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Modewoche in Paris : Rollenspiele auf dem roten Teppich

Die Show als Show: Rapperin Cardi B modelt für Balenciaga. Bild: AFP

Bei Balenciaga erlebt die Pariser Modewoche ihren selbstreflexiven Moment: Designer Demna Gvasalia entlarvt die Show als Show. Dabei helfen sogar die Simpsons – und der lustigste Modefilm aller Zeiten.

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          So etwas hat die Modewelt noch nicht ge­sehen. Dabei waren die Erwartungen an dieses Defilee bescheiden: Für die Balenciaga-Schau am Samstagabend im Théâtre du Châtelet war ein „Screening“ angekündigt. Und nach anderthalb Jahren mit zumeist digitalen Schauen schrecken die Modeleute nichts mehr als gut gemeinte, aber meist tödlich langweilige Filme, in denen Kollektionen mit vermeintlicher Bedeutung aufgeblasen werden.

          Alfons Kaiser
          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Aufgeblasen sind an diesem Abend mitten in Paris aber nur die Looks. Und die sehen eigentlich wie immer aus, seitdem der Designer Demna Gvasalia das Erbe des spanischen Couturiers Cristóbal Balenciaga weit und breit interpretiert: Jacken wie Zirkuszelte, Hosen wie Grundsatzdebatten. Der Triumphbogen, der bis zum Wochenende Christo trägt, sieht im Vergleich zu Balenciaga aus, als hätte er sich in einen „skinny look“ von Saint Laurent gequetscht.

          Im Théâtre du Châtelet, in dem schon Gustav Mahler und Richard Strauss dirigierten, bevor es sich den populären Künsten öffnete, läuft dann wirklich ein Film ab. Die Zuschauer sehen per Direktübertragung den roten Teppich vor dem Haus, an dem die Fotografen auf die Models warten. Die ersten, die sie fotografieren, sind die Gäste, die zu spät kommen. Dann plötzlich wird „Look 1“ eingeblendet, also geht es wirklich los, wobei dann trotzdem noch Spätzünder kommen und zwischen den Models über den roten Teppich laufen. Schon damit ist die Mode als Illusionskunst entlarvt, in der kaum noch zu erkennen ist, wer nun Teil des Systems ist und wer nur Zuspätkommer. Die Zweifel werden auch durch die Models genährt, die dann ins Theater gehen und sich mitten ins Publikum setzen. Wer ist hier eigentlich wer? Oder sitzt man gar im Proseminar Erkenntnistheorie?

          Die Models sind nicht einfach nur Models

          Die Show als Show zu entlarven – zu solchen selbstreflexiven Gedankengängen sind nur große Modemacher fähig, wie Jean Paul Gaultier, der einst den Backstage-Bereich auf die Bühne brachte, oder Karl Lagerfeld, der seine teuren Chanel-Entwürfe durch einen nach­geahmten Hypermarché laufen ließ. Demna Gvasalia hatte den Modegläubigen schon zu Beginn seiner Balenciaga-Zeit adaptierte DHL-T-Shirts für mehr als 200 Euro angedreht (woraufhin sich wahre Kenner im DHL-Shop mit fast baugleichen T-Shirts für ein Vierzigstel des Preises eindeckten). Nun treibt er das Spiel mit der Mode auf allen Ebenen weiter.

          Ein Model präsentiert eine Kreation der Frühjahrs-und Sommer 2022 Ready-to-wear Kollektion von Balenciaga während der Pariser Modewoche. Bilderstrecke
          Modewoche in Paris : Eindrücke von der Balenciaga-Show

          Denn auch die Models sind natürlich nicht einfach nur Models. Entweder sie kommen wie Karen Boros von der extrem coolen Modelagentur „Tomorrow Is Another Day“. Oder es sind Schauspielerinnen wie Isabelle Huppert, Rapperinnen wie Cardi B, Freundinnen des Hauses wie Naomi Campbell. Als ob er das Rollenspiel noch auf die Spitze treiben will, schießt Fotograf Juergen Teller, der ebenfalls unvermutet als Model über den roten Teppich schwebt, Fotos von seinen Kollegen hinter der Kordel, die wiederum ihn beim Aufnehmen aufnehmen.

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