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Möbel aus Pappe : Für Pappenheimer

Eine Welt aus Pappe bei Stange Design

Neben den Klassikern aus Kartonage gehörte Stange Design zu den deutschen Vorreitern in Sachen Pappmöbel, seit mehr als 30 Jahren sind die Gestalter Hans-Peter Stange und seine Frau Mechtild im Geschäft. Eines ihrer bekanntesten Stücke ist das Bett „Dream“, das man ohne Werkzeug in kurzer Zeit faltet und zusammensteckt.

Daneben hat die Berliner Firma eine ganze Welt aus Pappe geschaffen, allen voran ihr erstes Produkt, den sechseckigen Falthocker „Maks“ aus nur zwei Bauteilen, darüber hinaus Regale, Esstische, Kommoden oder das Schaf „Molly“, das als Zeitschriftenständer dient. Internationale Anbieter heißen Liquidesign aus London mit ihrem quietschbunt beklebten „Edge Coffee Table“ oder A4ADesign aus Mailand, die neben süßen Kinderstühlen auch Nashörner, Kakteen oder einen 1,90 Meter großen Weihnachtsbaum im Sortiment haben.

Doch so günstig wie man vermutet sind die Pappmöbel nicht. Ein Doppelbett bei Stange Design kostet 128 Euro, bei Room in a box 189 Euro, Versand inklusive, dafür braucht man keinen Lattenrost. Zum Vergleich: Bei Ikea bekommt man das günstigste Bettgestell aus Kiefernholz zum Abholen schon für 49 Euro, drei weitere Modelle aus Holz, Stahl und Spanplatten für 99 Euro. Und die Holzoptik sagt den Kunden, die in Deutschland bei Möbeln sehr auf die Preise achten, oft mehr zu.

Eine ganze Welt aus Pappe hat Stange Design aus Berlin im Sortiment.
Eine ganze Welt aus Pappe hat Stange Design aus Berlin im Sortiment. : Bild: Stange Design

Nichts für wahre Ästhetiker

Am Material scheiden sich die Geister, die junge Grafikerin findet die Pappbetten „sehr cool“, eine ältere Kollegin einfach nur „scheußlich“. Ihnen hafte der Charme des Vorübergehenden, des Unfertigen an, sagen die Fans, und schwärmen von der kraftvollen Spröde des Materials. Anderen gefällt das Pappbraun einfach nicht, ihnen ist es zu profan - piefig, miefig, angestaubt.

Schön muss man den Karton mit seiner rauhen Haptik nicht finden, der immer etwas nach Post-Paket aussieht - und auch so riecht. Hand aufs Herz, hohen ästhetischen Ansprüchen genügen die meisten Pappmöbel nicht.

Kreative Entwürfe aus Asien

Ausnahmen bestätigen die Regel: Darunter gibt es kreative Entwürfe von jungen, asiatischen Designern, die nicht nur funktional gestalten, sondern mit den Wellen aus Papier experimentieren: So hat der Taiwaner Chishen Shiu mit „FlexibleLove“ eine formbare Sofabank aus Karton entworfen, die sich 3,50 Meter ausziehen lässt wie eine Ziehharmonika und bis zu 8 Personen Platz bietet.

Die Wabenstruktur nimmt verschiedene Formen an, mal als Rundbank, als Sitzecke oder als wellenförmige Bank. Und das japanische Studio „Nendo“ hat 2008 den „Cabbage Chair“ entworfen, einen Sessel aus kunstharzbeschichteten Papierlagen, die Schicht für Schicht hinuntergezogen werden, als öffne eine wundersame Blüte nach und nach ihre Blätter.

Futuristisch und floral zugleich: Der Sessel „Cabbage Chair“ aus kunstharzbeschichteten Papierlagen, entworfen vom japanischen Studio „Nendo“
Futuristisch und floral zugleich: Der Sessel „Cabbage Chair“ aus kunstharzbeschichteten Papierlagen, entworfen vom japanischen Studio „Nendo“ : Bild: Archiv

Zugegeben, Pappmöbel beeindrucken durch ihre Funktionalität, ihre Stabilität, ihre Umweltfreundlichkeit. Für manche Zwecke und Lebensphasen erweisen sie sich als praktisch. Doch sie sind gemacht für ein Nomadenleben, das die wenigsten führen würden, wenn sie es nicht müssten. Der Reiz des Materials ist zugleich sein größter Makel: Inmitten von Pappe fühlt man sich selbst immer auf dem Sprung.

Doch wer möchte auf Dauer im Provisorium leben? Gerade weil die Welt ungemütlicher, das Leben schneller und das Arbeiten flexibler wird, sehnt man sich zu Hause nach einem Gegenpol, nach Geborgenheit, Ruhe und Beständigkeit - auch bei Möbeln und Stoffen.

Vielleicht ist es eine Frage der Generation, ob man den ökologischen Look des Naturkartons als schön empfindet. Oder es ist alles nur eine Kopfsache, und das Material ließe sich mit anderen Bedeutungen versehen, kulturell umcodieren, so dass die meisten nicht mehr an billige Verpackung, sondern an Loftwohnung denken. Bis dahin bleiben Pappmöbel wohl eine Nische, in die aber viel passt, wenn man sie nur geschickt zusammenfaltet.

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