heißt eine Einbahnstraße von der Produktion zur Entsorgung“, so der WWF. Die Umweltorganisation hat aber auch eine Lösung parat: Zu den wichtigsten Stellschrauben zählten innovative Wiederverwendungsmodelle, das Vermeiden und Minimieren unnötiger Verpackungen sowie recyclinggerechtes Design. Bis 2040 könnten auf diese Weise mehr als 20 Millionen Tonnen Kunststoff in Deutschland eingespart werden – das entspricht mehr als dem sechsfachen Jahresverbrauch an Kunststoffverpackungen.

          Die Analyse zeigt, dass Deutschland bis 2040 das Gesamtabfallvolumen um 40 Prozent, den Verbrauch von Neuplastik um rund 60 Prozent und die Verbrennung von Abfällen zur Energiegewinnung um mehr als 70 Prozent reduzieren könne. Dies wäre auch ein wirksamer Baustein für den Klimaschutz: 68 Millionen Tonnen Treibhausgase könnten so bis 2040 eingespart werden. Laufe dagegen alles weiter wie bisher, schreibt der WWF, werde allein die Herstellung und Entsorgung von Kunststoffverpackungen etwa fünf Prozent des deutschen Treibhausgasbudgets bezogen auf das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens beanspruchen.

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          Auf Kunststoff will und kann die Welt nicht verzichten. In Pandemie-Zeiten schon gar nicht. Corona hat den Verbrauch noch erhöht, um 50 Prozent, wie Panos Sakkas schätzt. Gerade in der Medizin sind Einwegprodukte aus Plastik aus hygienischen Gründen nahezu alternativlos. Dadurch fällt aber vor allem eines an: viel Müll. Wobei sich Panos Sakkas und Foteini Setaki genau an diesem Wort stören: Müll. Sie sagen, es gehöre aus dem Wortschatz gestrichen. Die beiden, er ist 41, sie 38 Jahre alt, hat es auch durch das Studium in die Niederlande verschlagen. Nachdem sie zunächst in Athen an der Technischen Universität Architektur studiert hatten, verließen sie Griechenland 2010 aber auch, weil sie in dem wirtschaftlich am Boden liegenden Land keine Zukunft für sich sahen. Nach einem Master-Studiengang in Delft machten sie sich selbständig. „Rotterdam“, sagt Panos Sakkas, „ist viel strukturierter als Athen. Auch was die Zusammenarbeit gerade auf dem Gebiet des Recyclings angeht.“ 

          Gebogen und gefaltet: Die Umkleidekabine und die Strandliege von The New Raw kommen ohne Leim und Schrauben und ohne metallenes Stützkorsett aus. Stabilität bekommen sie allein durch die vorgegebene Form.
          Gebogen und gefaltet: Die Umkleidekabine und die Strandliege von The New Raw kommen ohne Leim und Schrauben und ohne metallenes Stützkorsett aus. Stabilität bekommen sie allein durch die vorgegebene Form. : Bild: PR

          Das Studio der beiden befindet sich in Delfshaven, einem Stadtbezirk von Rotterdam auf dem rechten Ufer der Nieuwe Maas. Im Zentrum des alten Gebäudes, in dem viele Kreative ihre Werkstätten und Büros haben und das direkt an einem alten Hafenbecken liegt, befindet sich das Herzstück von The New Raw, der Raum, in dem ihre Produkte entstehen. Sie haben eigens zwei große Industrieroboter von Kuka so umgebaut, dass sie damit nun Möbel und andere Dinge wie etwa Vasen drucken können. Der auf 200 Grad erhitzte flüssige Kunststoff wird dabei vorne am Roboterarm wie aus einer Tube herausgedrückt. Schicht für Schicht entsteht eine von ihnen eigens entworfene Parkbank, eine Strandliege oder eine Umkleidekabine. Das Besondere: Ihre Produkte kommen ohne Leim und Schrauben und metallenes Stützkorsett aus. Stabilität bekommt der verfestigte Kunststoff allein durch die ihm vorgegebene Form, durch Knicke und Falten, aber auch die besondere Struktur, die sich durch die aufeinander aufbauenden Schichten der fadenförmigen Plastikmasse ergibt.

