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Modewoche in Paris : Rollenspiele auf dem roten Teppich

Die größte Überraschung: Natalia Vodianova. Das russischstämmige Model ist schließlich mit dem Sohn von Bernard Arnault verheiratet – dem LVMH-Gründer und größten Konkurrenten des Kering-Konzerns, zu dem Balenciaga gehört. Leider ist im Halbdunkel des Theaters nicht so recht auszumachen, wie Kering-Chef François-Henri Pinault, der neben Gvasalia im ersten Rang sitzt, darauf reagiert. Er wird lächeln, denn seltsame Kooperationen gehören ja heute zur Mode – erst vergangenes Wochenende hat Fendi eine Kollektion für Versace und umgekehrt entworfen: Fendace!

Wie seltsam Kooperationen sein ­können, muss man aber Gvasalia nicht erzählen. Der georgischstämmige Designer, der teils in Deutschland aufwuchs und für seine eigene Marke Vetements auch schon die deutsche Provinz geadelt hat (mit dem Aufdruck „Ich komm’ zum Glück aus Osnabrück“), dreht das alles nämlich noch weiter. Kaum sitzen die 64 Models und Nicht-Models im Publikum und haben am Ende auf der Leinwand ihre Auftritte in Kurzform noch einmal an sich vorbeiziehen lassen, wird der lustigste Modefilm aller Zeiten gezeigt: „The Simpsons for Balenciaga“.

Und der geht ungefähr so: Homer Simp­son bestellt seiner Frau Marge ein Balenciaga-Kleid zum Geburtstag, und Springfield, der fiktive Heimatort der amerikanischen Zeichentrickfamilie, wird zum Mode-Hotspot. Marge, die nun nicht nur wegen ihrer Turmfrisur nicht mehr durch die Tür passt, sondern auch wegen der Balenciaga-Übergroßen mit den spitzen Schultern, schreitet schließlich über den Laufsteg – und die animierte „Vogue“-Chefin Anna Wintour in der ersten Reihe lässt eine Träne fallen, die sogleich in einem Flakon abgefüllt wird, als „Wintour No. 9“. Im Halbdunkel des ersten Rangs ist auch Wintours Reaktion nicht zu sehen. Aber siehe „Der Teufel trägt Prada“: Zur Selbstironie ist sie fähig, wenn es denn ihrem Mythos dient.

Hat man jemals eine solche Schau gesehen? „Nein“, sagt Modemacher Raf Simons, der nach der Schau mit Gvasalia plaudert und ganz nebenbei erzählt, dass Gvasalia, der ebenfalls in Antwerpen Mode studiert hatte, sich vor zehn Jahren bei ihm um ein Praktikum beworben hat, was Simons’ Team abgelehnt habe; er selbst habe davon gar nichts mitbekommen. Wer weiß, vielleicht wäre diese Karriere anders verlaufen, und Gvasalia wäre Assistent einer anderen Kooperation, nämlich Raf Simons’ Arbeit für Prada.

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So hat der Designer nun bei Balenciaga weiter­gearbeitet an seiner ganz speziellen Mischung aus Streetwear und Couture, unter anderem mit Upcycling-Denim und Leder aus Kaktusfasern und Biopoly­meren. Über die mit Crocs ent­wickelten metallbewehrten Cyber-Goth-Plattform-Schuhe kann man sicher streiten, auch über den superklobigen Defender-Sneaker mit Reifenprofil. Aber die Leute finden’s gut. Karen Boros, die schon zum fünften Mal für Balenciaga über den Laufsteg gegangen ist, sagt über ihr Kleid: „Ich würd’s am liebsten mit nach Hause nehmen.“

Wichtiger als die Mode ist in diesem Fall aber eben die Meta-Mode: „Demna hat sich über uns alle lustig gemacht“, sagt die Londoner Moderedakteurin und Stilikone Caroline Issa beim Hinaus­gehen. „Und trotzdem war es so toll – oder gerade deshalb.“

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