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Möbel aus Pappe : Für Pappenheimer

Eins, zwei, drei, Bett: Das Modell von „Room in a box“ kommt per Post und ist schnell einsatzbereit. Bild: Room In A Box

Provisorischer Charme oder einfach scheußlich? Möbel aus Pappe liegen im Trend - und schaffen es doch nicht aus der Nische heraus.

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          Wer bald umzieht, dem graut es: Ob Regal und Bett, einmal mühsam auseinandergebaut, wieder zusammenpassen? Wie soll man bloß den wertvollen Eichenschrank unbeschadet die Treppe herunter wuchten? Und hoffentlich streiken die Freunde nicht, wenn sie das schwere Mobiliar in den fünften Stock der neuen Altbauwohnung tragen müssen! Geht das nicht etwas leichter, unkomplizierter, schneller?

          Anne-Christin Sievers
          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Ja, das geht. Mit Möbeln aus Pappe. Das graubraune Material, das für viele eher Gedanken an die Studentenbude als an die Loftwohnung weckt, lässt sich vielfältig anwenden: Auf Pappmöbeln kann man schlafen oder sitzen, an ihnen essen und arbeiten. Sie faszinieren, sind schnell auf- und wieder abgebaut, funktional, relativ günstig und zum großen Teil aus umweltfreundlichem Altpapier, das sich zu 100 Prozent recyceln lässt.

          Außerdem wiegen sie fast nichts - praktisch, wenn man viel umzieht. Mit der richtigen Versieglung weist der Karton Wasser ab und ist feuerbeständig. Obendrein ist das geriffelte Wellenpapier extrem stabil - laut Herstellern kann ein Kilo Rohmaterial das bis zu Tausendfache seines Gewichtes tragen - und die Möbel sollen 10 Jahre und länger halten.

          Ideal für schnelle Umzüge

          Doch trotz der Vorteile haben es Bett und Regal aus Zellulose schwer, in deutschen Wohnungen heimisch zu werden. Pappmöbel seien gerade angesagt, heißt es, als Massenprodukt hätten sie sich aber noch nicht durchgesetzt.

          Merkwürdig, liegen doch viele Ideen in der Luft, die den Pappmöbeln zum Durchbruch verhelfen müssten. Ohne großen Ballast durchs Leben gehen, das wollen viele Großstadtnomaden. Wer vom Bachelorstudium zum Praktikum, weiter zum Master, zum ersten Job und zur Weltreise zieht, mag sich nicht mit einer kompletten Wohnungseinrichtung beschweren. Selbst Menschen jenseits der Vierzig müssen beruflich mobil sein. Schnell für den Job umziehen, ein Jahr für ein Projekt nach München - das gehört mittlerweile für viele Arbeitnehmer zum Alltag.

          Ein Bett, das sich in Sekundenschnelle aufbauen lässt

          „Der Zeitgeist entwickelt sich für uns in die richtige Richtung“, ist auch Gerald Dissen überzeugt. Der 32 Jahre alte Wirtschaftswissenschaftler hat 2013 mit zwei Geschäftspartnern das Berliner Start-up „Room in a box“ gegründet. „Nachhaltige Produkte zu konsumieren wird vielen Menschen immer wichtiger, bisher vor allem an der Gemüsetheke. Im Wohnen ist der Trend noch nicht angekommen, aber hier sehen wir großes Potential.“

          Neben Stehtisch und Whiteboard hat das Unternehmen ein Bett aus Pappe entworfen. Die Schlafunterlage kommt per Post nach Hause und lässt sich dank seiner Wabenstruktur innerhalb von Sekunden ausziehen wie eine Ziehharmonika. Wer den braunen Pappton nicht mag, bekommt es in Weiß, Schwarz oder Petrol.

          Pappmöbel sind keine neue Erfindung

          Dabei ist die Idee, aus Pappe Möbel zu bauen, nicht neu. In Japan und China hat das Papier in der Inneneinrichtung eine jahrtausendealte Tradition. Doch galt die jüngere Pappe lange Zeit als grob und gewöhnlich. In Europa setzten sich die Pappmöbel erst im zweiten Teil des 20. Jahrhunderts durch. Das erste Stück, das in Serie ging, war ein geradliniger, v-förmiger Sessel namens „Otto“ aus dem Jahre 1968, den der Designer Peter Raacke in seiner Serie „Sitze für Besitzlose“ herausbrachte - das weltweit erste industriell gefertigte Möbelprogramm aus Wellpappe.

          Anfang der siebziger Jahre kreierte der amerikanische Architekt Frank O. Gehry aus Karton mit Taschenmesser und Handsäge siebzehn Entwürfe der Linie „Easy Edges“, darunter den Sessel „Wiggle Side Chair“, der aus Wellpappe extravagante Kurven zieht und, so roh geschnitzt, anmutet wie eine Plastik.