          „Print Your City“ heißt ein Projekt, das am besten sichtbar macht, worum es The New Raw geht. 2018 gegründet, entstanden für Thessaloniki Stadtmöbel aus Hausmüll, der von Bewohnern gesammelt worden war. Die geschwungenen Bänke sind wie alle 3 D-Produkte des Designer- Duos hohl, in diesem Fall aber mit Erde gefüllt und nach oben hin offen, so dass ein Baum aus dem Sitzmöbel herauswachsen kann. Das ist nicht nur lustig anzusehen, es ist auch funktional: Die Bänke sind so schwer, dass sie nicht gestohlen werden können. „Eine Bank wiegt ohne Inhalt etwa 80 Kilogramm“, sagt Foteini Setaki. „Das sind 80 Kilogramm wiederverwerteter Kunststoff und entspricht 208 Kilogramm CO2, die eingespart wurden.“

          Drei bis vier Recycling-Kreisläufe

          The New Raw experimentiert ständig mit den Möglichkeiten, die der besondere Rohstoff bietet. In einem Regal liegen Dutzende Versuche aus ihren Spritzrobotern. Nicht alle Kunststoffe lassen sich wiederverwerten, aber Polypropylen, der am zweithäufigsten verwendete Kunststoff, aus dem vor allem Verpackungen bestehen, ist genauso gut einsetzbar wie Polyethylenterephthalat, kurz PET. Derzeit testen sie Polycarbonate.

          Auch bei den Farben stößt das Duo an Grenzen: Alt- Plastik, das bunt zusammengewürfelt eingeschmolzen wird, ergibt am Ende stets ein eher langweiliges Grau. Deswegen kommt es auf die richtige Mischung an. „Was gar nicht geht, sind ein strahlendes Weiß und ein knalliges Gelb“, sagt Foteini Setaki. Überhaupt seien leuchtende Farben schwierig. An diesem Morgen soll eine grünliche Parkbank entstehen. Langsam setzt sich der Roboterarm in Bewegung und formt erst eine kleine Schnecke, bevor er sich in immer größeren Kreisen in die Höhe schwingt, so wie es ihm der Algorithmus aus dem Computer vorgibt. Nach wenigen Sekunden sind die Endlos-Würmchen schon hart, nach ein paar Stunden stabil genug, dass man auf der fertigen Bank sitzen kann. Plötzlich stoppt Panos Sakkas den Vorgang – die Farbe entspricht nicht seinen Erwartungen. Ausschuss indes gibt es nicht: Der Kunststoff wird einfach geschreddert und neu eingeschmolzen. „Drei bis vier solcher Recycling-Kreisläufe sind möglich“, sagt Sakkas.

          The New Raw hat inzwischen viele Auftraggeber und auch eine Reihe von Produkten im Portfolio: Für Amsterdam haben sie eine Bank und einen Mülleimer entworfen, der sich in der Form an den alten Metalleimern der Stadt orientiert. Für Coca-Cola in Griechenland entstanden die Umkleidekabine, die Strandliege und zudem Fußmatten, die einen Pfad bilden können, der über den heißen Sand führt. Der Rohstoff der Schalen und Vasen für die Aikaterini-Laskaridis- Stiftung in Piräus sowie die Hocker, Stühle und Tische für die von der Stiftung ins Leben gerufene Aktion Blue Cycle kommt aus dem Meer. Für sie wurden alte Fischernetze aus Kunststoff wiederverwertet. „Wir glauben, das ist die Zukunft“, sagt Panos Sakkas. Vor zehn Jahren habe noch niemand über Blue Economy geredet. Inzwischen gebe es aber kaum etwas Wichtigeres mehr als eine Wirtschaft, die sich an der Natur, orientiert, an unserem blauen Planeten.

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