          Eine Welt aus Pappe bei Stange Design

          Neben den Klassikern aus Kartonage gehörte Stange Design zu den deutschen Vorreitern in Sachen Pappmöbel, seit mehr als 30 Jahren sind die Gestalter Hans-Peter Stange und seine Frau Mechtild im Geschäft. Eines ihrer bekanntesten Stücke ist das Bett „Dream“, das man ohne Werkzeug in kurzer Zeit faltet und zusammensteckt.

          Daneben hat die Berliner Firma eine ganze Welt aus Pappe geschaffen, allen voran ihr erstes Produkt, den sechseckigen Falthocker „Maks“ aus nur zwei Bauteilen, darüber hinaus Regale, Esstische, Kommoden oder das Schaf „Molly“, das als Zeitschriftenständer dient. Internationale Anbieter heißen Liquidesign aus London mit ihrem quietschbunt beklebten „Edge Coffee Table“ oder A4ADesign aus Mailand, die neben süßen Kinderstühlen auch Nashörner, Kakteen oder einen 1,90 Meter großen Weihnachtsbaum im Sortiment haben.

          Doch so günstig wie man vermutet sind die Pappmöbel nicht. Ein Doppelbett bei Stange Design kostet 128 Euro, bei Room in a box 189 Euro, Versand inklusive, dafür braucht man keinen Lattenrost. Zum Vergleich: Bei Ikea bekommt man das günstigste Bettgestell aus Kiefernholz zum Abholen schon für 49 Euro, drei weitere Modelle aus Holz, Stahl und Spanplatten für 99 Euro. Und die Holzoptik sagt den Kunden, die in Deutschland bei Möbeln sehr auf die Preise achten, oft mehr zu.

          Eine ganze Welt aus Pappe hat Stange Design aus Berlin im Sortiment.
          Eine ganze Welt aus Pappe hat Stange Design aus Berlin im Sortiment. : Bild: Stange Design

          Nichts für wahre Ästhetiker

          Am Material scheiden sich die Geister, die junge Grafikerin findet die Pappbetten „sehr cool“, eine ältere Kollegin einfach nur „scheußlich“. Ihnen hafte der Charme des Vorübergehenden, des Unfertigen an, sagen die Fans, und schwärmen von der kraftvollen Spröde des Materials. Anderen gefällt das Pappbraun einfach nicht, ihnen ist es zu profan - piefig, miefig, angestaubt.

          Schön muss man den Karton mit seiner rauhen Haptik nicht finden, der immer etwas nach Post-Paket aussieht - und auch so riecht. Hand aufs Herz, hohen ästhetischen Ansprüchen genügen die meisten Pappmöbel nicht.

          Kreative Entwürfe aus Asien

          Ausnahmen bestätigen die Regel: Darunter gibt es kreative Entwürfe von jungen, asiatischen Designern, die nicht nur funktional gestalten, sondern mit den Wellen aus Papier experimentieren: So hat der Taiwaner Chishen Shiu mit „FlexibleLove“ eine formbare Sofabank aus Karton entworfen, die sich 3,50 Meter ausziehen lässt wie eine Ziehharmonika und bis zu 8 Personen Platz bietet.

          Die Wabenstruktur nimmt verschiedene Formen an, mal als Rundbank, als Sitzecke oder als wellenförmige Bank. Und das japanische Studio „Nendo“ hat 2008 den „Cabbage Chair“ entworfen, einen Sessel aus kunstharzbeschichteten Papierlagen, die Schicht für Schicht hinuntergezogen werden, als öffne eine wundersame Blüte nach und nach ihre Blätter.

          Futuristisch und floral zugleich: Der Sessel „Cabbage Chair“ aus kunstharzbeschichteten Papierlagen, entworfen vom japanischen Studio „Nendo“
          Futuristisch und floral zugleich: Der Sessel „Cabbage Chair“ aus kunstharzbeschichteten Papierlagen, entworfen vom japanischen Studio „Nendo“ : Bild: Archiv

          Zugegeben, Pappmöbel beeindrucken durch ihre Funktionalität, ihre Stabilität, ihre Umweltfreundlichkeit. Für manche Zwecke und Lebensphasen erweisen sie sich als praktisch. Doch sie sind gemacht für ein Nomadenleben, das die wenigsten führen würden, wenn sie es nicht müssten. Der Reiz des Materials ist zugleich sein größter Makel: Inmitten von Pappe fühlt man sich selbst immer auf dem Sprung.

          Doch wer möchte auf Dauer im Provisorium leben? Gerade weil die Welt ungemütlicher, das Leben schneller und das Arbeiten flexibler wird, sehnt man sich zu Hause nach einem Gegenpol, nach Geborgenheit, Ruhe und Beständigkeit - auch bei Möbeln und Stoffen.

          Vielleicht ist es eine Frage der Generation, ob man den ökologischen Look des Naturkartons als schön empfindet. Oder es ist alles nur eine Kopfsache, und das Material ließe sich mit anderen Bedeutungen versehen, kulturell umcodieren, so dass die meisten nicht mehr an billige Verpackung, sondern an Loftwohnung denken. Bis dahin bleiben Pappmöbel wohl eine Nische, in die aber viel passt, wenn man sie nur geschickt zusammenfaltet.

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